Ein Problem des Religiösen

23. Juli 2012, 17:43
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Die Beschneidungs-Debatte unter "Presse"-Lesern und Kolumnisten war längst voll im Gang, als man sich am Sonntag um ihre Kanalisierung bemühte

Wenn jetzt nur niemand auf die Idee kommt, eine Volksabstimmung über die Zulässigkeit der Beschneidung zu fordern! Wer weiß, ob die Grünen mit einer solchen Idee nicht schon liebäugeln, und sei es nur, um vom ÖVP-geschürten Unmut über das Wiener Parkpickerl abzulenken. Man muss ein Ritual nur ein paar tausend Jahre praktizieren, und schon kommt ein deutsches Landgericht, erkennt auf Körperverletzung und bringt damit Menschen auf Trab, die ihre religionsphilosophische Freizeitbeschäftigung endlich auf die Medien ausdehnen dürfen.

Da will "Die Presse" nicht fehlen. Die Debatte unter ihren Lesern und Kolumnisten war längst voll im Gang, als man sich am Sonntag um ihre Kanalisierung bemühte. Zeit war's, hatte einen Briefschreiber doch schon der Vergleich sicher gemacht, "auch der Stierkampf in Spanien wird stets als traditionell und somit bedeutsam für das Land hingestellt". Die Redaktion musste also eingreifen. "Die Debatte um ein mögliches Verbot der Beschneidung ist zu ernst, kontroversiell und vermutlich zu komplex, um es als Sommerthema führen zu können." Aber nicht ernst genug, um an diesem Beispiel die Redaktionskonferenz der "Presse" nicht als Tempel der Weisheit vorzustellen. "Wir hatten diese Diskussion ebenfalls. Michael Fleischhacker fasste die Debatte in seinem Blog wie folgt zusammen: 'Sie fand dank der kultur- und ideengeschichtlichen Kenntnisse einiger Teilnehmer auf einem etwas höheren Niveau (als in einem Kommentar von Henryk Broder, Anm.) statt.'"

Schade, dass dieser Triumph über Henryk Broder nur in dieser dürren Zusammenfassung an die Nachwelt kam. Umso klarer war das "Fazit daraus: '"Wir sollten dazu stehen, dass wir die religiöse Tradition der Beschneidung von männlichen Kindern in Judentum und Islam nicht mit rechtlichen Mitteln beschneiden - bei allem Respekt für die Argumente von Menschen, die mit der Anwesenheit des Religiösen in unserer Gesellschaft ein grundsätzliches Problem haben.'"

Auch wer mit der "Anwesenheit des Religiösen in unserer Gesellschaft" kein "grundsätzliches Problem" hat, solange sie das Zumutbare nicht überschreitet, könnte mit der weit schwereren als der körperlichen Verletzung ein Problem mit der Beschneidung des Rechtes auf weltanschauliche Selbstbestimmung durch Religionen haben, die Neugeborene und Minderjährige zwangsrekrutieren, statt ihnen die Entscheidung, sich beschneiden zu lassen oder nicht, als Volljährige zuzugestehen. Was auch für das Christentum gilt, auch wenn Weihwasser keine körperlichen Spuren hinterlässt.

Die Ausgewogenheit des "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass", die die Redaktionskonferenz der "Presse" künftig leiten soll, kam doch etwas überraschend, nachdem die Redaktion am Vortag sowohl das Feuilleton als auch die Wochenendbeilage Spectrum mit langen Beiträgen eröffnete, wo sich "ein prominenter israelischer Antibeschneidungsaktivist" und ein irakischer Schriftsteller ihre Leiden an dem Ritual von der Seele schrieben.

Glückliche Fügung, dass zur Rettung der Ausgewogenheit schon am Freitag auch Christian Ortner das Problem beleuchtet hat, und auf ihn ist immer Verlass: "Und jetzt bitte ganz dringend eine Vorhaut-Verordnung der EU!" Es wäre doch gelacht, wenn das Stück Haut "an delikater Stelle" nicht den allwöchentlichen Anlass liefern könnte, gegen die EU und "den Staat" im Geiste Frank Stronachs zu polemisieren. "Die Lösung der Pimmelfrage auf europäischer Ebene scheint ja irgendwie überfällig zu sein", fürchtet Ortner, und das sachlich begründet: "Werden wir als Nächstes die möglicherweise ungünstigen haptischen Auswirkungen von Knaben-Krachledernen im Ausseerland auf das Gemächt der dortigen Buben nach öffentlicher Debatte einer gesetzlichen Regelung unterziehen?"

Nur einen hat der Blitz der Beschneidungsdebatte noch stärker traumatisiert, wie "Österreich" berichtete. Auch Jörgs Lebensmensch ließ sich "an delikater Stelle" beschneiden: "Neue Augenlider - Beauty-OP für Petzner". Als Mohel fungierte "Beauty-Doc Artur Worseg. Anlass für die Beauty-OP an den Augenlidern soll allerdings nicht Eitelkeit gewesen sein. Der BZÖ-Politiker kämpfte angeblich schon seit Längerem mit einer fortschreitenden Sichtfeldeinschränkung am rechten Auge". Zu lange in den Kärntner Sonnenuntergang geschaut. Wenn sich das Sichtfeld "am rechten Auge" wieder erweitert, dann hatte diese Beschneidung ihren Sinn. (Günter Traxler, DER STANDARD, 24.7.2012)

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