Menschliche Körper als Zähler und Zahler

23. Juli 2012, 17:00
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Fragen über den Körper stehen im Mittelpunkt der Kunstform Tanz

Wie darin an Ideen über die Gegenwart und Zukunft des Menschseins gearbeitet wird, zeigen auch die Aufführungen bei Impulstanz im August.

 

Dem Körper gehen sogar manche Tänzer in die Falle. Weil er schwer zu begreifen ist und sich nur ungern etwas dreinreden lässt. Also sagen auch Tänzer nicht selten: "Mein Körper ..." So als ob jemand "seinen" Leib besitzen könnte wie eine Hose oder eine Packung Gummibärchen. Es scheint beinahe, als ließe der Körper solche Besitzgefühle als freundliche Illusionen zu, um die Wirklichkeit milde zu kaschieren.

Diese deutet nämlich darauf hin, dass jedes Lebewesen nicht einen Leib hat, sondern einer ist. Oder sogar darauf, dass es, wenn der Körper nun mit einem ein Selbst erfahrenden Bewusstsein ausgestattet ist, nicht mehr heißen kann: "Ich habe einen Körper", sondern richtigerweise: "Ein Körper hat mich."

Denken als Gefühlsereignis

Das jedenfalls sagt der aktuelle Wissensstand in Philosophie und Naturwissenschaft. Zum Beispiel mit dem deutschen Bioethiker Thomas Metzinger in seinem Buch Der Ego-Tunnel - Vom Mythos des Selbst zur Ethik des Bewusstseins oder dem portugiesischen Neurowissenschafter António Damásio, etwa in Descartes' Irrtum - Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. Das Denken ist als Eigenschaft des Körpers von Emotionen gesteuert. Von einem "klaren Verstand" sollte also nicht leichtfertig die Rede sein.

Über Jahrtausende wurde der Körper von diversen Ideologien als bloße Manipulationsmasse marginalisiert. Jetzt kommt ihm eine neue Bedeutung zu. Das klingt ketzerisch, ist vor allem aber vielversprechend. Hat da etwa ein Luzifer - lat. "Lichtbringer" - aufklärend mitgemischt? Möglicherweise spielt der afrikanische Choreograf Koffi Kôkô auf so etwas an, wenn er La beauté du diable ("Die Schönheit des Teufels") tanzt? Kôkô deutet an, dass im "Teuflischen", das oft Ergebnis einer ideologischen Zuschreibung ist, sich jenseits einer klaren Trennung zwischen Gut und Böse das Schöne verbergen kann. Und dass dieses Schöne noch lange nicht gut sein muss.

Wir glauben auch gern, dass das Gute redlich erwirbt, während das Böse hinterfotzig erbeutet. Ein Körper kann da Pirat oder Beute sein oder gar Täter und Opfer zugleich. Daraus macht der Belgier Wim Vandekeybus ein Spiel. Sein neues Stück booty Looting ("Beute plündern") kommt nahe an die Idee vom unmöglichen Besitz. Wieder etwas Ketzerisches: Denn auch das Wissen ist ein solcher. Es kann leichte Beute sein oder das Ergebnis schwerer Erwerbsarbeit. Immer aber ist es vorläufig, ganz sicher so " ephemer" (flüchtig) und beweglich wie der Tanz.

Vorläufig sind ergo auch unsere Kenntnisse über den Körper. Tänzer wie Jonathan Burrows zum Beispiel wissen viel über ihn. Aber ihr Wissen ist ein anderes als das von Medizinern oder Sozialwissenschaftern. Wenn Burrows mit seinem künstlerischen Partner Matteo Fargion einen Tanz aus Counting To One Hundred macht, dann nicht, ohne sich über die Absurdität des Zählens lustig zu machen. Gezählt werden kann vieles, das mit dem Körper und seinen Gemeinschaften zusammenhängt. Aber ein Verständnis für die Realität des Körpers kann nicht bloß aus Spekulationen mit Zählergebnissen kommen.

So schön die Welt der Zahlen ist, so sehr wird sie auch als Herrschaftsinstrument eingesetzt. Wer die Lebenswirklichkeit lebendiger Körper hinter abstraktem Statistik- und Kalkulationsmaterial verbirgt, hat etwas vor. Meist nichts Menschengerechtes, wie unsere durchrationalisierte Leistungsgesellschaft zeigt. Zählende und Gezählte sind Körper in Systemen der Organisation und der Ausbeutung. Wenn der Choreograf Johann Kresnik zusammen mit Ismael Ivo heute das Stück Francis Bacon wiederaufnimmt, dann zu einem Zeitpunkt, an dem sich zunehmend ein fundamentaler Konflikt zwischen Zählenden und Zahlenden aufbaut.

Francis Bacon ist ein Stück über die Körperzerreißungen der Macht und das daraus resultierende Auseinanderfallen des Eros im Leibsein einer Gesellschaft. Warum das, was Kresnik hier kritisiert, unbedingt sein muss, wissen wir noch nicht. Es gibt die Beobachtung, dass der Körper in Gemeinschaft seine Werkzeugintelligenz schneller entwickelt als seine Sozialintelligenz. Dass er dadurch ein Zerrissener in seinen selbstgeschaffenen Organisationsräumen ist. Ob er, wie Benoît Lachambre das in seinem Stück Snakeskins abhandelt, aus seinen Häuten herauskann, wird davon abhängen, ob wir ihn anders denken können als bisher.

Ende des Körpermissbrauchs

Der Schlüssel zur Lösung des Problems liegt eventuell weniger in seinen Symptomen: den sozialen Ausbeutungen und den Zerstörungen unserer Lebensräume. Sondern an deren Wurzeln und da in der Selbstverständlichkeit des Missbrauchs menschlicher Körper als Besitz oder Kapital. Dagegen kann sehr praktisch auf die Akzeptanz der Unantastbarkeit der Würde und Integrität jedes Körpers hingearbeitet werden. Ein großer Fortschritt wäre in diesem Sinn eine sukzessive Tabuisierung aller politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Konzepte, die den Körper zur bloßen Verwaltungsmasse degradieren.

Der Tanz als Kunstform kann gar nicht anders, als immer wieder um diese Frage nach den Rechten des Körpers, seiner Kreativität und Integrität zu zirkulieren. Damit unterscheidet er sich von ausbeuterischem Entertainment und spekulativem Körperkult, von kommerzialisiertem Sport, von militärischer Instrumentalisierung und von der Zwangsfitness einer an ökonomischen Kriterien ausgerichteten Politik. (Helmut Ploebst, Sonderthema/Beilage, DER STANDARD, 24.7.2012)

  • La beauté du diable, Museumsquartier Halle G, 2. u. 4. 8., 21.00
  • booty Looting, MQ Halle G, 6. u. 7. 8., 21.00; 8. 8., 23.00
  • Francis Bacon, Odeon, von 8. 8. bis 11. 8., 21.00
  • Snakeskins, Museumsquartier Halle G, 10. u. 12. 8., 21.00
  • Die Haut unter der Haut unter der Haut: Der Körper - hier bei Benoît 
Lachambre - ist dennoch keine Zwiebel, sondern unter ...
    foto: christine rose divito

    Die Haut unter der Haut unter der Haut: Der Körper - hier bei Benoît Lachambre - ist dennoch keine Zwiebel, sondern unter ...

  • ... kulturelle und politische Definitionen gezwungen, von denen 
viele ihn zur bloßen Manipulationsmasse degradieren. Dadurch zerreißt der 
Körper - wie hier bei Hans Kresnik -, oder er weicht ...
    foto: dieter blum

    ... kulturelle und politische Definitionen gezwungen, von denen viele ihn zur bloßen Manipulationsmasse degradieren. Dadurch zerreißt der Körper - wie hier bei Hans Kresnik -, oder er weicht ...

  • ... in Zonen der Ambivalenz aus, wie oben Koffi Kôkô, um sich zu entziehen 
und neue gesellschaftliche Terrains zu schaffen.
    foto: arnaldo j g torres

    ... in Zonen der Ambivalenz aus, wie oben Koffi Kôkô, um sich zu entziehen und neue gesellschaftliche Terrains zu schaffen.

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