Ein Film, der niemals endet

Kommentar |

Das Batman-Massaker und die blutige Perversion des US-Freiheitsbegriffs

Warum? Diese Frage bleibt nach unfassbaren Bluttaten wie jener in Colorado letztlich jedes Mal unbeantwortet. Was hat die Täter in Denver, bei den Schüssen auf Gabrielle Giffords in Tucson, den Massakern an der Virginia Tech University in Blacksburg oder der Columbine High School in Littleton angetrieben? Ein wirklich klares Motiv findet sich selten. " Sie wollen die Welt einfach brennen sehen", sagt Batmans Butler Alfred über die Schurken, die sein Boss bekämpft. Und das mag auch auf jene Verbrecher zutreffen, die sich in Kinosälen oder Schulen zu Herren über Leben und Tod aufschwingen.

Die Frage nach dem Wie lässt sich dagegen meist unmittelbar nach den Taten beantworten: James Holmes etwa hat sich seine Waffen legal im Handel besorgt. Die Munition - immerhin 6000 Patronen - erwarb er ebenso legal im Internet. Niemand nahm daran Anstoß, weil das Waffenrecht in den USA nach all den obengenannten Bluttaten nicht etwa verschärft, sondern weiter liberalisiert worden ist - trotz jährlich 31.500 Toten durch Schusswaffen in den Staaten.

Zuletzt hat das US-Höchstgericht 2008 den umstrittenen zweiten Zusatz zur amerikanischen "Bill of Rights" zugunsten der Waffenfreaks präzisiert: War zuvor noch unklar, ob sich "das Recht, Waffen zu besitzen und zu tragen" nur auf die im gleichen Satz erwähnten Milizen bezog, stellte der Supreme Court damals fest, dass es ein individuelles Recht für einen jeden amerikanischen Bürger darstellt.

Die National Rifle Association, die gut vier Millionen Waffenbesitzer vertritt, frohlockte. Ihr Kalkül: In den Staaten gibt es mehr Schusswaffen als Einwohner (320 Millionen), in mehr als der Hälfte der Haushalte sind Schießprügel gelagert - kein Politiker würde es nach diesem Urteil mehr wagen, auch nur irgendwie gesetzlich in diesem Feld und gegen diese Wählerschaft durchzugreifen. Die ersten Reaktionen von Präsident Barack Obama und dessen republikanischem Gegner Mitt Romney auf Denver lassen vermuten, dass diese Rechnung aufgehen wird.

Die meisten US-Bürger haben in der Tat nicht nur nichts gegen Schusswaffen. Sie würden es auch nicht verstehen, würde der (Bundes-)Staat diese angesichts sich häufender Massenmorde verbieten wollen. Hinter dieser Haltung steht nicht nur schießwütiger Machismus. Es geht unausgesprochen auch um den Gründungsmythos der USA: Vor gut 200 Jahren haben sich Siedler gegen einen zentralistischen, britischen Staat zur Wehr gesetzt, der ihnen zu viele Steuern abnahm und zu viele Vorschriften machen wollte. Daran hat sich auch heute, unter eigener amerikanischer Verwaltung, nichts geändert. Es ist kein Zufall, dass die rabiat rückwärtsgewandte Tea-Party-Bewegung so großen Zulauf hat.

Die meisten Europäer mögen das als abgedrehte Folklore bestaunen. Dahinter aber steht der Freiheitsbegriff der Amerikaner, der sich für die meisten US-Bürger als Freiheit von Regulierungen definiert. Dafür treten sie eisern ein, auch wenn diese Freiheit gelegentlich einen sehr hohen Preis hat und in blutiger Perversion die Freiheit anderere fatal beeinträchtigt.

Solange der Staat als Gegner der Freiheit betrachtet wird, solange werden die USA auch nicht - wie etwa Norwegen beim Gedenken an die Breivik-Opfer - in der Lage sein, furchtbaren Geschehnissen Reflexion und Konsequenz folgen zu lassen. Stattdessen lautet die Sequenz weiterhin: Massaker, Trauer, Gleichgültigkeit - ein düsterer Film, der niemals endet. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 23.7.2012)

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