Blairs Spindoctor im Clinch mit der BBC

26. Juni 2003, 17:05
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Vorwurf der überzogenen Kriegspropanganda - BBC lehnt geforderte Entschuldigung ab

Alastair Campbell, der mächtige Informationschef des britischen Premiers Tony Blair, muss sich gegen den Vorwurf überzogener Kriegspropaganda wehren. Jetzt bläst er zur Gegenattacke auf die BBC, die lehnt die geforderte Entschuldigung ab.

Der Streit um zweifelhafte Dossiers über Saddam Husseins Waffen spitzt sich zu einem Clinch zwischen der Labour-Regierung und der BBC zu. In der einen Ecke tänzelt Alastair Campbell, der mächtige Pressechef von Premier Tony Blair. In der anderen sitzt Andrew Gilligan, Militärexperte der Fernsehstation.

Dass viele in Blairs Runde die Irak-Berichte des Staatssenders nicht mögen, ist kein Geheimnis. "Baghdad Broadcasting Corporation", tönte es im März und April beleidigt aus der Kabinettsecke. Zwar bescheinigten Medienexperten der BBC eine ausgewogene Kriegsberichterstattung, doch dem Feldherrn Blair und seinen Mannen war vieles nicht patriotisch genug. Die BBC lasse sich vor den Karren Saddam Husseins spannen, hieß es sogar.

So absurd der Vorwurf schon im Frühjahr klang, erst jetzt schaukelt sich der Streit richtig hoch. Zankapfel ist ein Irak-Papier vom September mit dem Satz, Saddam könne binnen 45 Minuten Raketen mit Bio- und Chemiewaffen abfeuern.

Leichtfertig, mit dieser Information, die aus einer einzigen Quelle stamme, hausieren zu gehen, kritisierte ein anonymer Schreiber. So hätten die Geheimdienstler denn auch gezögert, die Passage in das Pamphlet zu schreiben. Aber einer in Blairs Küchenkabinett habe darauf bestanden: Alastair Campbell, der das Waffendossier aufbauschte. Selber traute sich der geheimnisvolle Mister X nicht an die Öffentlichkeit, doch er weihte den BBC-Korrespondenten Andrew Gilligan ein – und der ging auf Sender.

Nun verlangt ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss Klarheit: Hat Blair mit übertriebenen Bedrohungsszenarien für den Krieg argumentiert, hat die Regierung gar gelogen? Am Mittwochabend musste Campbell zum ersten Mal – und nach der dritten Aufforderung – vor dem Ausschuss erscheinen.

Campbell ist ein politisches Schwergewicht, der Schotte gehört zu den Taufpaten von New Labour, jener britischen Variante weich gespülter Sozialdemokratie, mit der Blair die Wähler der Mitte auf seine Seite zog. Seit zwei Jahren gibt Campbell als Kommunikationsdirektor die große Linie vor. Er ist ein Strippenzieher, der an Einfluss nahezu jeden Minister übertrifft. Bei Beratungen im kleinster Runde sitzt der 46-Jährige stets mit am Tisch. Und immer offensichtlicher regiert der Premier mit seinen engsten Vertrauten am eigenen Kabinett vorbei.

War es die Machtfülle, die Campbell vorm Parlamentsausschuss auf den Tisch hauen ließ? Oder sieht er sich wirklich im Recht? Jedenfalls hämmerte er wütend mit den Fingern aufs Holz, als er zur Gegenattacke auf die BBC blies. Blairs Medienguru verlangte, dass ihn der Sender um Verzeihung bittet. Die Antwort kam noch am selben Tag: "Es gibt nichts, wofür sich die BBC zu entschuldigen hat." (DER STANDARD, Printausgabe, 27.6.2003)

Frank Herrmann aus London
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