"Wir sind ja keine Studentenverbindung"

Interview23. Juli 2012, 18:40
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Andreas Schett ist Musiker, Komponist, Artdirector und Festivalbegründer. Andrea Schurian besprach mit ihm, wie Musik und Literatur zusammenkommen - und was Freunde von Freunderln unterscheidet

Salzburg - Gustav Mahler habe den Altschluderbachern in den Sommern 1908 bis 1910 "Sticklan" gestohlen; die hole sich nun die Innervillgratner Musicbanda Franui wieder "hinta", erklärt deren Kopf Andreas Schett: "Also zurück". Franuis "Erinnerungen an die Ewigkeit" waren am Sonntag in der Großen Universitätsaula eine musikalisch grandiose und frenetisch umjubelte Zurückholung. Und es war eine ebenso heftig akklamierte Uraufführung: Sven-Eric Bechtolf, Schauspielchef der Festspiele, las Walter Kappachers eigens für diesen Abend geschriebenen poetischen Essay "Der Abschied". Heute, Dienstag, servieren Franui "Frische Ware, Musik für Totengräber"; am 14. August "Brahms Volkslieder", dann wird Bechtolf aus Ödön von Horváths "36 Stunden" lesen. Und am 23. August wird "Meine Bienen. Eine Schneise" von Händl Klaus (Text) und Franui (Musik) in Salzburg uraufgeführt.

STANDARD: Die Festspiele wirken heuer wie ein Familienbetrieb: Sie sind seit langem mit Sven-Eric Bechtolf befreundet, Händl Klaus mit Ihnen, jetzt Bechtolf mit Händl Klaus.

Andreas Schett: Das war in unserer Zusammenarbeit nie vorrangig, wir sind ja keine Studentenverbindung. Alles begann mit einem Projekt bei der Ruhrtriennale 2005, als Franui ein Stück von Bechtolf vertonte. Bei der letzten Vorstellung hat sich Sven hingestellt und gesagt: "So schnell werdet ihr mich nicht mehr los!" Meine Musiker haben, mit der Vorsicht aus dem Hintertal, gesagt: "Na, schauen wir einmal." Aber es hat sich tatsächlich eine schöne Freundschaft entwickelt. Daher sind wir da, logischerweise. Und Händl Klaus kenne und schätze ich schon lange. Bei unserem gemeinsamen "Bienen"-Projekt stieß Sven dazu und meinte, das könnten wir doch in Salzburg machen. Das entsteht meist ganz absichtslos, weil sich Dinge entwickeln.

STANDARD: Was unterscheidet Freunde von Freunderln und Freunderlwirtschaft?

Schett: Dass Freunde trotz ihrer Freundschaft nie jemanden in Position bringen, wenn sie nicht überzeugt wären, dass gut ist, was derjenige macht. Freunderln hingegen bringen sich immer in Position, egal was sie voneinander halten. Es sind eben keine Freunde.

STANDARD: Sie sind vermutlich der meistbeschäftigte Festspielkünstler. Unter anderem haben Sie die Festspielzeitung "Close up" mitgestaltet. Was befähigt einen Musiker dazu?

Schett: Es gibt den berühmten Satz von Hanns Eisler: "Wer nur von Musik etwas versteht, versteht auch davon nichts". Mich hat neben dem Schöpferischen immer auch das Vermitteln interessiert. Deshalb habe ich vor 20 Jahren in Innervillgraten das Festival Kulturwiese gegründet, das nach fünf Jahren damit endete, dass von Festivalgegnern ein Haus angezündet wurde. Und ich mache seit zehn Jahren die Kulturzeitschrift "Quart"; dort gestalten bildende Künstler, Literaten, Musiker, Architekten - schöne Beiträge. Einer meiner Mitarbeiter war Herr Bechtolf (lacht). Von da an war es ein kleiner Schritt, gemeinsam "Close up" für das Young Directors Project zu erfinden.

STANDARD: Wie funktioniert bei den "Bienen" die Zusammenarbeit mit Regisseur Nicolas Liautard?

Schett: Er ist sehr wichtig für die Produktion: Er kommt sozusagen von einem anderen Stern und reichert die Geschichte, da er die Sprache nicht so gut versteht, mit seiner Theatererfahrung und Bilderwelt an. Das funktioniert blendend!

STANDARD: Wäre es bei einem so sprachkonzentrierten Stück nicht wichtig, dass der Regisseur versteht, was gesprochen wird?

Schett: Er versteht ja, worum es geht. Außerdem haben wir über weite Strecken, also zu 80 Prozent, alles vertont. Es ist also sowieso das meiste musikalisch definiert. Und die fantastischen Schauspieler haben eigene Vorstellungen davon, wie man sich den Text aneignet. Außerdem ist der Vorteil bei einem Auftragswerk mit lebenden Künstlern, dass die Interpreten mit den Autoren und Komponisten verhandeln können. Und der Vorteil für die Urheber ist, dass man bis zur Premiere weiterarbeiten kann.

STANDARD: Hatten Sie beim Komponieren die Rollen im Kopf, etwa für den Sängerknaben?

Schett: Man schreibt ja selten für Sängerknaben. In Tonlagen, wo jede Sopranistin auf Dauer die Augen verdrehen würde, singt dann dieser zwölfjährige Knirps: "Ich hasse die Natur!" Händl Klaus hat, wie man sich das von ihm erwartet, eine merkwürdige Welt erschaffen. Und dieser Bub Lukas ist ein unglaubliches Geschöpf. Er begreift von allen Figuren am meisten: nicht im rationalen, sondern in einem poetischen Sinn.

STANDARD: Müssen die Schauspieler auch singen?

Schett: Es gibt wenige Passagen, wo sie singen, aber viele, wo sie mit der Musik interagieren. Es hat uns interessiert, das Spannungsfeld zwischen gesprochenem Wort und Musik neu auszumessen. Wir wollen sozusagen das Melodram wieder zurückerobern. Dieses Format ist - zu Unrecht - in Verruf geraten. Man sagt, es sei veraltet. Das verstehe ich nicht. Es ist ein logisches Format.

STANDARD: Wieso logisch?

Schett: Wie sonst sollen Musik und Literatur zusammenfinden, wenn der Text nicht als Arie gesungen wird? Und dann versteht man ja meistens nichts.

STANDARD: Was macht ein gutes Festival aus?

Schett: Festivalmacher dürfen nicht sich selbst verwirklichen. Es muss etwas mit dem Genius Loci zu tun haben; dass man etwas macht, was nicht alle machen. Da rede ich gegen mein eigenes Geschäft, denn Franui wird gern überall eingeladen (lacht).

STANDARD: Wie passt diese Beschreibung auf Salzburg?

Schett: Das ist ein großes Schiff, hier passieren viele Sachen, die man nur hier erleben kann. Insofern ist es ein gutes Festival.

STANDARD: Als Gast können Sie auch nichts anderes sagen?

Schett: Ich sagte ja: insofern. (Andrea Schurian, DER STANDARD, 24.7.2012)

Andreas Schett (41), aus Innervillgraten stammender Trompeter, Flügelhornist und Komponist, gründete 1993 die zehn- bis zwölfköpfige Musicbanda Franui und drei Jahre später das Kreativbüro Circus. Bei Col Legno wurden die Mahler-, Schubert- und Brahms-Volkslieder als CDs herausgebracht.

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franui.at

  • Seit 20 Jahren in fast gleich bleibender Besetzung: die Musicbanda Franui.
    foto: bernd uhlig

    Seit 20 Jahren in fast gleich bleibender Besetzung: die Musicbanda Franui.

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    foto: magazin quart
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