Uni Tübingen vergibt Ehrendoktorat an Susan Sontag

27. Juni 2003, 19:44
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Die Kultautorin von "Against Interpretation" wird für ihre brillianten Leistungen gewürdigt

Tübingen - "In einer Kultur, deren bereits klassisches Dilemma die Hypertrophie des Intellekts auf Kosten der Energie und der sensuellen Begabung ist, ist Interpretation die Rache des Intellekts an der Kunst. Mehr noch. Sie ist die Rache des Intellekts an der Welt. Interpretieren heißt die Welt arm und leer machen." Solche Juwelen von Sätzen stammen von Susan Sontag, die also das Wahrnehmen vom Sagen zu trennen wusste und damit schwerfällige Auslegerei verbannte und der Kunstkritik das analytische Denken zumutete.

Die US-amerikanische Autorin ist auch die Friedenspreisträgerin dieses Jahres. Am Donnerstag Abend erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Universität Tübingen. Die Neuphilologische Fakultät würdige damit Leistungen und Verdienste "der brillanten und engagierten Kulturkritikerin, Essayistin und Autorin".

Anwältin aufklärerischer Tradition

In seinem vorab verbreiteten Redemanuskript nannte Jürgen Wertheimer Sontag eine "unbestechliche Anwältin einer aufklärerischen Tradition des Denkens und des künstlerischen Ausdrucks". Sie habe "international und nachhaltig" gewirkt.

Wertheimer unterstrich "die außerordentliche intellektuelle Meisterschaft" der 70-jährigen Schriftstellerin, die am 12. Oktober in Frankfurt am Main den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält. Meisterschaft habe Sontag "mit gleicher Komplexität und Leidenschaftlichkeit auf unterschiedlichsten Arbeitsfeldern" gezeigt. Die Autorin habe vielfältige Probleme so souverän erörtert, "dass die üblichen Zuordnungen aufgehoben erscheinen".

Reflektierende

Besonders würdigte Wertheimer das Engagement der Schriftstellerin für gesellschaftliche Fragen, Menschenrechte und politische Emanzipation. Dazu gehöre die Friedensaktivität im belagerten Sarajevo in den 90er Jahren. Sontags Parteinahme sei nicht einfach moralisierend, sondern "das Resultat eines scharfen intellektuellen und emotionalen Reflexionsprozesses, der sich dem jeweiligen Gegenstand ebenso analytisch wie persönlich nähert".

Die Autorin hält in dieser Woche Vorlesungen in der traditionellen Tübinger Poetik-Dozentur-Serie. An diesem Freitag trägt sie sich in das Goldene Buch der Stadt Tübingen ein. (bö/APA/dpa)

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    Susan Sontag

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