Halluzinationsgefahr

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Ist Batman an Aurora schuld? Die US-Filmkritik diskutiert. Von Bert Rebhandl

Drei Tage nach dem Amoklauf in einer Premierenvorstellung des neuen Batman-Films in Aurora, Colorado, ist unter amerikanischen Film- und Kulturkritikern die Debatte darüber voll angelaufen, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Film (oder, allgemeiner gesprochen, Blockbusterkino) und dem Ereignis gibt. "Hat Batman Blut an seinen Händen?", lautet die suggestive Überschrift über einem Kommentar von Andrew O'Hehir auf salon.com, in dem der Autor gleich ein wenig Täterpsychologie betreibt: James Holmes "sah richtigerweise, dass The Dark Knight Rises in unserer zunehmend stärker fragmentierten Kultur das größte massenkulturelle Ereignis des Jahres" war. Und dann fährt O'Hehir in einer Weise fort, die symptomatisch erscheinen kann für die sprachliche Angriffslust, von der ein nicht geringer Teil der amerikanischen Online-Publizistik geprägt ist: "Shoot up a KenTaco Hut or a Dunkin’ Donuts, in standard suburban-nutjob fashion, and you get two or three days of news coverage, tops. Shoot up the premiere of a Batman movie, and you become a symbol and provoke a crisis of cultural soul-searching."

Die Inklusionsrhetorik von O'Hehir, die uns alle zu Gefangenen der Spektakelkultur macht, in der eben von Zeit zu Zeit jemand in "standard suburban nutjob-fashion" auszuckt, führt nicht wirklich weiter. Sie ist die billigste Reaktion auf  eine durchaus zu führende Debatte, ob Christopher Nolans Film als Produkt ebenjener Welt zu sehen ist, in der die Schüsse fielen: eine Shopping Mall mit Multiplexx. Oder ob er dazu eine kulturelle Distanz hält, die das Blockbuster-Format in sich zu einer pluralistischen Angelegenheit macht. Dass der New Yorker gleich alle drei seiner Kritiker zu Wort kommen lässt, zeugt eher von einem gebildeten Unbehagen an dem Format selbst, das es in Momenten wie denen nach Aurora immer leichter hat: Anthony Lane ging in seinem Text noch davon aus, dass die Vorstellungen von The Dark Knights Rises in seiner Stadt am Samstag abgesagt würden (tatsächlich sind die Einspielziffern des Wochenendes zwar nicht überragend, aber doch beträchtlich), und macht seinerseits einen "bescheidenen" Vorschlag: Er ist für ein Verbot der Mitternachts-Vorstellungen, denn "they often have a crazed and hallucinated air".

David Denby ging wenige Stunden später in seiner Deutung schon einen deutlichen Schritt weiter in Richtung auf eine kathartische Lesart der Aurora-Morde: Für ihn ist James Holmes möglicherweise ein "didaktischer Verrückter, ein durchgeknallter Ironiker", der der Massenkultur jene "Gewalt als Spektakel" gibt, die diese sich (nicht so allerdings) ständig wünscht.

Einen interessanteren Punkt spricht Dana Stevens in Slate an: "And maybe there should also be conversations about what it means that the economics of the film industry are driven almost entirely by the fantasies and desires of young men, and what effect that kind of over-representation in pop culture might have on … the fantasies and desires of young men. All I know is that, when I heard the news about the Aurora shootings, my first thought was very clear and very scary: Of course this was going to happen sooner or later." Die Frage, wessen (vorgestellte) Handlungsmacht populärkulturell überhaupt in jene Bereiche des Entscheidens über Leben und Tod hinaufgeschraubt wird, ist tatsächlich von Belang, und sie hängt mit der anderen Frage nach dem gesellschaftlichen Ort der Blockbuster zusammen. Wer jemals in einem amerikanischen Mall-Multiplexx einen Film gesehen hat, wird wissen, dass schon durch den Lärmpegel, auf den die Kinos eingestellt sind, nicht so sehr eine Stimmung der Halluzination, sondern der Aggression erzeugt wird.

Den bisher besten Text zu The Dark Knight Rises hat Michael Sicinski auf CinemaScope geschrieben - er musste in seinem Addendum nach den Schüssen von Aurora nichts zurücknehmen außer eine Formulierung, in der er Christopher Nolans Kino als "hollow-tip mega narrative" charakterisiert, also als eine Erzählform, die nach dem Einschlag erst explodiert und so eine umso größere Wunde reißt. "That is, we find ourselves looking for signs of big money, friction-free, exacting masculinized, motorized one-size-fits-all allegorical hollow-tip mega-narrative at the undifferentiated mass, without the unalloyed expenditure of poetry. If we all get behind this, if we keep this Bat-Signal 100% Fresh and punish anyone who introduces the “noise” of a contrary expectation, we could treat every day in our democracy like it’s Halloween." In diesem Text wird das Problem, das die Gesellschaft mit dem Format haben könnte, nicht vorschnell generalisiert, sondern am konkreten Fall verhandelt.

Nur so kann man der Logik der "Mega-Events" entkommen - man muss sie enttotalisieren, auseinanderdividieren, entschlüsseln, auch wenn das eine ohnmächtige Geste ist gegenüber denen, die sie lieber auseinanderschießen.

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15 Postings
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NEIN!

Jede Zeit hat ihre Gefahren.

Eine der heutigen ist eben, dass einige Menschen (vor allem junge und vor allem Männer) glauben sie würden in einer Art Videospiel leben.

Das war aber früher nichts besser sondern eher schlechter. Man muss nur die begeisterten Heerscharen von Kriegslustigen sehen die sich im 1. WK an die Front aufgemacht haben.

Früher wirds noch schlimmer gewesen sein. Nur gibts keine Fotos davon.

Gerade junge Menschen haben keine Ahnung vom Wert des Lebens. Das ist aber völlig normal. Ich hatte auch keine Ahnung und bin auch absurde Risiken für nichts eingegangen.

Man muss erst ein bisschen älter werden und Krankheiten und Schmerzen (zumindest rudimentär) erleiden damit man überhaupt versteht was das Leben für einen hohen Wert hat.

Ein schöner Kommentar

da ist schon mal die prämisse falsch. "das in unserer fragmentierten kultur zunehmend stärker frequentierte massenkulturelle ereignis des jahres" könnte auch die olympischen spiele oder die premiere des kleinen hobbit im dezember sein. letztendlich ging's ihm nur darum, möglichst viele menschen auf einmal zu erwischen, und im kino wird weniger genau inspiziert als im olympia-stadion.

und mit ironie hat ein in-die-menge-ballern nichts zu tun, höchstens mit machtphantasien und feigheit (seinen opfern nicht ins gesicht sehen zu müssen).

I shot a man in Reno, just to watch him die...

Der Zusammenhang ist gegeben. Seit Medien wie Musik allgegenwärtig sind und "konsumiert" werden können, werden sie als Stimmungsmittel eingesetzt, auch als Aufputschmittel geb- und missbraucht. Der Ritt der Walküren zu Hubschrauberangriffen in Vietnam war noch ein Kunstgriff des Regisseurs. Heute erzählen uns amerikanische MG-Schützen in Afghanistan, was sie bei der Erfüllung ihrer ehrenvollen Pflicht am liebsten im Kopfhörer haben: LET THE BODIES HIT THE FLOOR! Lärm hebt den Blutdruck, versetzt den Körper in einen Alarmzustand (den man in Gafahr gut brauchen kann), das Ganze ist ein gezielt hervorgerufener Rauschzustand. Ich bezweifle, dass der Atentäter ein klareres Motiv hat. Amerika zahlt den Preis dafür, sich immer im Krieg zu befinden

Die Schuld bei einem Film zu suchen ist einfach,...

Filme in denen Gewalt zu sehen ist, können nicht verantwortlich für solche Taten sein, ebenso wie Spiele in denen es gewalttätig zu und her geht.

Wenn man das Sandkasten denken mal etwas verlässt wird man sehr schnell feststellen, dass sich der Staat und dessen Regierungsmitglieder (die unter anderem auch gerne mal den Spielen und Filmen die Schuld in die Schuhe schieben) TAG TÄGLICH für HUNGER, LEID, KRIEG, TOT, VERGEWALTIGUNG und DROGEN verantwortlich sind.

Sie sind eng verflochten mit der Waffenindustrie.

Bitte ersparen Sie der Gesellschaft heuchelnde Beiträge, in denen Filmemacher für die Eskalation von Einzeltätern verantwortlich gemacht werden.

Oder ist der Pate schuld, dass es die Mafia gibt?!

Klappe zu, Elfer rein!

die schuld aber völlig von dieser art film und videospielen wegzunehmen und alles auf das liberale waffengesetz zu schieben ist auch sehr leicht gemacht. im übrigen hat norwegen keineswegs ein solches!

ich habe zudem noch nie gehört, dass bei einer netten komödie oder nem liebesschinken ein solch irrer gewütet hätte - ein zusammenhang ist also durchaus gegeben!

Well "You can't blame me", says the media man / Well "I wasn't the one who came up with the plan / I just point my camera at what the people want to see / Man it's a two way mirror and you cant blame me" ("Cookie Jar", © Jack Johnson)

Allerdings hat Anders Breivik, jener Attentäter der Norwegen das größte zivile Blutbad seiner Geschichte beschert hat, angegeben, sich selbst durch gewaltverherrlichende Spiele (und Filme, wenn ich das recht behalten habe) gezielt DESENSIBILISIERT zu haben. Neben dem Vorsatz der Tat hat er sich seine eigene emotionale Reaktion seines Tuns "abtrainiert". Weil er sie ansonsten nicht hätte durchziehen können. Die Entmenschlichung eines "Feindes" durch Propaganda leistet ja bekanntlich Ähnliches. Ohne dem Attentäter die geringste Verantwortung für seine Taten abzunehmen: Zu glauben, unsere Medien hätten keinerlei Einfluss, hielte ich für naiv.

Sie haben sicher recht, Medien beeinflussen uns auf jeden Fall.

Sie allerdings als Auslöser für solche Gewaltausbrüche verantwortlich zu machen ist ebenfalls naiv. Sich mit Spielen gezielt zu desensibilisieren ist ein netter versuch, schön wenn er das so offen angibt getan zu haben. Aber haben Sie jemals einen Shooter selbst gespielt?
Sie können sich damit nicht desensibilisieren. Jedenfalls nicht in dieser Weise. Ein mackaberes Beispiel, Sie müssen sich nicht mit ums Leben flehen, schreienden Menschen, Hirnstückchen oder Gedärm, den Gestank etc etc Auseinandersetzen.
Sie spielen mit einer Art Tunnelblick während sie in Wirklichkeit eine 180° Winkel beobachten müssen. Wichtigster Unterschied, bei einem Treffer werden Sie nicht wieder geboren

2/2:

Das Töten, Zerschneiden und Ausnehmen in den Tierfabriken - wo zahlreiche dokumentierte Fälle bestehen, das Tiere bei Bewußtsein entbeint, gehäutet oder ausgenommen werden - stumpft ab. Vor allem dann, wenn man durch das Laufband gezwungen ist, trotz noch lebendem Tier seine Arbeit weiter zu verrichten.

Könnte es nicht genauso sein, dass Videospiele abstumpfen (sicherlich nicht so real wie das Schlachten und verarbeiten von Tieren am Laufband), weil man es "schon gesehen hat", weil man im Spiel schon tausendmal abgedrückt hat? Weil es im Spiel ein legitimes Ziel ist?

Oder ist dieser Vorwurf komplett von der Hand zu weisen? (das ist eine Frage)

1/2

"Regierungsmitglieder (die unter anderem auch gerne mal den Spielen und Filmen die Schuld in die Schuhe schieben) TAG TÄGLICH für HUNGER, LEID, KRIEG, TOT, VERGEWALTIGUNG und DROGEN verantwortlich sind"

keine Frage, aber hat der Attentäter unter Hunger, Vergewaltigung, etc gelitten?

Es gibt bspw. eine unmittelbare Korrelation zwischen Gewalt an Menschen und Gewalt an Tieren. Leute in Schlachthäusern "trainieren" an ihrem Arbeitsplatz für die Gewalt an anderen "Tieren" (dem Menschen). Dazu gibts eindeutige Statistiken (so ist bspw. auch Tierquälerei in der Suche nach Verdächtigen bei Morden ein relevantes Kriterium).

nein er hat nicht an Hunger gelitten (soweit ich weiß)

dies war jedoch auf die staatliche Vorbildfunktion und seine Funktion als Rechtssprecher bezogen. Der uns Bürgern sagt: Gewalt ist keine Lösung und inakzeptabel, während er selbst an Kriegen teilnimmt oder diese gar provoziert.

Gewaltspiele stumpfen zwischenmenschlich gesehen sicher den ein oder anderen ab. Allerdings besteht nicht annähernd ein Vergleich zwischen Videospiel und Realität.

Man lernt womöglich die Schusseigenheit einer Waffe kennen, niemals aber wie man sie benutzt. Man hat keine Ahnung von Rückschlag, Nachladen, zielen (Gewicht der Waffe) etc etc, kann also auch nicht mit spielen "trainieren"

Ihr Beispiel jedoch regt mir sehr zum denken an, so habe ich dies noch nicht betrachtet, da haben Sie recht!

Über die Filme stimme ich ihnen vollkommen zu. Bei den Spielen kenne ich mich persönlich nicht so aus, möchte aber sagen, dass ich glaube das man bei jenen Spielen in welchen man als "man selbst" durch das Spiel rennt und Leute tötet leichter den Sinn zur Realität verlieren kann. Allerdings glaube ich, dass dieser Fall sehr selten ist, nur wenns dann einmal so ist, dann steht es natürlich gleich in den Medien.

Ich finde es traurig, wenn man einem Film schuld gibt für solche Taten. Kein Filmemacher, Schauspieler und irgendwie sonst Mitwirkende an so einem Projekt hatte die Absicht einer solchen Greueltat.

eine bessere werbung für den film gibts doch nicht...

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