Grenzwertiges und der Wert einer Grenze

24. Juli 2012, 08:50
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Zollfrei einkaufen rund um Österreich ist längst Geschichte. Dennoch stellt sich die Frage, ob Verkaufsflächen in Grenznähe von dieser Lage profitieren

Zehn Jahre ist es her, dass den Österreichern ein leidiges Motiv genommen wurde, ihren mitteleuropäischen Nachbarn Besuch abzustatten: 2002 sollten alle Duty-Free-Shops an den später offenen Grenzen geschlossen sein. Tschechien hat sich damit etwas länger Zeit gelassen, tastete den abgabenfreien Verkauf zuerst nur widerwillig an und nahm dafür sogar eine verstimmte EU-Kommission in Kauf. Erst Ende April 2004, kurz bevor das Land der EU beitrat, wurden in Chvalovice-Hate die endgültig letzten Zigaretten ohne Mehrwertsteuer verkauft.

Chvalovice-Hate - das ist das tschechische Gegenüber von Kleinhaugsdorf. Doch das entgeht den Kunden der Excalibur-City bis heute aus gutem Grund: Zu Christi Himmelfahrt etwa haben die Geschäfte im Gegensatz zu österreichischen geöffnet, also wird die Grenze bis hierher und nicht weiter überschritten. Und 2003, im gleich nebenan eröffneten Outlet Center, gehen wenigstens die Schnitzel weg wie die warmen Schnitzelsemmeln - sogar zum Preis einer solchen: für umgerechnet drei Euro achtzig.

Billige Exotik als Alternative

In der Duty-Free-freien Zone Excalibur soll vor allem ein Mix aus gefragten Dienstleitungen und seltenen Waren den früheren Steuervorteil wettmachen: Die Nagelstudios feilen und lackieren hier einfach billiger als im 60 Autominuten entfernten Wien, und die angrenzende "China Town" verfügt tatsächlich über ein exotisches Sortiment: Auch T-Shirts mit dem Schriftzug der gerichtlich verurteilten und aufgelösten Neonazi-Band "Landser" wechseln hier ohne Aufsehen den Besitzer.

Ein Halt an der österreichisch-slowenischen Grenze bei Spielberg ergibt ein anderes Bild: Für ein Packerl Minas Kava, den einst so geschätzten, staubfein gemahlenen Kaffee, bleibt heute keiner der Durchreisenden in Richtung Süden mehr stehen. Die Zollfreibuden sind zu Kulissen ohne Funktion geworden, höchstens das große Kasino auf slowenischer Seite kann der "Las-Vegasierung" in der belebten tschechischen Stadt Excalibur-City Paroli bieten.

Wer die Grenzen sucht

Wie unterschiedlich die Chancen für Einkaufsflächen stehen, die sich heute - noch oder wieder - in Grenzregionen befinden, ist also eine berechtigte Frage. Die beiden großen und also einzigen "echten" heimischen Outlet Center in Parndorf und Salzburg suchten immerhin bewusst die Grenznähe - nicht zuletzt, weil sich dadurch das notwendige Einzugsgebiet ergibt. Im bayerischen Neuhaus - gegenüber von Schärding - bestehen zudem seit Jahren Pläne für ein weiteres Factory Outlet.

Aber auch herkömmliche Shoppingcenter profitieren mitunter von der Lage an einer Grenze. So haben die Beratungsunternehmen "Standort und Markt" und "Ecostra" im April 2012 eine Studie veröffentlicht, die erstmals die Zufriedenheit der Mieter in 100 österreichischen Einkaufszentren erhob. Der Messepark in Dornbirn, der bis zu 20 Prozent seiner Kundschaft aus der Schweiz lukriert, belegt dabei den ersten Platz.

Roman Schwarzenecker, Gesellschafter bei "Standort und Markt", geht davon aus, dass zwischen diesem Ergebnis und dem aktuellen Euro-Franken-Wechselkurs ein Zusammenhang besteht. "Klar ist aber auch, dass kurzfristige Standortvorteile bei der Planung keine Rolle spielen dürfen. Die Lebenszyklen von Einkaufszentren sind länger", ergänzt Schwarzenecker. Somit würden in Grenzregionen heute dieselben Bedingungen bei der Planung gelten wie überall anders auch.

Sonderfälle bei der Widmung

Einen der wenigen Vorteile für Entwickler sieht Schwarzenecker in den rechtlichen Rahmenbedingungen: "Um beim Beispiel Spielberg zu bleiben: Die ehemaligen Grenzhütten verfügen noch über eine Sonderwidmung. Das macht es einfacher, hier etwas Neues zu planen als auf der grünen Wiese." Für Shoppingcenter mit einer gängigen Verkaufsfläche von rund 25.000 Quadratmetern sei dieser Standort - zumindest auf österreichischer Seite - aber dennoch wenig erfolgversprechend.

Michael Oberweger, Consulting-Leiter bei Regionplan, geht bei der Standortbewertung sogar noch einen Schritt weiter: "Shoppingcenter heute an der Grenze zu errichten halte ich für ein echtes Risiko." Grundsätzlich baue der Erfolg von Einkaufszentren auf ein Ungleichgewicht beim Angebot und beim Preis von Dienstleistungen - allerdings sei gerade dieses Gefälle an Österreichs Grenzen immer weniger gegeben.

Es ist zudem kein harter Standortfaktor, den Oberweger acht Jahre nach den Grenzöffnungen in Mitteleuropa ins Treffen führt, um neuen Shoppingcentern in dieser Lage mit Skepsis zu begegnen: "In Europa ist es mehr als anderswo angelernt, in Grenzen zu denken - auch wenn diese schon lange offen sind. Die Barriere im Kopf ist noch da, und das hat auch Auswirkungen auf den Erfolg solcher Projekte. Am ehesten sehe ich heute noch das Überschreiten der Grenze von 'Osten' in Richtung 'Westen' als mental positiv besetzt", ergänzt Oberweger.

Dass Projekte wie die Excalibur-City im Jahr 2012 geplant und realisiert würden, glaubt freilich keiner der beiden Consulter. (Sascha Aumüller, DER STANDARD, 21./22.7.2012)

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    An der deutsch-polnischen Grenze sichert sich ein Fußgänger kleine Preisvorteile in seinem Einkaufssackerl. Consulter nennen das einen "kurzfristigen Standortvorteil", der den gesamten Lebenszyklus neuer Einkaufszentren an der Grenze nur selten überdauert.

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