Kontra Selbstbehalt im Gesundheitssystem: Perverse Anreize

Kommentar22. Juli 2012, 17:45
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Die Generalannahme, dass Krankheiten selbst verschuldet sind, ist jenseitig

Selbstbehaltmodelle, wie sie die Sozialversicherung der Selbstständigen seit Jahr und Tag kennt, sind nicht mehr zeitgemäß. Früher konnte man davon ausgehen, dass ein Unternehmer, wenn er sich halbwegs geschickt anstellt, zu den Gutverdienern gehört. Somit tat auch eine 20-prozentige Kostenbeteiligung beim Arzt in den seltensten Fällen weh.

Heute stehen wir vor ganz anderen Herausforderungen. Die Zahl der Ein-Personen-Unternehmen ist explodiert. Viele kämpfen ums Überleben, vor allem weil sie eigentlich gar keine Selbstständigen sind. Liegt das Einkommen aber nur knapp über dem Existenzminimum, kann der Selbstbehalt schnell zur Insolvenz führen. Das System liefert also den perversen Anreiz, trotz Beschwerden nicht zum Arzt zu gehen, wodurch langfristig umso höhere Kosten für das Gesundheitssystem drohen.

Die seit einem halben Jahr gültige Regelung, wonach es für das Erreichen von Gesundheitszielen einen Rabatt gibt, ist unsolidarisch. Wenn beispielsweise ein Redakteur des Standard, Anfang 30, sportlich, Nichtraucher, beste Gesundheitswerte, zur Vorsorgeuntersuchung geht, kann er mit seinem Hausarzt nur ein Ziel ausmachen: "Mach alles so wie bisher." Dafür gäbe es eine Ermäßigung. Dahinter steckt die Vorstellung der selbstverschuldeten Krankheit. In vielen Fällen - etwa bei Rauchern - mag das zu treffen, als Generalannahme ist sie aber jenseitig. (Günther Oswald, DER STANDARD, 23.7.2012)

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