Krieg erreicht Wirtschaftsmetropole Aleppo

Gegenoffensive der Regierungstruppen in Damaskus fortgesetzt

Die bewaffnete Rebellion gegen das syrische Regime ist am Wochenende auch im Zentrum der Wirtschaftsmetropole Aleppo angekommen. In der Hauptstadt Damaskus ging unterdessen die Gegenoffensive der Regierungtruppen weiter.

 

Damaskus/Kairo - Mit einigen Tagen Verzögerung auf die Hauptstadt sind auch in Aleppo, dem syrischen Wirtschaftszentrum und der neben Damaskus zweiten Stütze des Regimes, heftige Kämpfe zwischen Rebellen und der syrischen Armee ausgebrochen. Mit dem Stadtteil Salaheddin haben sie zum ersten Mal auch das Zen trum erreicht.

Über das Internet verkündete am Sonntag der Kommandant von Aleppo der Freien Syrischen Armee (FSA) das Anlaufen der "Befreiungsoperation". Abdul-Jabbar Aqidi erklärte, in der Umgebung von Aleppo seien bereits mehrere Dörfer unter FSA-Kontrolle. An der türkisch-syrischen Grenze hat die FSA nach heftigen Kämpfen am Sonntag einen dritten Grenzübergang erobert. Insgesamt gibt es sieben Übergänge entlang der 877 Kilometer langen Grenze zwischen den beiden Ländern.

Nach einem Abflauen der Kämpfe am Samstag haben die Truppen des Assad-Regimes am Sonntag ihre Gegenoffensive in Damaskus wieder verstärkt. Die führende Rolle dabei hat die 4. Brigade unter dem Kommando von Maher al-Assad, dem jüngeren Bruder der Präsidenten, inne. Das staatliche Fernsehen zeigte Bilder von "Säuberungsaktionen gegen Terroristen" in mehreren Stadtteilen. Damaskus erlebte am Sonntag das schlimmste Bombardement.

Erst in den kommenden Tagen wird sich zeigen, ob die Aufständischen ihre territorialen Gewinne auch halten können und ob es ihnen gelingt, zusammenhängende befreite Gebiete zu schaffen, in die sich Deserteure zurückziehen und von denen aus die militärischen Operationen lanciert werden können. In den vergangenen Wochen und Monaten war es den Regierungstruppen immer wieder gelungen, verlorenes Territorium zurückzuerobern. Ihre Kräfte sind trotz sinkender Moral den Rebellen an Zahl und Ausrüstung immer noch weit überlegen, und vor allem haben sie die Lufthoheit.

Täglich 100 Deserteure

Die Türkei meldete seit dem Bombenanschlag auf die syrischen Sicherheitsverantwortlichen am vergangenen Mittwoch die Ankunft von mehr als zwei Dutzend hohen syrischen Offizieren, unter ihnen drei Generäle. Etwa 100 Soldaten desertieren laut Schätzungen der FSA täglich. Den Rebellen gelingt es auch immer öfter, Regierungspositionen und Checkpoints kampflos zu übernehmen.

Die bewaffneten Auseinandersetzungen haben in den vergangenen Tagen einen hohen Blutzoll gefordert. Die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte zählt nun über 19.000 Tote in den 16 Monaten seit Ausbruch des Aufstandes, mehr als 13.000 von ihnen Zivilisten. Am Samstag starben wieder 164 Menschen.

Ganz überraschend tauchte am Freitag bei der offiziellen Trauerfeier für die vier getöteten Kabinettsmitglieder der amtierende Vizepräsident Farouk al-Sharaa auf. Von ihm hatte man seit Monaten nichts mehr gehört. In verschiedenen Szenarien für einen geordneten politischen Übergang soll er auf Regimeseite die führende Rolle spielen. Nun fragen sich Beobachter, ob sich das Assad-Regime im letzten Moment doch noch in Richtung einer politischen Lösung bewegt. (Astrid Frefel /DER STANDARD, 22.7.2012)

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