Unwetter: 55.000 Gebäude in der Steiermark in Gefahrenzone

24. Juli 2012, 13:15
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"Sünden der Vergangenheit" erzwingen teuren Schutz - Regierung verspricht Hilfe aus Katastrophenfonds

Graz - Die Mure vom vergangenen Wochenende hat St. Lorenzen im Paltental in der Obersteiermark zwar in der Dimension, nicht aber vom Ereignis her überraschend getroffen: Die rund 60 betroffenen Gebäude sind im Gefahrenzonenplan "rot" und "gelb" ausgewiesen. Das heißt, hier herrscht wegen der möglichen Bedrohung durch Hochwasser naher Bäche, Lawinen, Erdrutsche oder Steinschlag weitgehend Bauverbot. "Seit Gasen 2005 werden diese Gefahrenzonenplänen auch eingehalten", sagt Gerhard Baumann, Leiter der Wildbach- und Lawinenverbauung (WLV) Steiermark.

Die Tabuzonen gelten freilich nur für Neubauten - in der roten Zone stehen landesweit rund 17.000 Objekte als "Sünden der Vergangenheit". In der gelben Zone befinden sich weitere 38.000 Wohngebäude, insgesamt handelt es sich also um etwa 55.000 Objekte. Nach den jüngsten Ereignissen wird die Planung für die Neuerrichtung und Verbesserung der an sich in der Region schon dicht vorhandenen Schutzbauten forciert.

"Zu viel in gefährliche Bereiche gebaut"

Die Muren im oststeirischen Gasen vom 22. August 2005 markierten ein Umdenken in der Steiermark. Zwar gibt es das Bundesgesetz, wonach die dem Umweltministerium unterstellte Wildbach- und Lawinenverbauung für alle Gemeinden Gefahrenzonenpläne zu erstellen hat, schon länger. Die Bürgermeister als Baubehörde erster Instanz agierten in der Vergangenheit aber nicht immer vorausschauend und gaben öfter dem Baudruck nach. Dadurch entstand sukzessive auch immer mehr Sicherungsbedarf für Siedlungsraum und Infrastruktur. "Es wurde zu viel in gefährliche Bereiche hineingebaut", sagt Land- und Forstwirtschaftslandesrat Johann Seitinger (ÖVP).

Die Erstellung der Gefahrenzonenpläne wurde in der Steiermark 2011 abgeschlossen, Hotspots etwa rund um Trieben - zu dem auch die Katastralgemeinde St. Lorenzen gehört - verfügen schon viel länger über die entsprechenden Ausweisungen. Das Gefahrenpotenzial in diesem von rutschanfälligem Schiefergestein dominierten Gebiet ist groß: In den Gräben kann es nach größeren Niederschlagsmengen zu Hangrutschungen und Verklausungen kommen, aus kleinen Bächen werden reißende Sturzfluten, die Schlamm und Geröll mitreißen.

Schutzbauten bei Lorenzerbach fehlen

In Kenntnis dieser Gefahrenlage wurden in den vergangenen Jahren in Kalwang, Treglwang, Gaishorn, Trieben und Rottenmann zahlreiche Schutzbauten errichtet. So wird etwa ein 2,1-Millionen-Euro-Projekt am Tobeitschbach umgesetzt, der am 21. Juni in Treglwang arge Vermurungen anrichtete. Ähnliches gilt für den Flitzenbach in Gaishorn und das Schwarzenbachtal, wo jeweils Planungen laufen.

Für den Lorenzerbach, der für die Riesenmure vom vergangenen Wochenende verantwortlich war und in dem vorhandene alte Schutzbauten vermutlich Schlimmeres verhindert haben, müsste man Murenrückhaltebecken um fünf bis sechs Millionen Euro bauen, so Schutzwasserbau-Experte Baumann. Doch alleine die Bauvorbereitungen würden bei einem Vorhaben dieses Ausmaßes ein dreiviertel Jahr dauern. Für die Errichtung von Schutzbauten stehen in der Steiermark im Jahr insgesamt 14 Millionen Euro zur Verfügung.

Hilfe aus Katastrophenfonds

Als Akuthilfe für die zuletzt entstandenen Schäden will die Bundesregierung den Betroffenen in der Steiermark "ausreichend Mittel" aus dem Katastrophenfonds zur Verfügung zu stellen. Wenn nötig wird man um jeden notwendigen Betrag aufstocken, versprach Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) am Dienstag nach dem Sommerministerrat. Eine Summe wollte die Regierungsspitze noch nicht nennen, da man die Schäden noch nicht beziffern könne.

Bis die Höhe der Schäden feststehen wird, werden nach Angaben der privaten Versicherer noch mehrere Wochen vergehen. Sprecher der Versicherungen Uniqa, Wiener Städtische, Grazer Wechselseitige und Generali gaben übereinstimmend an, dass die Unwetterschäden seit Jahresbeginn deutlich über jenen des Vergleichszeitraums 2011 lagen. (APA/red, 24.7.2012)

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    Zahlreiche Gebäude in St. Lorenzen im Paltental befanden sich in der Gefahrenzone.

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    Autos wurden beim Murenabgang in St. Lorenzen zum Teil stark deformiert.

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