EZB steht unter Zugzwang

26. Juni 2003, 17:45
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Nach dem US-Zinsschritt werde der Eurokurs zur nächsten Zinssenkung in Europa führen, glaubt Raiffeisen-Chefökonom Peter Brezinschek

Wien - Die US-Notenbank Fed hat zwar am Mittwochabend keinen radikalen Zinsschritt getan und die Leitzinsen um lediglich 0,25 Prozentpunkte reduziert. Aber: US-Notenbankchef Alan Greenspan hat keinen Zweifel daran gelassen, dass er bereit ist, weiter zu senken, sollten die Wirtschaftsdaten nicht besser werden. Zinserhöhungen stünden auf absehbare Sicht nicht an.

Damit soll vor allem das Gespenst der Deflation - sinkende Preise bei sinkender Nachfrage - fern gehalten werden. Denn über längere Zeit sinkende Preise könnten Unternehmer zu niedrigeren Lohnzahlungen zwingen. Das könnte in den USA, dem Land der Hausbesitzer, die Hypotheken-Abzahlungen ersticken und damit den privaten Konsum völlig zum Erliegen bringen.

Eingriff in Geldmengenversorgung

Da die Medizin niedriger Zinsen zwecks Ankurbelung der Investitionen und des Konsums in den vergangenen Monaten nicht gewirkt hat und Unternehmen zwar optimistischer sind, aber keine neuen Jobs schaffen, signalisiert die Fed weiters, dass sie auch via Geldmengenversorgung eingreifen könnte. Das bedeutet: möglichst viel Liquidität in die Wirtschaft pumpen, indem Anleihen, vielleicht Aktien und private Schuldverschreibungen gekauft werden. Das wäre ein weiterer Puffer gegen Deflation, weil Geldmengenwachstum zu höheren Preisen führt.

Dazu bemühen sich die US- Geldpolitiker ja seit Monaten (erfolgreich), via Abschwächung des Dollar die US-Wirtschaft zu stützen. Genau da setzt auch Peter Brezinschek, Chefökonom der Raiffeisen Zentralbank (RZB), mit seiner Prognose an: Die Europäische Zentralbank (EZB) werde im Herbst die Leitzinsen auf "unter zwei Prozent, vielleicht auf 1,5" senken.

Regimewechsel der EZB

Es werde zu einem Regimewechsel der EZB hin zu einer expansiven Geldpolitik kommen müssen, glaubt er. "Allerdings unter einem anderen Stern", da Deflationsgefahren in Europa nicht ausgemacht werden könnten. Grund: Große Budgetlöcher müssen mit Steuererhöhungen gestopft werden, die ihrerseits wiederum inflationstreibend wirken.

Es werde der schmerzhaft hohe Eurokurs sein, der zum Handeln zwingen werde. Diesen erwartet die RZB bei rund 1,25 Dollar bis zum Herbst. Brezinschek: "Das ist über der Schmerzschwelle." Die EZB werde also den Zinsabstand zu den USA (EU-Leitzins: zwei Prozent, USA: ein Prozent) verringern. Dazu sei das Kreditwachstum in Europa wesentlich geringer als das Geldmengenwachstum, was bedeutet, dass die zur Verfügung gestellten Gelder geparkt werden und nicht in den Wirtschaftskreislauf kommen. Zinssenkungen könnten diese Parkplätze öffnen und so Investition und Konsum fördern. In den kommenden Sommerwochen seien von den Europäischen Notenbankern allerdings noch "kalmierende" Aussagen zu erwarten. (Karin Bauer, DER STANDARD Printausgabe, 27.6.2003)

  • Peter Brezinschek

    Peter Brezinschek

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