Das Tier als Politikum

Hintergrund |
  • Bei der Minding Animals-Konferenz in Utrecht wurde über den rechtlichen Status von Tieren diskutiert. Ein Wissenschafter vertrat zum Beispiel die Ansicht, dass Wildtiere wie Füchse oder Krähen souveräne Gesellschaften formen, die von den Menschen respektiert werden müssen.
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    foto: apa/jens kalaene

    Bei der Minding Animals-Konferenz in Utrecht wurde über den rechtlichen Status von Tieren diskutiert. Ein Wissenschafter vertrat zum Beispiel die Ansicht, dass Wildtiere wie Füchse oder Krähen souveräne Gesellschaften formen, die von den Menschen respektiert werden müssen.

  • Die Forschungsschwerpunkte von Andrea Yehudit Richter vom Institut für Philosophie der Universität Wien liegen auf Tierethik, Umweltethik, Gender Studies und Politischer Philosophie.
    foto: privat

    Die Forschungsschwerpunkte von Andrea Yehudit Richter vom Institut für Philosophie der Universität Wien liegen auf Tierethik, Umweltethik, Gender Studies und Politischer Philosophie.

Die Philosophin Andrea Yehudit Richter berichtet von "Minding Animals" in Utrecht, der international größten Konferenz über Tierrechte

Seit 40 Jahren wird auf akademischer Ebene über den moralischen Status des Tieres diskutiert. Wirbel- und Säugetiere wurden mittlerweile zumindest als empfindungsfähig und moralisch zu berücksichtigende Entitäten anerkannt. Aus diesem Grund gewinnen nunmehr Fragen nach rechtlicher und politischer Integration und Repräsentation an Dringlichkeit. Diese Punkte wurden auch bei der diesjährigen Konferenz "Minding Animals" in Utrecht von einer hochkarätigen Gruppe von WissenschaftlerInnen diskutiert.

Will Kymlicka, politischer Philosoph und Professor an der Queen's-Universität in Kanada, stach in dieser Hinsicht aus der Reihe der Hauptvortragenden hervor: Er verlässt die festgefahrenen Pfade der Diskussion und entwickelt jenseits der Argumentation über die Interessen und Fähigkeiten des Tieres ein gänzlich neues Konzept der Tierethik- und Tierrechtstheorie. Dieses soll die längst überfällige Brücke von der angewandten Ethik zur normativen politischen Theorie schlagen.

Domestizierte Tiere als Teilnehmer der Gesellschaft

Hierbei geht er von einer Analyse der unterschiedlichen Beziehungsstrukturen zwischen Tieren und der menschlichen Gesellschaft aus, die verschiedene moralische Implikationen mit sich bringen. Um diesen gerecht zu werden, argumentiert er für eine gruppenspezifische Bürgerschaft. In ähnlicher Weise kennen wir dies bereits aus dem eigenen Alltag: Kinder sind Gesellschaftsmitglieder, haben jedoch andere Rechte und Pflichten als Erwachsene. Menschen mit geistigen oder körperlichen Beeinträchtigungen sind ebenfalls Teil der Gesellschaft mit besonderen Rechten.

Souveräne Gesellschaft der Wildtiere

Kymlicka folgend müssten domestizierte Tiere als volle Teilnehmer einer gemischten Mensch-Tier-Gesellschaft gelten, während andere Tierarten (wie zum Beispiel Krähen und Füchse) eher als Einwohner und nur peripher teilnehmende Akteure zu verorten sind. Wildtiere hingegen formen auf eigenem Territorium souveräne Gesellschaften, die respektiert werden müssen. Diesen Gruppen würden unterschiedliche Bürgerschaften zukommen, wobei allen einige unumstößliche grundlegende Rechte zuerkannt werden.

Sein Ansatz zielt auf eine Entfernung von einem paternalistischen Modell, das Tiere lediglich als Objekte der Moral versteht, anstatt ihnen einen Subjektstatus zuzugestehen. Erst dieser jedoch wird ihrer individuellen Einbettung in komplexe Beziehungsgeflechte gerecht. Basierend auf Prinzipien der Gerechtigkeit und des Mitgefühls, müssen diese Gefüge jedoch ihren Ausdruck in der politischen Ordnung finden. Kymlicka betrachtet dieses Unterfangen als "kollektive moralische Verantwortung."

Der Mensch habe das Tier domestiziert, es in seinen Lebensraum geholt, von sich abhängig gemacht und in seine Gesellschaft eingeführt. "Daher müssen wir einsehen, dass wir ihm Beachtung schenken und ihm seinen Raum in der politischen Ordnung zugestehen müssen", sagte Kymlicka. Trotz des idealistischen Charakters seiner Thesen werden diese als großer Fortschritt in der Tierrechtsdebatte gewertet.

Marc Bekoffs Rede bildete den Abschluss der Konferenz. Seine Forschungen auf dem Gebiet der evolutionären Biologie und Ökologie sowie sein jahrzehntelanger Einsatz für die Tierrechtsbewegung haben diese maßgeblich mitgeprägt. Aufbauend auf seinen eindrucksvollen Untersuchungen zum Gerechtigkeitsempfinden im Verhalten von Wölfen, Kojoten und Hunden kommt er zu dem Schluss: "Wir alle wollen ein faires, ehrliches Spiel. Nur der Mensch hat bisher moralisch versagt."

Hintergrund: Konferenz Minding Animals 2012

Der erstmals in Sydney 2011 abgehaltene "Minding Animals"-Kongress versteht sich als Schnittstelle zwischen Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften. An drei Tagen gaben sich 13 der international federführenden TheoretikerInnen der Tierrechtsbewegung die Klinke in die Hand, um für die Erhebung des Tieres in die moralische Sphäre der Humangesellschaft zu plädieren. Rund 120 weitere Vorträge wurden dabei von ForscherInnen aus aller Welt bestritten, allen voran die Disziplinen Kognitionsforschung, Ethik, Politik, Tierschutz und Kunst.

Die offizielle Eröffnung am Vorabend der Konferenz erfolgte im Stadtdom mit einer Lesung des Literatur-Nobelpreisträgers J. M. Coetzee, der sich in seinem Werk mehrfach mit der Frage nach dem Tier auseinandersetzt.

Auch diese hier vorgetragene, bislang unveröffentliche Erzählung knüpft bei der immer wiederkehrenden Protagonistin Elisabeth Costello an. Sie, die gerne als Coetzees Alter Ego verstanden wird, gab in guter philosophischer Tradition den Tenor der kommenden Tage vor: Wie verhält es sich mit der Beziehung zwischen dem Mensch und seinem domestizierten Tier? Welche Verantwortung kommt uns durch die Unterwerfung anderer Spezien diesen gegenüber zu und wie ist dieses Verhältnis politisch angemessen zu verordnen? (Andrea Yehudit Richter, derStandard.at, 24.7.2012)

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