Selbst die Spanier kehren Spanien den Rücken

23. Juli 2012, 17:58
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Investoren glauben nicht an eine Pleite Spaniens - aus Furcht vor Verlusten stoßen sie Staatsanleihen dennoch en masse ab

Es sind die Meinungen von Männern wie Edward Thomas, vor denen sich die spanische Regierung derzeit fürchten muss. Thomas ist bei Quantum Global Wealth Management, einer im Schweizer Zug ansässigen Investmentfirma, verantwortlich für das Geschäft mit Staatsanleihen. 2,5 Milliarden Euro verwaltet er.

Vor zwei Jahren hat er aufgehört im Namen seiner wohlhabenden Kunden in länger laufende spanische Anleihen zu investieren. Im Juni hat er sich entschieden, gar keinen Cent mehr in spanische Papiere zu stecken. "Wir wollen unseren Kunden schließlich keinen Herzinfarkt bescheren."

Am Montag bekam Spanien die Furcht von Investoren wie Thomas zu spüren: Die Zinsen, die Madrid für einen zehnjährigen Kredit bieten müsste, kletterten mit 7,53 Prozent (plus 0,25 Basispunkte) auf einen Höchststand. Der Anstieg bedeutet, dass Investoren en masse spanische Papiere verkaufen; denn bei Anleihen bewegen sich Zinsen und Kurse immer gegengleich. Bei diesem Zinsniveau sind Portugal und Irland unter dem Rettungsschirm geflohen. Trotzdem pocht die Regierung in Madrid darauf, neben der Hilfe für seine Banken (100 Milliarden Euro) keine weiteren Mittel zu benötigen.

Regionen brauchen Geld

Mögliche Gründe für die Verkaufswelle? Am Sonntag hatte mit Murcia die zweite spanische Provinz angekündigt, Finanzhilfe bei der Zentralregierung zu beantragen. Und die spanische Zentralbank hat zu Wochenbeginn eine Verschärfung der Rezession bekanntgegeben, die Wirtschaftsleistung ging zwischen April und Juni um 0,4 Prozent zurück.

Doch dieser Rückgang kam nicht überraschend, seit Monaten prognostizieren Ökonomen für das viertgrößte Euroland eine Rezession. Der Hilfsbedarf der Regionen ist zudem verglichen mit dem Gesamthaushalt gering.

Vom Standard befragte Investoren und Strategen gaben an, vor allem wegen der Furcht vor kurzfristigen Verlusten keinen Appetit auf spanische Papiere zu haben. "Wer sagt denn, dass Spanien Investoren nicht bald ähnlich hohe Zinsen bieten muss wie Griechenland", meint etwa Thomas. Ein Zinssatz von 20 Prozent oder mehr, bedeutet aber einen entsprechend hohen Kursverlust bei gekauften Staatsanleihen. "Da ist das Risiko einfach zu hoch. Für Zocker, die trotzdem zuschlagen wollen, sind die spanischen Zinsen aber noch zu niedrig - da sind derzeit sogar griechische Papiere interessanter".

Wenig Interesse

Wenig Interesse an iberischen Papieren bekundet auch Stefan Hofrichter von Allianz Global Investors. Die Tochter der Allianz-Versicherung verwaltet 250 Milliarden Euro. Hofrichters Empfehlungen entscheiden mit darüber, welche Anleihen gekauft werden.

Der Stratege sagt zwar, dass "der Markt" übertreibe und Spanien zu stark abstrafe. So gibt er selbst an, nicht an der Schuldentragfähigkeit des Landes zu zweifeln. Doch solange die Anleihenkurse volatil sind, schreckt er vor einer Kaufempfehlung zurück: "Man kann viel Geld verlieren, wenn man da bei einem Geschäft auf der falschen Seite steht."

Dass Investoren Angst haben, weil andere Investoren Angst zu haben scheinen, wird ein zunehmendes Problem für die Iberer. Denn die privaten Käufer für Staatspapiere laufen dem Land davon: Noch im April 2011 haben Ausländer über 50 Prozent aller spanischen Staatsanleihen gehalten. Inzwischen haben Investoren aus der Eurozone und den USA ihre Positionen abgebaut. Ausländer halten nach Angaben der spanischen Notenbank nur mehr 37,5 Prozent der spanischen Anleihen.

Zunächst sind die spanischen Banken eingesprungen und haben ihren Bestand an Staatspapieren erweitert. Die Finanzierung dafür kam in Form von billigen Krediten von der Europäische Zentralbank.

Doch im April und Mai haben auch die spanischen Institute damit begonnen Staatsanleihen abzustoßen. Derzeit kaufen unterm Schnitt überhaupt nur mehr Sozialversicherungen und damit quasi staatliche Einrichtungen, spanische Papiere. "Das ist zu wenig, um den Wegbruch anderer Käufer zu kompensieren", meint Martin Wiesmann von der Investmentbank JPMorgan.

Dabei könnte die Verunsicherung weiter um sich greifen, denn Ideen, wie eine Trendwende zu schaffen wäre, hat kaum jemand. Wiesmann pocht etwa darauf, dass die Eurozone ihre neuen Instrumente (Bankenunion) weiterentwickelt und die Regierung in Madrid an ihrem Sparkurs festhält. Allerdings sagt er selbst, dass dies keine rasche Abhilfe schaffen werde. Zudem: Laut spanischer Notenbank ist es der Rückgang staatlicher Investitionen und des privaten Konsums - also der Sparkurs - der Spanien tiefer in die Rezession rutschen lässt. (András Szigetvari, DER STANDARD, 24.7.2012)

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    Spanier marschieren gegen die Sparpolitik der konservativen Regierung unter Premierminister Mariano Rajoy in Madrid. Die spanische Wirtschaft rutscht immer tiefer in die Rezession.

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