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Acht Schauspieler und Tänzer der Compagnie Troubleyn von Jan Fabre haben kunstvoll Joghurt gegessen, können es - nebst anderem - aber nicht so gut verdauen.
Wien - Ein Mann und eine Frau im Duell. Um die Wette ziehen sie sich aus und gleich wieder an: heraus aus Jackett, Hemd, Hose, und hinein in Hose, Hemd, Jackett. Gut hundert Minuten dauert dieses gnadenlose Duett in dem achtstündigen Frühwerk This is theatre like it was to be expected and foreseen des belgischen Künstlers und Choreografen Jan Fabre. Impulstanz zeigte jetzt die Premiere der Neuinszenierung des Stücks, fast genau dreißig Jahre nach seiner Uraufführung 1982 in Brüssel.
Und es wäre kein "Theater wie zu erwarten und vorherzusehen", wenn in diesem Titanenkampf der Geschlechter nicht der männliche Part scheinbar als Sieger hervorginge und die Frau als durch ihre Emotionalität blockiert dargestellt wäre. Doch der Schein trügt. Gegen Ende sagt er immer wieder: "Ready!" Sie keucht zur Antwort: "Made!" Schließlich sagt sie wie erleichtert: "Readymade." Und das gesamte Stück hindurch werden Ausschnitte eines Interviews mit dem Erfinder des Readymade, Marcel Duchamp, eingespielt.
Mit diesem Kunstgriff inszeniert Fabre seine genderstereotype Szene als ein Readymade - ein zum Kunstwerk erklärtes vorgefundenes Objekt -, das er in den Ablauf der Performance integriert. Die extreme Dehnung dieser Szene kritisiert vor allem eines: die Perpetuierung des gesellschaftlichen Klischees von der Frau als sich selbst behinderndes Gefühlswesen und vom Mann als rationalem Strategen.
Nicht weniger dezidiert war damals, vor drei Jahrzehnten, Fabres Kritik am Theater und seinen Gewohnheiten. Das wurde bereits in der Vorwoche bei Impulstanz im Burgtheater deutlich. The Power of Theatrical Madness (der Standard berichtete) zielte ebenfalls auf eine längst fällig gewesene Erneuerung auf jenen Brettern, die die Welt bedeuten sollen.
Was der Belgier hier mit den Mitteln von Performance- und Bewegungskunst für das Theater leistete, lieferte übrigens 15 Jahre später der französische Choreograf Jérôme Bel für den Tanz ab. Beide Persönlichkeiten haben bei aller Gegensätzlichkeit ihrer Arbeitsweisen maßgeblich zu den Voraussetzungen für eine Weiterentwicklung der darstellenden Kunst beigetragen.
Sternenförmiges Joghurt
In This is theatre like it was to be expected and foreseen müssen die acht Tänzer und Schauspieler auf die Knie. Gut eine halbe Stunde lang sind sie damit beschäftigt, Joghurt vom Boden zu lecken, das zuvor in Form eines großen Sterns auf den Boden geschüttet wurde. Die Überwindung, die sie das sichtlich kostet, ihre Konsequenz und ihr Durchhaltevermögen macht sie in den Augen des Publikums zu Heldinnen und Helden. Was für sich allein wie eine masochistische Übung wirken könnte, erhält im Gesamtzusammenhang des Stücks eine andere Funktion.
Denn die Performer bewohnen darin einen poetischen Raum, in dem sich die Verrücktheit unserer Gesellschaft konzentriert. Deren Gier, Eitelkeit, Selbsterniedrigung und Kunstverachtung geistern durch die Szenen. Und der Wiederholungszwang von sozialen Ritualen - auch jenen der Kunstsociety - findet sich in den repetitiven Passagen des Stücks auf niederschmetternde Art gespiegelt. In der Mitte eines weiteren, diesmal mit Sand auf dem Boden geformten Sterns versucht ein Mann zu fliegen: Traurig, wie er immer verzweifelter mit den Armen flattert, wie ihm kein anderes Mittel einfällt, um sein Ziel zu erreichen.
Vögel sind hier ein wiederkehrendes Motiv. Wie sie sich aufreihen, wie sie gefesselt sind und gefangen werden, wie sie zu Träumen werden oder zu Symbolen für gedankenloses Nachplappern. Exaltiert aufgesagte Textschablonen bringen wiederholt messerscharfe Kritik am alltäglichen Sprachgebrauch aufs Tapet - an jenem leeren Blabla, dessen Unverbindlichkeit vor Blößen schützen soll. Die Darsteller von This is theatre like it was to be expected and foreseen haben keine Angst davor, sich auszuziehen. Und durchgehend ist ihre Nacktheit ein Argument und nicht bloß Spekulation mit dem voyeuristischen Blick.
Mit einfachen Mitteln ist es dem damals erst 24-jährigen Jan Fabre gelungen, die Welt der Bühne Anfang der 1980er-Jahre so richtig aufzumischen. In einer Gegenwart, in der auf Künstler wieder massiver Konformitätsdruck ausgeübt wird, wirkt dieses Stück wie ein Befreiungsschlag. (Helmut Ploebst/DER STANDARD, 23. 7. 2012)
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als tanz würde ich diese stücke nicht bezeichnen. es sind performances mit mehr oder weniger tanzeinlagen.
weiterentwicklung des tanz? stillstand seit 30 jahren? wie der 100m rekord aus dem Jahr 1988 von Florence Griffith-Joyner. wobei ich gesellschaftliche entwicklung nicht mit gedopten athleten vergleichen kann oder doch?
das stück hat an seiner aktualität und genialität noch nichts eingebüßt. aber es war verdammt lang, gähn ;)
... zu beurteilen, was sich in der internationalen Tanzszene getan hätte ... in den vergangenen 30 Jahren!
Aber diese Performance, Aufführung, dieses Tanzstück oder wie oder was, gehört zum Genialsten das ich jemals gesehen hab, auf einer Bühne!
Die Choreographie stammt aus 1982? - Würde proplemlos aus dem Jahr 2022 stammen können.
Unvorstellbar die Kraft, die Schönheit, die Absurdität, die die TänzerInnen und SchauspielerInnen ausstrahlten und tanzten.
Nacktheit als Teil des Tanzes, nein eigentlich Tanz als Teil der Nacktheit und die Nacktheit als Teil des Menschseins ... perfekt!
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