Jugger, das Endzeitszenario im Park

24. Juli 2012, 09:13
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Wie aus einem Film eine Sportart wurde, die die Grünanlagen der Welt erobert

Wien - Die Sonne scheint auf die Jesuitenwiese im Prater, Vögel zwitschern, Kinder spielen. Doch plötzlich wird die sonntägliche Idylle jäh unterbrochen: "Drei, zwei, eins, Jugger" - auf dieses Kommando hin stürmen fünf Personen mit Gebrüll auf fünf gegnerische Parkbesucher zu. Dabei tragen sie große, stabförmige Waffen - ein Spieler schwenkt sogar einen Morgenstern. Doch statt roher Gewalt wird hier eine Sportart namens Jugger ausgeübt, eine interessante Mischung aus Rugby und Fechten.

Jugger verbindet Elemente einer Mannschaftssportart, wie das Agieren im Team, mit denen einer Individualsportart. Um den Gegner zu stoppen, muss man ihn mit der Waffe treffen, was nicht selten in fechtähnliche Szenen mündet. Glücklicherweise sind die Waffen gepolstert und somit harmlos. Anders als beim Rugby gibt es kaum Körperkontakte. Berührt man den Gegner mit einer Waffe, muss dieser für fünf Sekunden zu Boden gehen, bevor er weiterspielen darf. Das Ziel ist es, den Jug - hierbei handelt es sich um einen Hundekopf - ins gegnerische Mal zu befördern. Allerdings darf nur der Läufer jedes Teams den Jug berühren, die anderen Spieler versuchen, je nach Taktik, den eigenen Läufer zu beschützen oder den gegnerischen Läufer zu blockieren.

Waffen in Eigenproduktion

Die Waffen sind - ebenso wie das Spiel - sehr vielfältig: Es gibt einhändige und zweihändige Waffen, darunter lange und kurze Pompfen, Stäbe, Q-Tips, die aussehen wie übergroße Wattestäbchen, Schilder und pro Team eine Kette. Im Internet kostet eine Pompfe etwa 80 Euro, darum basteln Jugger-Spieler ihre Waffen lieber selbst. "Aus alter Couch, Glasfasern, Schaumstoff und Unmengen Tape" hat etwa die Wiener Jugger-Gruppe ihre Waffen angefertigt, erzählt Ruben Maué aus Kaiserslautern. Er hat die Sportart nach Wien gebracht, seit Oktober 2010 wird Sonntagnachmittag regelmäßig neben dem Kinderspielplatz der Jesuitenwiese gejuggert. Das zieht viele Schaulustige an. "Leute, die vorbeigehen, fragen oft, was wir da machen, und wollen gleich mitspielen." Und auch das Fernsehen ist, zumindest in Deutschland, schon auf Jugger aufmerksam geworden: "Galileo hat mal über die fünf merkwürdigsten Sportarten berichtetet. Darunter war auch Jugger. Das brachte uns sogar drei neue Spieler", sagt Ruben.

Auch wenn man meinen könnte, es handle sich bei Jugger um eine Sportart für Computer- und Rollenspiel-Nerds, übt es in der Realität eine Faszination aus, die generationsübergreifend ist. Die Jugger-Spieler im Prater sind zwischen neun und 45 Jahre alt, sie empfinden es als spannende Alternative zu traditionellen Teamsportarten, die im Park mit Freunden ausgeübt wird und trotzdem eine Wettkampfkomponente bietet. Normalerwiese wird die Spielzeit in Steinen gemessen, im Prater wird leicht abgewandelt gespielt, bis ein Punkt erzielt wird. Einen Schiedsrichter gibt es in Wien nicht, doch dass das Spiel sehr fair ist, merken selbst neue Spieler schnell, sagt Ruben: "Wenn Kinder mitspielen, zählen sie zunächst schneller, das heißt, sie stehen zu schnell wieder auf. Aber nach zwei bis drei Runden spielen auch sie fair."

Erstaunlich verletzungsarm

Ursprünglich stammt Jugger aus dem australischen Endzeit-Film "Die Jugger - Kampf der Besten" von 1989. Allerdings bestand das Spiel dort vorwiegend aus brutalen Knochenbrüchen, das reale Spiel hingegen ist erstaunlich verletzungsarm. Laut Ruben gab es bisher ein verdrehtes Knie und ein blaues Auge - also eher harmlose Sportverletzungen. International wird von Australien über Dänemark, Großbritannien, Spanien und die USA bis nach Costa Rica gejuggert. In Deutschland wurde 2003 eine eigene Juggerliga eingeführt, seit 2006 gilt Jugger dort als anerkannte Sportart. Auch Ruben und seine Mitstreiter haben heuer vor, den ersten offiziellen Jugger-Verein in Österreich zu gründen. (Henriette Werner, derStandard.at, 24.7.2012)

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