Mops bei der Krabben-Parade

  • Als der in Norwegen erlegte Elch geliefert wurde, fiel das Grillen aus: 
Geliefert wurde nur die Paarhuf-Hülle ohne Fleisch.
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    foto: steinbrener/dempf

    Als der in Norwegen erlegte Elch geliefert wurde, fiel das Grillen aus: Geliefert wurde nur die Paarhuf-Hülle ohne Fleisch.

Echte Tierleben lassen Steinbrener/Dempf in die idealisierte Welt von Naturkundemuseen krachen

Wien - Bergziegen in der Felswand, Paarhufer vor Gebirgspanorama, Nashörner in der Steppe und Antilopen beim Zupfen von Blättern: Für die perfekte Illusion in ihren Tierdioramen ließ man in einem der berühmtesten Naturkundemuseen, dem National History Museum in New York, sogar Lichtspezialisten aus Hollywood einfliegen. Nicht nur die Illusion ist in den Dioramen perfekt, auch die inszenierte Flora entspricht einer idealisierten, romantischen Vorstellung unberührter Natur.

Unberührte Natur gibt es schon lange nicht mehr, dennoch hält man an solch verklärten Dioramen fest. Die Konsequenz aus dem, was Künstler Robert Rauschenberg bereits in den 1950er-Jahren kritisierte, zieht nun die Künstlergruppe Steinbrener/Dempf (trotz des Namens ein Trio, zu dem neben Bildhauer Christoph Steinbrener und Grafiker Rainer Dempf seit 2008 auch Architekt Martin Huber gehört): So wie sie 2009 im Projekt Trouble in Paradise die Realität in die Künstlichkeit des Zoos einbrechen ließen, modernisieren sie nun für die Ausstellung Freeze! im Naturhistorischen Museum (NHM) die musealen Dioramen.

Mit der geballten Kraft der Absurdität, die nur das echte Leben bereithält, lassen sie die Zivilisation in die romantisierte Fauna der Museen einschlagen. Ein Elch, der unsicher über den glatten Boden eines Supermarktes stakst und dabei wohl ein Gläschen Tomatensugo vom Regal gefegt hat. Ein Meerkätzchen, das zusammen mit Eichkätzchen und Papageien in einem Antennensalat über den Dächern von Mumbai thront.

Oder die Krabben von Christmas Island, die auf ihrem Marsch zum Laichplatz auch Wohnräume queren. Die Präparatoren des NHM haben nicht nur die Krabben gegossen und von Hand bemalt, sondern auch den Mops eines Mitarbeiters präpariert. Er spielt eine Statistenrolle.

Auch den verirrten Elch gab es wirklich. Dank Youtube wurde er weltberühmt. Für die beiden anderen Szenarien standen ebenso reale, auf Foto dokumentierte Ereignisse Pate. Denn neben dem Hinterfragen musealer Präsentationsformen, über Strategien des Täuschens und Irritierens geht es Steinbrener/Dempf um das Überführen des Zwei- ins Dreidimensionale und umgekehrt. Die im Studio realisierten und abfotografierten Dioramen, die aus ihrer aus Plastikpflanzen, echtem Tropenlaub und Schmetterlingen aus dem Museum arrangierten Künstlichkeit keinen Hehl machen.

Erfolgreich durchkreuzt man so die Idealisierung der Natur. Die für den Effekt sehr aufwändige Intervention schlummert jedoch - isoliert in den Sonderausstellungsräumen platziert - ein wenig zu sehr im Abseits. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 24.7.2012) 

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5 Postings
kaum lobt man zweimal hintereinander

die Standard-Kunstkritik (in Person von Frau Feßler), wird über so einen akünstlerischen Schwachsinn wieder mal eine Werberezension veröffntlicht... ;-)

Ihr Benutzer-Name

ist Programm...

Ich habe es als "gekünstelt" empfunden und sehr "unecht" ausgeführt!

An sich gutes Konzept, Ausführung hätte um Einiges besser ausfallen können; bei klassischen Dioramen ist doch wesentlich ein vorgetäuschter Tiefeneindruck, find ich. Der fehlt hier völlig und lässt die etwaige Absurdität/Surrealität nicht zur Wirkung kommen.

ja, habe ich mir spontan auch sofort gedacht

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