Aufmarsch der Stehsätze

Was eine informative, kritische Untersuchung der Wirtschaftsgeschichte hätte sein können, wird überfrachtet mit antineoliberalistischer Propaganda

Gewehrfeuer, Polizeisirenen - die Börsenglocke eröffnet schrill die Geschäfte: ein bedrohliches Szenario, abgerundet mit den Orgelklängen von Bachs Toccata. Noch vor dem ersten Satz weiß der Hörer: Die Lage ist dramatisch.

So beginnt Roman Herzogs Radiofeature Der ökonomische Putsch: Was hinter den Finanzkrisen steckt - zu hören in der Reihe Hörbilder vergangenen Samstag auf Ö1. Herzogs Botschaft wird schnell klar: Europa befindet sich im Krieg - und der Feind ist der Kapitalismus.

Features wie dieses bestätigen den Eindruck, dass eine nüchterne Auseinandersetzung mit der Krise kaum stattfindet. Kapitalismus gilt entweder als Allheilmittel und Rettung der Menschheit oder als Ende der Demokratie, Tod der freien Welt. Es geht nicht mehr um eine sachliche Diskussion, nur noch um Ideologien.

Und so wird auch bei Herzog die "Bestie" losgelassen. Volkswirtschaften werden zum "Experimentierfeld" der neoliberalen "Putschisten" - "ein Terror der Finanzwelt gegen die Weltbevölkerung" bedroht uns alle.

Unser System sei kriminell, das bestätigen Chefökonomen, Wirtschaftsprofessoren und andere eindrucksvolle Titel. "Er weiß, wovon er spricht", wird sogleich versichert, man wage also nicht zu zweifeln.

Schade. Was eine informative, kritische Untersuchung der Wirtschaftsgeschichte hätte sein können, wird überfrachtet mit antineoliberalistischer Propaganda. Und schießt damit am Ziel vorbei.

Die eigentliche Information muss sich der interessierte Hörer mühselig zwischen dramatisierenden Stehsatz-Kollagen herauspicken - und bleibt am Ende doch mit der Frage zurück, was denn nun hinter den Finanzkrisen steckt. (Barbara Wallner, DER STANDARD, 23.7.2012)

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