"Zu wenig Wettbewerb im Bankbereich"

Interview |
  • Staaten hätten nur wenig Anreiz, Banken zu zerschlagen, meint Bernd Scherer.
    foto: privat

    Staaten hätten nur wenig Anreiz, Banken zu zerschlagen, meint Bernd Scherer.

Mangelnder Wettbewerb und zu wenig Marktwirtschaft haben die Zinsmanipulation genährt, glaubt Bernd Scherer von FTC Capital

STANDARD: Die Manipulation des Libor hat hohe Wellen geschlagen. Wie zentral ist der Interbankenzins für das Finanzsystem?

Scherer: Er ist ohne Frage eine zentrale Benchmark. Ich wundere mich etwas um die Aufregung. Weil jeder schon längst gewusst hat, dass spätestens 2008 der Libor nicht mehr aussagekräftig war.

STANDARD: Woran hätte man das sehen können?

Scherer: Ein Indiz war, dass sich der Libor anders verhalten hat als die Risikoprämien der CDS (Kreditausfallversicherungen, Anm.). Die Banken wollten eben gut aussehen, als gäbe es keinen Stress im Finanzsystem. Der Libor ist in der aktuellen Form zu leicht manipulierbar. Viele haben ein Supermotiv, ihn runter- oder hochzudrücken. Je nachdem, ob eine Bank netto Kreditgeber oder Kreditnehmer ist, hat sie einen Vorteil, wenn der Libor größer oder niedriger ist. Auch die Derivatepositionen können eine Rolle spielen.

STANDARD: Wie können wir den Libor reformieren? Sollten wir, wie Zentralbankchef Mervyn King meinte, das Umfragesystem ad acta legen und nur noch reale Transaktionen zur Berechnung heranziehen?

Scherer: Da gibt es nur ein Problem. Es gibt gar nicht so viele reale, beobachtbare Transaktionen. Gerade im Krisenzeitraum 2008 war es ja so, dass niemand Geld verliehen hat und es deswegen keine beobachtbaren Preise gegeben hat. Beim Libor versucht man schon die Manipulation zu umgehen, indem die höchsten und niedrigsten gemeldeten Zinssätze gar nicht beachtet werden.

STANDARD: Das hat aber die Manipulation nicht verhindert.

Scherer: Ja, es ist ja nicht nur eine Bank gewesen. Man braucht mindestens fünf Institute, um den Libor zu manipulieren. Das zeigt ein grundlegendes Problem im Bankenbereich auf. Es gibt zu wenig Wettbewerb, zu wenig Marktwirtschaft. Dann ist die Möglichkeit zur Kartellbildung groß. Die Krise hat das noch verstärkt, weil die Banken nun noch größer sind als vor der Krise.

STANDARD: Die Regulierung sollte doch verhindern, Banken "too big to fail" werden zu lassen, zu groß, um gerettet zu werden.

Scherer: Wenn die Banken die Staaten retten, indem sie ihre Staatsanleihen kaufen, und die Staaten die Banken, indem sie Geld in sie reinstecken, sind die Anreize des Gesetzgebers, die Banken zu zerschlagen, nicht sehr groß.

STANDARD: Greift hier die Bankenregulierung zu kurz?

Scherer: Regulierung ist ein Abwägen von Sicherheit und Wachstum. Es ist klar, dass Banken externe Effekte haben. Es ist wie beim klassischen Lehrbuchbeispiel mit dem Stahlwerk, das Abwasser aus der Produktion in einen nahegelegenen Fluss leitet und damit die Fischerei zerstört. Jetzt könnte man das Werk zusperren, aber dann hat man keinen Stahl mehr. Mit einem gewissen Maß an Umweltverschmutzung wird man leben müssen. Genauso wird man mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit von Finanzkrisen leben. Man könnte das Finanzsystem bombensicher machen, aber danach haben Sie auch kein Wachstum mehr.

STANDARD: Aber zuletzt hat die Finanzbranche ja mehr Wachstum gekostet als gebracht.

Scherer: Die Finanzbranche ist für einen Großteil des Wachstums im 20. Jahrhundert verantwortlich. Alleine die Möglichkeit, Aktien zu emittieren, ermöglicht die Trennung zwischen Management und Eigentum. Jemand, der eine gute Idee hat, muss nicht auch viel Geld haben. Man kann für riskante Projekte ohne Probleme heutzutage Kapital aufstellen, das kommt allen zugute, ob das die Krebsforschung oder IT-Start-ups sind. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 24.7.2012)

 

Bernd Scherer (48) ist Chief Investment Officer von FTC Capital. Zuvor war er Managing Director bei Morgan Stanley in London. Er hält eine Professur an der EDHEC Business School.

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