Badezimmer gefährlicher als Mountainbiking

Interview |
  • Alexander Gehbauer in seinem Element.
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    Alexander Gehbauer in seinem Element.

  • Den olympischen Kurs in London kennt der 22-Jährige bereits in und auswendig.
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    Den olympischen Kurs in London kennt der 22-Jährige bereits in und auswendig.

  • Trotzdem möchte der Kärntner noch keine Prognose abgeben. Durchkommen sei alles.
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    Trotzdem möchte der Kärntner noch keine Prognose abgeben. Durchkommen sei alles.

Mit 190er-Puls den Aufstieg schaffen und dann schnurstracks hinunter: Ein Gespräch mit Olympia-Teilnehmer Alexander Gehbauer über Cross-Country und andere Gefährlichkeiten

Wien - Seit 1996 ist Cross Country olympisch. Da war Alexander Gehbauer gerade einmal sechs Jahre alt. Vier Jahre später fing der 22-jährige Kärntner an, Mountainbike zu fahren - mit tatkräftiger Unterstützung seiner Eltern. Es zahlte sich aus. Der Villacher kann bereits in jungem Alter auf eine beachtliche Cross-Country-Karriere zurückblicken und startet nun für Österreich bei den Olympischen Spielen in London. Mit derStandard.at sprach Gehbauer über seinen Fahrradverschleiß, die schlimmste Verletzung und die Frage, warum er nach seiner sportlichen Karriere nicht Landwirt werden will.

derStandard.at: Ihr Arbeitsgerät ist das Fahrrad. Wie sieht da Ihr Verschleiß aus?

Gehbauer: Ich hab von meinem Hauptsponsor KTM sieben Räder zur Verfügung gestellt bekommen, und da verbrauche ich ungefähr zwei pro Saison. Die Räder halten schon was aus, am häufigsten geht da die Fahrradkette kaputt.

derStandard.at: Wie viel kostet so ein Rad?

Gehbauer: Da ziehe ich einen Vergleich mit der Formel 1, da mein Rad eigentlich aus lauter Leichtbau-Spezialteilen besteht. Mein Sattel ist aus Italien, die Räder aus Amerika, die Gabel ist aus der Schweiz, und alle haben gemeinsam, dass sie aus Carbon sind. Bis auf ein bis zwei Schrauben besteht bei meinem Rad nichts mehr aus Aluminium. Ich würde also sagen, so ungefähr 7.000 Euro.

derStandard.at: Mit zehn Jahren haben Sie angefangen, Mountainbike zu fahren, ein halbes Jahr nach Ihrem Bruder, der ebenso professionell fährt. Was haben Ihre Eltern davon gehalten?

Gehbauer: Meine Eltern haben mich da eigentlich immer unterstützt. Mein Vater war sogar Fußballer bei Rapid Wien, hatte dann aber Knieprobleme und hat deshalb mit dem Radfahren angefangen und sogar für uns die Trainingspläne geschrieben. Zuerst bin ich eigentlich nur auf der Straße gefahren und habe dann im Juniorenalter angefangen, Mountainbike zu fahren.

derStandard.at: Wie würden Sie Cross Country kurz und bündig erklären?

Gehbauer: Also ich würde das wieder mit der Formel 1 vergleichen. Es gibt einen Massenstart, aufgestellt wird nach Weltranglisten-Rängen. Der Rundkurs ist gespickt mit technisch schwierigen Abfahrten und kurzen Anstiegen.

derStandard.at: Wo liegen die besonderen Schwierigkeiten beim Cross Country?

Gehbauer: Man fährt mit einem 190er-Puls den Aufstieg hinauf und rast dann einen schwierigen Abhang hinunter, bei dem man darauf achten muss, dass man nicht stürzt.

derStandard.at: Sie verbringen viel Zeit in der freien Natur und oft auch im Gatsch. Wie steht es eigentlich um Ihr Immunsystem?

Gehbauer: Das ist ein bisschen ein Vorurteil, dass wir Mountainbiker so oft im Gatsch fahren. Mein Training läuft hauptsächlich auf der Straße ab, und wirkliche Gatsch-Rennen gibt's eigentlich nur zwei bis drei im Jahr. Mein Immunsystem ist aber trotzdem super.

derStandard.at: Wie viele Wochenstunden trainieren Sie?

Gehbauer: So zwischen 20 und 30 Stunden.

derStandard.at: Wie sieht das Training aus?

Gehbauer: Das kommt darauf an. In der Trainingsperiode sind das meistens Fünf- oder Sechs-Stunden-Touren, aber manchmal auch länger. Die gehe ich meistens in der Ebene mit einem gemächlichen Tempo an. Wenn dann die Wettkämpfe vor der Tür stehen, trainiere ich schon wesentlich intensiver.

derStandard.at: Wie hat Ihre Olympia-Vorbereitung ausgesehen?

Gehbauer: Ich bin derzeit bei einem Trainingslager in Italien, und in den nächsten Tagen gibt es noch zwei Rennen in Österreich und eines in Val d'Isere. Ich werde in den nächsten Tagen noch hart trainieren, und in der letzten Woche vor Olympia werde ich mich der Regeneration widmen.

derStandard.at: Was nehmen Sie sich für das Groß-Event in London vor?

Gehbauer: Die Form passt bei mir, aber zuerst will ich einmal unfallfrei durchkommen und ein gutes Rennen fahren. Sollte ich das schaffen, dann ist auch mit einem guten Ergebnis zu rechnen. Das ist nicht so wie beim 100-Meter-Sprint, da kommt es wirklich auf die Tagesverfassung an.

derStandard.at: Wie würden Sie eigentlich die Strecke in London einschätzen?

Gehbauer: Ich war vergangenes Jahr beim Pre-Olympics Festival, wo ich die Strecke mit der Helmkamera durchfahren bin, so kenne ich sie mittlerweile in- und auswendig. Sie ist auf einem Hügel angelegt und komplett künstlich, sehr kurze Anstiege und technisch wirklich schwierige Abfahrten. Im Großen und Ganzen aber eine sehr coole Strecke.

derStandard.at: Stürze gehören leider dazu, welcher hat sie am längsten aus der Bahn geworfen?

Gehbauer: Sturz keiner. Vergangenes Jahr habe ich mir vor der Europameisterschaft im Badezimmer an einer Fliese sämtliche Sehnen im Fuß durchtrennt, da hatte ich dann sechs Wochen einen Gips. Daraufhin musste ich die halbe Saison pausieren, und das war im Endeffekt das Schlimmste, was mir je passiert ist.

derStandard.at: Und bei einem Rennen ist noch nichts passiert?

Gehbauer: Wenn du stürzt, dann hast du meistens nur kleine Abschürfungen. Brüche oder Schlimmeres kommt eigentlich nur sehr selten vor.

derStandard.at: Hatten Sie bei einem Waldtraining schon einmal eigenartige Begegnungen?

Gehbauer: Einmal hat mir eine recht große Schlange den Weg versperrt, das war es auch schon wieder, da ich eigentlich hauptsächlich auf der Straße trainiere.

derStandard.at: Fahren Sie privat auch noch Rad?

Gehbauer: Ich habe zwar ein E-Bike zu Hause, aber in der Freizeit verzichte ich, soweit es geht, auf den Drahtesel und fahre mit dem Auto.

derStandard.at: Sie sind 22 Jahre jung. Welchem Beruf wollen Sie einmal nachgehen, sollten Sie nicht mehr am Rad sitzen?

Gehbauer: Ich will auf jeden Fall einmal Industrial Engineering studieren und irgendwas im Wirtschaftsbereich machen.

derStandard.at: Glauben Sie wirklich, dass ein Bürojob das Richtige ist, wenn Sie jahrelang täglich fünf bis sechs Stunden im Freien waren?

Gehbauer: In der heutigen Zeit kann man sich den Job halt leider nicht so leicht aussuchen. Als Bauer ist man noch in der freien Natur. Ich heiße aber schon Gehbauer, da will ich nicht noch extra ein Bauer werden. (Daniel Koller, derStandard.at, 23.7.2012)

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