Engagierte Welterschaffung

Die Salzburger "Ouverture spirituelle" begann mit Haydns "Schöpfung" und Händels "Messias"

Salzburg - "Das Wetter ist beschissen", schimpft Tenor Michael Schade über die herbstlichen Verhältnisse in Salzburg. Da könne man sich die Zeit nur vertreiben, indem man miteinander kuschelt oder viel schläft. Oder man geht zur Yellow Lounge des Labels Universal ins Republic, wo Schade versucht, Klassik locker zu präsentieren, indem er den Entertainer in sich loslässt und die Lieder und Arien, die er zu später Stunde mit Mikroverstärkung haucht, einer flockigen Vorerklärung unterzieht.

Das alles hat an sich nichts mit den Salzburger Festspielen zu tun. Es stellt jedoch eine nette Ergänzung zu den heuer etwas früher beginnenden Salzburger Festspielen dar und ist ein Zeichen, dass Salzburg für die CD-Firmen immer noch ein Ort ist, an dem man - weniger opulent als früher - doch zugegen sein will.

Stimmungsmäßig ist die Festspiel-Neuerung, die "Ouverture spirituelle", natürlich ganz anders angelegt: Der neue Intendant hat eine Woche der sakralen Musik ausgerufen, die einem auch die Welterschaffung nicht vorenthält. Gleich zu Beginn geht es da im Großen Festspielhaus herzhaft im Sinne der Originalklangbewegung zu. Und: Bei Joseph Haydns Schöpfung ist Dirigent John Eliot Gardiner mit den English Baroque Soloists und dem Monteverdi Choir jederzeit ein kundiger Advokat klanglicher und phrasierungstechnischer Delikatessen.

Bei der einleitenden Vorstellung des Chaos lässt er die Magie des Werkes kühl in vibratofreier Klarheit ertönen, er führt das Ganze auch ins Fahle wie in die Nähe der Stille und legt damit ein kontrastreiches Fundament für kommende Ereignisse. Sie sind allerdings wohlgeordnet: Das kecke Blech mit seinen spröden Effekten ist markant unterwegs, dennoch aber in den Gesamtklang sinnig eingebunden. Mitunter wackelt es ein bisschen, aber hier wird nichts routiniert abgespult - weder vom Orchester noch vom profunden Chor. Und auch die Solisten haben Glanzmomente: Sopranistin Lucy Crowe (als Gabriel und Eva) lässt in ihrer Stimme ein bisschen Schärfe mitschwingen, sie überzeugt jedoch schließlich mit klaren, wendigen Höhen, und sie kling nie als Opfer der Partie. Bass Yuyani Mlinde (als Raphael und Adam) setzt zwar ein bisschen sehr auf theatralische Effekte und lockt überengagiert mit seinem rollenden "r". Dennoch sehr solide, wobei: Was Klang anbelangt, ist Tenor James Gilchrist (als Uriel) hervorzuheben.

Im Mozarteum tags darauf kann vor allem Bass Ernst Volle punkten; bei Händels Messias (in der Bearbeitung von Mozart) ist er der Inbegriff des so intensiven wie präsenten Sängers. Die Meisterleistung schlechthin legt aber der Dresdner Kammerchor hin. An Klangkultur und elastischer Linienführung war das nicht mehr zu überbieten, während das Mozarteum Orchester Salzburg unter Christopher Hogwood nebst kleinen Einsatzproblemen vom Dirigenten ein bisschen stark in Richtung liebliche Lyrik getrimmt wurde. Die Sangesdamen, also Malin Hartelius und Vesselina Kasarova, wirkten nur solide, tadellos hingegen Tenor Norbert Ernst.

Yellow-Lounge-Sänger Schade steigt übrigens heute in die Ouverture ein - in der St.-Peter-Kirche, wo er um 20 Uhr die Dirigentin Laurence Equilbey trifft. (Ljubisa Tosic/DER STANDARD, 23. 7. 2012)

Share if you care