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Verschattet: Sean Scullys "Grey Wolf" (2007).
Linz - Nachts in den Pyrenäen. Sean Scully war mit dem Auto unterwegs. " Ich musste Pipi", erzählt der 67-jährige Maler vor dem von bläulichem Grau dominierten Bild. Zwischen den Bäumen stehend, bemerkte er, nicht allein zu sein: "Ein Augenpaar sah mich an. Es war ein Wolf. Wir sahen einander an. Ich wollte dem kurzen Moment der Freundschaft, den ich mit dem wunderschönen Tier hatte, Tribut zollen."
Der Graue Wolf (2007) ist ein mächtiges Bild, nicht allein wegen seiner majestätischen Größe, sondern wegen des Flirrens zwischen dem verschatteten Dickicht aus Farbbalken. Gerade so, als wolle man den Betrachter davor bewahren, mit dem Wolf in der Nacht zu verschwinden, sondern ihn im Hier und Jetzt des Lentos zu halten, steht unter dem Bild ein kleiner Wächter-Wolf - keiner mit blutigen Lefzen, sondern einer aus der Spezies Spielzeug-Zoo. Niedlich und unauffällig sorgt er dafür, dass die existenzielle Erfahrung zwischen Licht und Schatten nicht zu mächtig wird.
Trotz eines solchen Gags überwiegt in der Farbfeldmalerei des irischstämmigen Malers Spiritualität und Emotionalität. Gutes Beispiel ist die Serie Wände des Lichts: Wüstennacht (1999) umfängt den Betrachter mit einer grelleren, unruhigeren Stimmung als jene der Wolfsnacht. Goldene Felder speichern die Erinnerung an die Hitze wie der Sand. Bilder als Speicher von Erfahrungen.
"Ich bin sehr an der weichen und nicht an der Malerei der geraden Linien interessiert", sagt Scully, der Ende der 1960er mit Hard-Edge-Malerei begann. Der genaue Blick auf Bilder wie Soft Ending oder das grelle Blaze zeigt, dass ihn bereits damals neben dem Raster die sanften Übergänge und die daraus resultierenden Farbnuancen faszinierten. Im Lauf der Jahre wird die dunkle, erdige und darin auch melancholische Farbigkeit dominanter. Die Farbe wird zäher, und da und dort blitzt zwischen den Farbschichten das Weiß der Grundierung durch und steigert das Atmosphärische.
Ein schwarz-schwarz gestreiftes Bild (Black on Black, 1979) markiert Scullys Durchbruch in New York, wohin er 1975 auswanderte. Jedoch spie ihn "das Epizentrum der Kunst" zunächst aus. Scully dachte sogar daran aufzugeben. "Aber ich war perfekt für New York", sagt der Maler im Rückblick nicht ohne Stolz, "es konnte mich nicht zerstören. Ich war bereits zerstört." Was er damit meint, lässt die präsentierte Dokumentation Gegen den Strom (2008) erahnen. Mit Blick auf die " katastrophale Kindheit" sagt er: "Die Familie stand ständig in Gefahr, in den Abgrund der Gewalt abzustürzen." Scullys Bilder werfen zwar mitunter riesige emotionale Wellen, sind aber dennoch von ruhiger, meditativer Schönheit.
Die Ausstellung im Lentos gestattet dem einzelnen Bild nicht, den Raum zu dominieren. Es ist eher ein dichter Eindruck, für den mehr als 40 Großformate sorgen. Sie zeichnen die Entwicklung eines der bedeutendsten abstrakten Malers der Gegenwart nach. Die Schau präsentiert ein OEuvre, das sich in beeindruckender Weise stetig selbst steigert. (Anne Katrin Feßler/DER STANDARD, 23. 7. 2012)
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