BMW 650 GS: Der Vollkoffer meiner Träume

Harald Fidler schmeckt wieder einmal in die Welt der Motorräder und fährt die BMW 650 GS

Der Herr Glu ist die Rücksicht in Person. Einmal im Jahr frag ich ihn vorsichtig, ob ich vielleicht wieder einmal ein Testmoped Gassi führen darf. Schneller als sein Schatten Gas geben kann, hat er auch schon geantwortet und das offenkundig mit Bedacht auf die abnehmende Fahrerfahrung des Fidlers über dem Dickrollerlevel: Magst nicht die 650 GS, die gebert‘s ab nächster Woche?

Mag ich. Herr Glu nimmt nicht alleine Rücksicht auf meine maue Fahrpraxis, er bedenkt auch meine begrenzte Reichweite in der Vertikalen. Das wiederum hatte ich nicht bedacht und den Herrn Meisenbichler in alter BMW-Höhenerfahrung auch über geringeren Hubräumen gefragt, ob's die 650er eh auch mit niedriger Bank gibt. Was wiederum den Meisenbichler sehr amüsierte: Er könne sicher eine finden, aber bei der 650er komm sogar ich runter. Garantiert. Stimmt. Ein sehr sympathisches Gerät, dieser kleine Zweizylinder, heuer in Sonderedition "Sonnengelb". Den Farbton konnte das Gemüt in diesem etwas überraschend vorgepreschten Herbst gut gebrauchen. Dazu ein breiterer Schnabel wie die Großen, ein höheres Schild, LED-Blinker, und fertig ist das sonnige Gemüt.

Wenn ich jetzt schreibe, dass auch die kleine BMW so überraschend vorprescht wie heuer der Herbst, belächelt mich der Herr Glu vermutlich ein wenig. Im Vorjahr noch schwärmte ich vom underreitbaren Vortrieb einer Ducati Streetfighter und dem danach geradezu zartfühlenden 1100 Evo-Modell der Monster derselben Provenienz. Und heuer juble ich schon über den Schub von 52 Kilowättern und 75 Newtonmetern bei 4500 Umdrehungen? Schon wahr, man muss die Bayerin ein bisserl auf Touren bringen, damit sich ihr Schub entfalten kann. Aber dann macht sie auf eng gekurvten Landstraßen im Wiener Umland schon viel Freude. Auch in der Stadt, aber da zieh ich halt doch ein bisserl schmalere Lenker vor. So gern ich in freier Wildbahn an ihnen herumhebel.

Die allergrößte Freude aber bereitet mir ein Vollkoffer. Womit wir bei meinem Tourette wären: Wer, wie der Fidler, auf würfelige Autos steht, die so ähnlich heißen wie eine Schimpfkrankheit. Wer, wie der Fidler, würfelige Häuser mag. Und wer, wie der Fidler, einen eher eckigen Kopf besitzt. Den macht dieses Top Case, das die Sonnengelbe (Zubehör!) trägt wie ihre großen Schwestern, einfach glücklich. Quadratisch, praktisch gut, aber keineswegs süß wie Ritter Sport. Nach oben mit einem Handgriff ausfahrbar (die Funktion übt der Fidler seither für die höheren BMWs).

Wer kam eigentlich auf die Idee, solche Aufliegekoffer rund, stromlinienförmig oder sonst wie seltsam zu gestalten? Wenn es so einfach geht? Schlicht wie ich bin, bin ich schlicht begeistert. Und das von einem Top Case, dem ästhetischen Nogo schlechthin. Ich glaub, so bald gibt mir der Glu kein Moperl mehr, wenn ich so weitermach. (Harald Fidler, derStandard.at, 23.7.2012)

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