Der Tänzer als Fieberthermometer

23. Juli 2012, 17:00
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Ko Murobushi ist einer der bedeutendsten Butô-Künstler der Welt

Bei Impulstanz zeigt der 64-jährige japanische Tänzer sein vielbejubeltes Solo "quick silver", in dem der Körper sich kraftvoll zwischen Gesellschaft und Natur stemmt.

"Der Augenblick äußerster Müdigkeit, wenn eine extreme Anstrengung den Körper wieder aufrichtet - das ist der wahre Ursprung des Butô." So beschrieb es Kazuo Ôno (1906-2010), der große japanische Butô-Tänzer, der neben Tatsumi Hijikata als Gründer der Tanzform gilt.

Der Butô wurde nach dem Zweiten Weltkrieg aus einer Erneuerungsbestrebung heraus entwickelt. Der auch von Kabuki, Nô-Theater und Schamanenpraktiken inspirierte Tanz richtete sich ursprünglich gegen die westlichen (amerikanischen) Einflüsse auf die japanische Kultur, hat sich zugleich aber auch von der starren technischen Kodifizierung des klassischen japanischen Tanzes befreit. Diese Sprengkraft ist dem Butô bis heute anzumerken.

Ko Murobushi, 1947 nahe Tokio geboren, gehört derzeit zu den meistgefeierten Butô-Künstlern. Er hat bei Hijikata studiert und trägt sein Erbe weiter. Mit seinem Solo quick silver, das 2006 beim Tanzfestival der Biennale in Venedig unter Ismael Ivo erstmals in Europa zu sehen war, gastiert er nun bei Impulstanz. Hier ist Murobushi ein gerngesehener Gast, auch als Workshopleiter - und er dankt es der Stadt Wien auf seiner Facebook-Seite mit entzückenden Bildern vom Donaukanal.

Dieser Mann ist wach, und seine Kunst ist es auch. In den 70er-Jahren gründete er zwei Butô-Compagnien (eine weiblich, eine männlich) und hat daraufhin mit Koproduktionen in Europa dem Butô maßgeblich zu Anerkennung verholfen. Der Körper als Instrument - auch als von der Norm abweichend und unzureichend - hat Murobushi stets interessiert. Zu seinen frühen Auftritten zählt auch eine Rolle in dem mit Butô arbeitenden Film Horrors of Malformed Men von Teruo Ishii aus dem Jahr 1969.

quick silver entstand als "work in progress" ab 2005 und ging - nach feierlichen Kritiken - auf Welttournee. Nur Murobushi selber könne es tanzen, hieß es. Das Stück erzählt von einem metallischen Körper ("Der erste Tänzer war ein Schmied. Er war einäugig, einbeinig und einarmig"). Mit speziellen Techniken (der Hijikata-Schule) zieht Murobushi hier große Energie aus seinem quecksilbrig eingefärbten Körper. (Margarete Affenzeller, Sonderthema/Beilage, DER STANDARD, 24.7.2012)

quick silver, Odeon, 29. 7., 21.00

  • Ein ganzer Mensch, ein bisschen Tier, ein schimmerndes Metall und die 
Vorstellung vom ersten Tänzer als Schmied: Ko Murobushi in seinem Solo "quick 
silver".
    foto: mirolto

    Ein ganzer Mensch, ein bisschen Tier, ein schimmerndes Metall und die Vorstellung vom ersten Tänzer als Schmied: Ko Murobushi in seinem Solo "quick silver".

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