Reine Nervensache

26. Juni 2003, 18:01
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Die ÖVP bemüht sich mit brüchiger werdender Disziplin, über das Chaos in der FP hinwegzusehen - von Martina Salomon

Es grenzt an ein Wunder, dass bürgerliche Funktionäre nicht längst offen gegen die Koalition motzen. Schließlich hätten sie allen Grund dazu. Jörg Haiders Inszenierungen beschädigen auch die ÖVP. Jeder FPÖ-Bundesparteivorstand (wie der am kommenden Samstag) ist eine Zitterpartie. Die Möglichkeit eines Koalitionscrashs steht ständig im Raum. Das zerrt an den Nerven der Schwarzen. Ihre naive Hoffnung, Haider und sein wilder Fanclub würden nach dem schlechten Wahlergebnis noble Zurückhaltung üben, hat sich als falsch erwiesen. Die langsam näher rückenden Kärntner Landtagswahlen (offizieller Termin: März 2004) machen Haider noch unberechenbarer.

Die ÖVP bemüht sich mit brüchiger werdender Disziplin, über das Chaos hinwegzusehen. Einziger Trost scheint die mangelnde Alternative zu sein. Denn die Sympathien für Schwarz- Rot halten sich auf ÖVP-Regierungsebene nach wie vor in Grenzen. Und wahrscheinlich wäre ja auch das schwarz-grüne Projekt binnen kurzem in Rauch und Trümmern gelegen. Aber ein derartiges Scheitern hätte für Schüssel "ehrenhafter" gewirkt als der Untergang des schwankenden schwarz-blauen Schiffes. Bricht die Koalition, womit ernüchterte schwarze Regierungsmitglieder im Grunde täglich rechnen, dann sind wohl auch Wolfgang Schüssels Tage in der Spitzenpolitik gezählt.

Glück für den Kanzler, dass sein schärfster innerparteilicher Konkurrent mit anderem beschäftigt ist: Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll hat offenbar Ambitionen auf das Präsidentenamt, im Frühjahr 2004 wird gewählt. Prölls Liebe zur großen Koalition ist amtsbekannt, womit im Falle seiner Wahl zumindest in der Hofburg für Kontinuität gesorgt wäre. Schüssel würde es mit ihm kaum leichter als mit Klestil haben. Falls es die jetzige Koalition dann überhaupt noch gibt. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.6.2003)

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