Statt Sonderschule "maximale Teilhabe"

23. Juli 2012, 17:34
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Die Behindertensprecherin der Grünen, Helene Jarmer fordert Maßnahmen zur Inklusion

Wien - "Für Veränderung braucht es einen Plan", ist sich Helene Jarmer sicher. Aber dass ein solcher am Dienstag bei der Präsentation des Nationalen Aktionsplanes zur Gleichstellung behinderter Menschen vorliegen wird, bezweifelt die Behindertensprecherin der Grünen. Also hat sie Anfang Juli einige Anfragen an die Zuständigen von Bildungs- bis Wirtschaftsministerium gestellt. Ein Punkt: "Welche konkreten Maßnahmen sind in Ihrem Ressort für die Jahre 2013 und 2014 geplant?" Denn zu tun gäbe es einiges, weiß Jarmer. Inklusive Bildung meine Barrierefreiheit auf baulicher, sozialer, kommunikativer Ebene, wohingegen die heute oft gelebte Integration "nicht die volle Erfüllung aller Bedürfnisse" bedeute. Ziel müsse sein: "Die maximale Teilhabe."

Physiotherapie statt Turnen

Ein Beispiel lässt die Gehörlose für den STANDARD von ihren Gebärdendolmetscherinnen übersetzen: In Turnen könnte ein individueller Lehrplan für körperlich Behinderte etwa bedeuten, dass stattdessen Physiotherapie angeboten werde. Auch brauche es vermehrt persönliche Begleitung, Stützkräfte, kurz: zusätzliches Personal.

Das könnte teuer werden. Im Schuljahr 2010/11 hatten laut Statistik Austria rund 27.660 Schüler einen sogenannten sonderpädagogischen Förderbedarf, etwa 13.200 von ihnen besuchten eine Sonderschule. Mit dieser Schulform solle in Hinkunft überhaupt Schluss sein, fordert Jarmer. Und was die Kosten anlangt: "Das Hauptproblem ist mehr in den Köpfen." Das fange in der Schule an und ziehe sich dann weiter: "Arbeitgeber können sich oft nicht vorstellen, behinderte Menschen einzustellen."

Genauso wenig, wie sich manch einer ihrer Kollegen vorstellen konnte, dass wirklich alles, was im Parlament gesagt werde, in Gebärdensprache übersetzt werden könne. Der Gegenbeweis wurde bei einer Rede von Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) erbracht. Hundstorfer sagte wörtlich: "I bin ja net auf der Nudelsupp'n daherg'schwommen." Was sofort in einer entsprechenden Gebärde dargestellt wurde.

Ein ähnliches Umdenken müsse es im Bildungswesen geben, wünscht sich Jarmer. In Italien etwa gebe es seit 35 Jahren keine Sonderschulen mehr. Was dafür jedenfalls nötig wäre, sei eine Lehrerausbildung, die auf die neuen Anforderungen eingeht. (Karin Riss, DER STANDARD, 23.7.2012)

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