Wollen wir wirklich wie Steve Jobs sein?

Knapp ein Jahr nach dem Tod des Apple-Chefs gilt seine Biografie vielen Start-ups als Bibel, anderen als abschreckendes Beispiel

Fast ein Jahr ist es nun her, dass Steve Jobs, Mitgründer und CEO von Apple, an den Folgen seiner langjährigen Krebserkrankung gestorben ist. Die kurz nach Jobs Tod veröffentlichte Biografie von Walter Isaacson hält sich auch zehn Monate danach noch unter den Top-100-Bestsellern auf Amazon.

Das Buch wurde für viele Jungunternehmer buchstäblich zur Bibel, in der sie Rat und Inspiration für ihre Start-ups suchen. Für viele ist es jedoch auch abschreckendes Beispiel, wie die Obsession mit ihrer Arbeit ihr Privatleben zerstören kann. Wired-Autor Ben Austen hat mit "Jobs-Jüngern" und "Abtrünnigen" darüber gesprochen, welche Lehren sie aus Jobs' Vermächtnis gezogen haben.

Autoritärer Unternehmenschef

Galt Jobs schon zu Lebzeiten als autoritärer Unternehmenschef, der kein Scheitern duldete, wurde dieses Bild mit Isaacsons Biografie weiter gefestigt. Jobs habe den fixen Standpunkt gehabt, seinen Mitarbeitern regelmäßig vorzuwerfen, wie schlecht ihre Arbeit sei, um das Maximum aus ihnen herauszuholen.

Sein Perfektionismus habe weit über die Produkte von Apple hinausgewirkt. Chefdesigner Jony Ive habe etwa einmal persönlich ein Hotel für Jobs ausgesucht. Doch der CEO habe es nur "scheiße" gefunden und sofort wieder verlassen. Jobs habe das Gefühl gehabt, dass die üblichen Regeln des sozialen Miteinanders nicht für ihn gelten, schreibt Isaacson.

Jobs-Jünger

Für viele Jungunternehmen scheint dieser kompromisslose Weg nun Vorbild zu sein, ihren eigenen Fußabdruck im Business zu hinterlassen. Steve Davis, CEO von TwoFour, Tristan O'Tierney, Mitgründer von Square, Box-Chef Aaron Levie und Neal Sales-Griffin, Mitgründer und CEO der Code Academy, sind nur einige Beispiele der von Austen entdeckten "Jobs-Jünger".

24 Stunden am Tag erreichbar zu sein, Produkte bis ins kleinste Detail zu perfektionieren, das Privatleben hintanzustellen und Mitarbeiter ganz nach Jobs-Vorbild wie den letzten Dreck zu behandeln sei in ihren Augen der richtige Weg zum Erfolg. Kollateralschäden bei Familie, Freunden und Mitarbeitern würden in Kauf genommen, schreibt Austen.

Die "Abtrünnigen"

Auf der anderen Seite identifiziert der Wired-Autor die "Abtrünnigen" - einstige Fanboys, für die die Lektüre der Jobs-Biografie eine Ernüchterung gewesen sei. Jeff Atwood, Gründer von Stack Exchange, sei entsetzt über Jobs' Vaterrolle gewesen: "Wenn du daran scheitern willst, etwas aufzubauen, dann scheitere beim verdammten iPad, aber nicht bei deinen Kindern."

Studenten-Berater Verinder Syal vergleicht Jobs mit Dynamit: "Dynamit ebnet dir den Weg, aber es zerstört auch alles rundherum." Microsoft-Gründer Bill Gates habe sich vom "Arsch" in ein "menschliches Wesen" gewandelt, Jobs sei allerdings "Arsch" geblieben, so sein harsches Fazit. Für Stardock-CEO Brad Wardell stehe fest, dass Jobs' "Reality Distortion Field" auch daran schuld gewesen sei, dass er lange Zeit den Ernst seiner Krankheit geleugnet habe.

Kaum Vorbild für weibliche CEOs

Einen Grund für den Gesinnungswechsel vieler ehemaliger Jobs-Anhänger sieht Austen im Älterwerden. Viele der Männer, mit denen er gesprochen habe, seien nun in ihren 40ern, hätten selbst Kinder und würden davor zurückschrecken, ihre Familie ähnlich wie Jobs zu vernachlässigen. Bei weiblichen CEOs habe er Ähnliches nicht bemerkt.

Rashmi Sinha, CEO von SlideShare, und LinkShare-Mitgründerin Heidi Messer hätten die Biografie zwar ebenfalls als Inspiration für ihre Arbeit gelesen, seien jedoch nie auf die Idee gekommen, ihr privates Leben nach dem Vorbild des Apple-CEOs auszurichten. Austen erklärt das damit, dass weibliche Unternehmensgründerinnen in der Gesellschaft häufiger damit konfrontiert würden, Familie und Beruf unter einen Hut bringen zu müssen, als männliche Kollegen.

Zu einzigartig für ein Role-Model

Sich Jobs als Role-Model für einen Unternehmensgründer oder Manager zu nehmen könne ohnehin nicht aufgehen, warnt der Management-Professor und Autor von "The No Asshole Rule", Robert Sutton. Mehrere psychologische Studien hätten gezeigt, dass ein Unternehmenschef, der seine Mitarbeiter schlecht behandelt, langfristig keine besseren Ergebnisse herauskitzeln könne. Die meisten Angestellten, die so einem Unternehmensklima ausgesetzt seien, würden kündigen. Jobs sei zu einzigartig gewesen, um daraus allgemeingültige Regeln für die Unternehmensführung ableiten zu können.

Keine Anleitung

Biograf Walter Isaacson selbst meint, dass seine Bücher keine Lebensanleitungen seien. Viele Leser würden über Jobs' Leben mittlerweile so wie Fundamentalisten über die Auslegung der Evangelien debattieren. Für ihn sei das wahre Vermächtnis des Apple-Chefs die Leidenschaft, mit der Jobs ans Werk ging: "Wir wollen alle ein leidenschaftliches Leben führen", und wenn man sich diesbezüglich nach Steve Jobs richten wolle, sei das nicht das Schlechteste. (red, derStandard.at, 24.7.2012)

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