Flüchtlingsbetreuerin: Der Ausnahmezustand als Alltag

Porträt23. Juli 2012, 09:46
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Elfi Jungwirth arbeitet bei einem Volkshilfe-Wohnprojekt in Grünau im Almtal. An ihrem Beruf schätzt sie besonders die Möglichkeit, Menschen in einer schwierigen Lebenslage zu begleiten

Natürlich gibt es Dinge, die Elfi Jungwirth an ihrer Arbeit als Flüchtlingsbetreuerin überhaupt nicht gefallen: "Es ist sehr frustrierend, wenn jemand abgeschoben wird oder aus Angst vor der Abschiebung untertaucht." Nicht zu wissen, was dann mit den Kindern passiert, sei besonders schlimm. Denn was soll aus Heranwachsenden werden, die über Jahre hinweg erleben, dass sie unerwünscht sind? Diese bittere Frage stellt sich die 53-jährige Oberösterreicherin immer wieder. Manche Fluchtgeschichten seien zudem so tragisch, dass sie beim Durchlesen der Akten erst mal tief durchatmen muss. "Manchmal frage ich mich, wie ein Mensch solche schlimmen Erfahrungen überhaupt aushält."

Dennoch hat sie in ihrer Arbeit im Wohnprojekt Grünau genau das Richtige für sich gefunden: "Das Schöne ist, die Leute in dieser extrem schwierigen Lebenslage zu begleiten", findet Jungwirth. "Viele haben vor und während ihrer Flucht Traumatisierungen erlitten. Da braucht es einfach sehr viel Zeit, bis man sie aus ihrem tiefen Loch herausholt." Es sei zwar oft nicht leicht, aber "es macht einfach Sinn, was ich tue." Außerdem sei es natürlich ein großer Vorteil, soziales Engagement und Beruf verbinden zu können.

Alle warten auf das Gleiche

Seit über sieben Jahren arbeitet Elfi Jungwirth nun als Flüchtlingsbetreuerin im Haus Anspang, einem Volkshilfe-Wohnprojekt im oberösterreichischen Grünau im Almtal. "Ich bin ins tiefe Wasser gesprungen", beschreibt sie ihren Start als Sozialarbeiterin. Nach der Matura, der Arbeit als Bankangestellte, der Erziehung ihrer Kinder und mit einem berufsbegleitenden Lehrgang für Migrations-Sozialarbeit startete sie als späte Wiedereinsteigerin ins Berufsleben. "Ich arbeite noch immer gerne in diesem Sozialberuf und habe meine Jobwahl nie bereut", erzählt die vierfache Mutter, die neben ihrer engagierten Arbeit mit AsylwerberInnen auch als freie Künstlerin tätig ist.

23 Stunden pro Woche verbringt sie in ihrem Büro, den Gemeinschaftsräumen und dem Garten des Wohnprojekts bei und mit den dort lebenden acht Familien, die alle auf das Gleiche warten, und das oft mehrere Jahre: einen positiven Asylbescheid. Insgesamt sind es derzeit 29 Personen, davon 15 Kinder, aus Afghanistan, Irak, Tschetschenien, Dagestan, Tadschikistan, Nigeria und Syrien.

Der Anspannung Luft machen

Der gemeinsame Alltag verläuft "total unspektakulär, so wie woanders auch", schildert Jungwirth das Zusammenleben im Gästehaus, das zwar sehr gut funktioniere, aber dennoch auf Dauer viel zu beengend sei, weil der nötige Abstand und die Privatssphäre fehle. Die Kinder werden in der Früh zum Schulbus gebracht und nachmittags wieder abgeholt, den Erwachsenen, die alle keiner Arbeit nachgehen dürfen, falle natürlich immer wieder die Decke auf den Kopf.

Nach wie vor dürfen AsylwerberInnen in Österreich nicht regulär arbeiten, und in der Saisonarbeit, eine der wenigen Möglichkeiten, in der sie theoretisch eine Bewilligung bekommen können, sieht es in der Praxis sehr schlecht aus. "Die Leute sind sehr enttäuscht, wenn sie erfahren, dass es de facto keine realistische Möglichkeit auf legale Arbeit gibt", erklärt Jungwirth. "Heute hat wieder einer unserer Bewohner seiner Anspannung Luft gemacht und draußen zum Zusammenräumen, Rasenmähen, Putzen und Müll entsorgen begonnen." Manche Menschen reagieren mit Kopfschmerzen, Schlafstörungen, depressiven Phasen. Jeder für sich muss Strategien finden, mit der andauernden Ungewissheit, wie es weiter gehen wird, umzugehen.

Kreative Verständigung

Zu Jungwirths Aufgaben im Wohnprojekt gehören viele verschiedene Dinge: Sie vermittelt, wenn nötig, zwischen den AsylwerberInnen und der Schule, dem Kindergarten und Ärzten, kümmert sich um bürokratische Dinge wie die Verrechnung der Grundversorgung, leistet Orientierungshilfe und arbeitet schließlich auch als Hausmeisterin, damit alle praktischen Dinge im Haus gut funktionieren. "Ich denke, die wesentlichste Aufgabe ist aber immer wieder das aktive Zuhören und der Versuch, Krisen abzufangen."

Dabei helfen natürlich auch die persönlichen Kontakte außerhalb des Hauses, die die Familien vor allem über ihre Kinder knüpfen. Die Kinder selbst haben es gar nicht schwer, Freundschaften aufzubauen. "Das letzte Mal, als zwei unserer Kinder in die Hauptschule nach Scharnstein kamen, wetteiferten die dortigen SchülerInnen, in welche Klasse die beiden aufgenommen werden sollten", erzählt Jungwirth und freut sich über die Beliebtheit ihrer Schützlinge.

Wenn die eine oder andere Familie noch nicht lange in Österreich lebt, sei die Kommunikation sprachlich natürlich oft eine Herausforderung. "Da muss man kreativ sein, wir verständigen uns dann oft über zwei oder drei Ecken." Irgendwie gehe es aber immer. Bei Behördengängen und Arztbesuchen sei die Sache allerdings schwieriger. "Einen Arabisch-Dolmetscher in Grünau aufzutreiben ist ein Ding der Unmöglichkeit."

Ein Stückchen Heimat

Im Unterschied zu privaten Flüchtlingspensionen, in denen AsylwerberInnen mit zubereitetem Essen und 40 Euro Taschengeld pro Monat verpflegt werden, bekommen die BewohnerInnen des Wohnprojekts 150 Euro (Erwachsene) bzw. 110 Euro (Kinder) - und müssen sich um ihre Grundversorgung, also Lebensmittel, Hygieneartikel und sonstigen Alltagsbedarf, selbst kümmern. "Es ist nicht viel, und es ist manchmal so, dass man mit dem Geld einfach nicht auskommt. Aber die Leute können hier selber kochen, was sie mögen, und das ist ein Riesen-Vorteil", weiß Jungwirth. "In den Vollversorger-Pensionen gibt es Einheitskost, den eine Ostafrikanerin genauso mögen soll wie eine Person aus dem Kaukasus. Das Selber-Kochen ist wie ein Stückchen Heimat."

Für die Flüchtlingsbetreuerin ist die gemeinsame Zeit mit den Leuten des Wohnprojekts eine große Bereicherung. Immer wieder fasziniert es sie, in andere Kulturen hineinzublicken. "Es ist ein enormes Potential an Informationen und emotionalen Eindrücken, die ich hier aufnehme. Typisches Beispiel ist die Küche nebenan. Wenn es herüber duftet, zieht es mich regelmäßig in die Küche. Ich darf in die Kochtöpfe schauen und hole mir die Rezepte. Dann gibt es bei mir daheim auch Borschtsch und Piroschki."

Der Mut, neu anzufangen

Elfi Jungwirth ist der Meinung, dass in der Diskussion rund um Asyl in Österreich viel stärker der Umstand beachtet werden müsse, dass praktisch niemand freiwillig seine Heimat gerne verlässt. Sie erwähnt dabei ein Ehepaar aus dem Nahen Osten, das erst kürzlich im Grünauer Gästehaus eingezogen ist. "Der Mann ist 77 Jahre alt. Da muss doch etwas Schreckliches passiert sein, dass ich in diesem Alter flüchte und den Mut aufbringe, noch einmal irgendwo anders neu anzufangen", sagt Jungwirth nachdenklich.

"Und trotzdem versprühen alle diese Menschen so viel positive Energie. Die meisten kommen total motiviert, viele mit hoher beruflicher Qualifikation oder Universitätsbildung, nach Österreich und die erste Frage lautet 'Wie kann ich hier Arbeit kriegen?'. Ich verstehe nicht, warum wir diese Leute nicht arbeiten lassen, und bei den Jugendlichen jahrelang in ihre Ausbildung investieren und sie dann wieder heimschicken." In dieser Hinsicht habe Österreich jedenfalls noch vieles zu lernen, da ist sich Elfi Jungwirth sicher. (Jasmin Al-Kattib, derStandard.at, 23.7.2012)

  • Ihre Arbeit als Flüchtlingsbetreuerin sei zwar oft nicht leicht, dennoch hat Elfi Jungwirth an ihrer Berufswahl nie gezweifelt: "Es macht Sinn, was ich tue."
    foto: volkshilfe/jungwirth

    Ihre Arbeit als Flüchtlingsbetreuerin sei zwar oft nicht leicht, dennoch hat Elfi Jungwirth an ihrer Berufswahl nie gezweifelt: "Es macht Sinn, was ich tue."

  • Im Gästehaus Anspang in Grünau im Almtal wohnen derzeit 29 Personen aus Afghanistan, Irak, Tschetschenien, Dagestan, Tadschikistan, Nigeria und Syrien.
    foto: volkshilfe/jungwirth

    Im Gästehaus Anspang in Grünau im Almtal wohnen derzeit 29 Personen aus Afghanistan, Irak, Tschetschenien, Dagestan, Tadschikistan, Nigeria und Syrien.

  • "Ich verstehe nicht, warum wir bei den Jugendlichen jahrelang in ihre Ausbildung investieren und sie dann wieder heimschicken", sagt Jungwirth.
    foto: volkshilfe

    "Ich verstehe nicht, warum wir bei den Jugendlichen jahrelang in ihre Ausbildung investieren und sie dann wieder heimschicken", sagt Jungwirth.

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