Mordbuben und Sonnenkinder

20. Juni 2003, 09:30
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Die Alternative-Country- Rock-Bands Jayhawks und Willard Grant Conspiracy mit neuen Alben

Nick Cave in Cowboystiefeln und der Highway ins Burgenland im Sonnenuntergang: Die neuen Alben der Alternative- Country-Rock- Bands Jayhawks und Willard Grant Conspiracy

Sagen wir so: Wenn Nick Cave seine mittlerweile schon schwer standardisiert daherkommenden Balladen musikalisch anders anlegen würde als mit der in ihren stilistischen Mitteln doch etwas eingeschränkt wirkenden Band The Bad Seeds, könnte er, vorausgesetzt er würde zum Beispiel ein Country-Album einspielen wollen, glatt so klingen wie die Willard Grant Conspiracy.

Diese 1995 in Boston ins Leben gerufene Ostküstenverschwörung durchwandert inhaltlich nicht nur ähnliche Täler wie der australische Düsterbarde, auf Regard The End, dem neunten Album um den singenden Chefkoch Robert Fisher, klingt dieser auch schwer nach Cave in Cowboystiefeln. Der Mann mit der üppigen Gesichtsmatratze und den auch sonst eher stattlichen Dimensionen wirkt zwar wie ein gewaltbereiter Lastwagenfahrer, der mit dem Vorschlaghammer unterm Kopfpolster die Nacht in der Schlafkoje seines 18-Wheelers verbringt und lieber zuerst einmal zuschlägt, bevor er sich nach der eventuellen Absicht ihm zu nahe Gekommener erkundigt. Doch wenn er in einem von zittriger Slide-Gitarre begleiteten Song wie Another Man Is Gone über einen verschwundenen Mordbuben singt, wird natürlich klar, dass der Künstler nur der Chronist und nicht der Hauptdarsteller ist.

Johnny Cashs narrative Verwurzelung in dem, was verklärt Americana genannt wird, durchzieht Fishers Songwriting deutlich. Auch instrumentiert er ähnlich demütig wie der große Mann in Schwarz zuletzt. Zwar weiß der Bartträger mit Noise-Rock-Vergangenheit um die Kraft der Zurückhaltung, um deren Dichte Willen hat er für Regard The End nicht gerade wenige Freunde eingeladen, deren Hände natürlich beschäftigt werden mussten: "Thanks to all the people who play in Willard Grant Conspiracy on record and live - if someone says they play with us, they probably do!", steht dazu im Booklet vermerkt. Deshalb tauchen in den meist im unteren Midtempo angesiedelten und mehrheitlich akustisch angelegten Songs Streicher ebenso auf wie Hörner, und Bekanntheiten aus der Nachbarschaft - wie Kristin Hersh - schauen auf Gesangsbeiträge vorbei, die Fishers Kellerorgan etwas Gegengewicht verleihen.

Fisher deutet Traditionals wie Day Is Past And Gone oder River In The Pines neu. Dabei klingt er zwar wie der erwähnte Cave, doch im Gegensatz zu dessen obsessivem Gestus gibt sich die Willard Grant Conspiracy stoisch. Die in dieser scheinbaren Distanz vorgenommenen kleinen Stimmungswechsel erzeugen letztlich große Wirkung. Mit würdigen und entsprechend schweren Zeichen beendet die Willard Grant Conspiracy nach elf Songs ihr Album: "Sufferings gonna come to everyone someday", prognostiziert Fisher düster.

Dass es auch ohne Leid geht, beweisen andere Vertreter des Alternative Country. Die Jayhawks haben sich vom Abgang ihres wesentlichen Ideengebers Mark Olson erholt und eben das Album Rainy Day Music veröffentlicht. Der Titel führt geradewegs in die Irre. Zwar erscheinen - wie es sich genremäßig gebührt - viele Jayhawks-Songs melancholisch durchwirkt. Im Gegensatz zur Düsternis der Willard Grant Conspiracy dominiert hier jene Westcoast-Luftigkeit, die die Band aus Minneapolis immer schon charakterisiert hat. Die helle Stimme von Gary Louris steht in der Tradition großer Vorbilder wie den Byrds - insbesondere Gene Clark.

Damit schaffen die Jayhawks, die 1991 auf Rick Rubins Label American Recordings mit Hollywood Town Hall debütierten, einen grandiosen Soundtrack für die Fahrt auf einem Highway Richtung Horizont. Ob dieser von burgenländischen Weinbergen markiert wird oder von den Weiten Arizonas, ist egal. Einziger Wermutstropfen: Die wirklichen Hits der Band, deren bislang unübertroffenes Meisterwerk Tomorrow The Green Grass aus 1995 datiert, hat der abgesprungene Olson geschrieben.

So offenbart sich Rainy Day Music zwar als angenehm homogenes Werk, Höhepunkte, die sich wochenlang zwischen Hammer, Amboss und Steigbügel einnisten wie I'd Run Away oder Two Hearts vom 95er-Album, sucht man hier allerdings - leider - vergeblich. (flu/RONDO, DER STANDARD, Printausgabe, 20.6.2003)

Von Karl Fluch

  • Willard Grant Conspiracy: Regard The End (Hoanzl)
  • Jayhawks: Rainy Day Music (Universal)
    • Alternative Country: Robert
Fisher und ...
      foto: hoanzl

      Alternative Country: Robert Fisher und ...

    • ...die Jayhawks.
      fotos: universal

      ...die Jayhawks.

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