Abschiebung trotz Rückkehr

23. Juli 2012, 17:28
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Türke plante Ausreise, Polizei kam dennoch, ihn zu holen

Wien - Vor einem Monat saß Kenan S. schon im Abschiebeflieger in die Türkei. Nach Protesten Mitreisender durfte er wieder aussteigen: Der Pilot hatte sich geweigert, den 57-Jährigen mitzunehmen, der in Wien seine 35-jährige Lebensgefährtin und einen einjährigen, herzkranken Sohn zurücklassen müsste.

Am Montag, um fünf Uhr früh, kam die Fremdenpolizei erneut: "Sie wollten Kenan in Schubhaft bringen, um ihm am Dienstag auszufliegen. Er war nicht da. Unser Sohn hat bitterlich geweint", erzählt die geschockte Frau.

Für sie ist das harte Behördenvorgehen unverständlich: "Warum kommen sie, um Kenan zu holen? Wir haben doch bei der Caritas-Rückkehrberatung alles für eine freiwillige Rückkehr in die Wege geleitet."

Konkret habe ihr Lebensgefährte vor zehn Tagen bei der türkischen Botschaft einen Pass beantragt. Am Wochenende dann habe er online den Rückflug in die Türkei gebucht, auf eigene Kosten, für den 26. September: "Er muss sechs Wochen auf den Pass warten". Bei der Caritas-Rückkehrberatung wird der Passantrag bestätigt. Die Info, dass eine Person eine freiwillige Ausreise plane, werde den Behörden natürlich weitergeleitet.

Von der Art der Rückkehr des türkischen Staatsbürgers hänge mittelfristig die Zukunft der Familie ab, samt schwerkrankem Kind, verdeutlicht Michael Genner von der NGO Asyl in Not: "Geht er aus freien Stücken, so kann er sofort einen Visumsantrag für die Wiedereinreise stellen. Wird er abgeschoben, steht er 18 Monate lang unter Rückkehrverbot in die EU."

Insofern, so Genner, sei es "eine Frechheit", in der jetzigen Situation einen Abschiebeversuch zu starten. Doch bei der Wiener Polizei rechtfertigt man diesen: "Wir besitzen keine Unterlagen über den freiwilligen Rückreiseplan." (Irene Brickner, DER STANDARD, 24.7.2012)

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