Knödel am Fjord

17. August 2006, 17:42
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Norwegen, lukullisch betrachtet. Eine Reiseempfehlung ins Land der Strafraumungeheuer von Franzobel

Meine Knödel-Theorie, dass nämlich Tschechien darum so viele exzellente Tennisspieler hervorgebracht hat, weil es das Ursprungsland der tennisballgroßen Knödel ist, hat sich mit den diesjährigen Roland-Garros-Finali leider nicht verifiziert. Dafür, wohl um den belgischen Triumph zu komplettieren, war jüngst eine Mitteilung der Universität Lausanne zu lesen, laut der Chips und Pommes frites nun doch nicht Krebs erregend seien.

Knödel aber, jene runden, bisweilen gefüllten Teigbälle, die es, obwohl das Land am Knödeläquator liegt, quasi umzingelt ist von Lyoner Hechtknödeln und diversen bajuwarischen Knödelspezialitäten, in der Schweiz nicht gibt, Knödel also enthalten sicher kein eventuell Krebs förderndes Acrylamid, weder der Innviertler Hascheeknödel noch der Tiroler Schlutzkrapfen, und böhmische Mohnknödel wie pannonische Marillenknödel schon gar nicht. Knödel sind ungefährlich, sogar Italien hat welche, und das Wappen der Medici lässt sich überhaupt als Huldigung auf die Knödelologie lesen - serviert es doch gleich drei davon auf dem Tablett.

Nun muss aber das geokulinarische Knödelloch, das die Schweiz, die dem Knödel nur in seiner monetären Form geneigt ist, quasi reißt, irgendwo ausgeglichen werden. Und tatsächlich, nein, nicht im tennisschwangeren Benelux, sondern in Norwegen habe ich sie gefunden, Knödel, norwegische Knödel! Jawohl. Zwar bedeuten diese westskandinavischen Mehlklumpen für einen von der knödelle cuisine verwöhnten Gaumen eher eine zweifelhafte, klebrige Freude, allerdings ist Norwegen wohl insgesamt kein Land der Kulinaria. Zumindest interessant ist der karamellisierte Käse, "Brunost" (brauner Käse) oder "Geitost" (Ziegenkäse) genannt, der nach süßer, ranzig gewordener Milch schmeckt.

Spannend auch die Laibchen aus gepresstem Fischmehl, die Kaviarpaste und (da kann man nicht viel falsch machen) die Meeresfrüchte - alles andere ist ohnehin unerschwinglich bzw. sauteuer, was, weil man sich plötzlich nichts mehr leisten kann, ein neues, nicht uninteressantes Lebensgefühl erzeugt.

Norwegen, das einstige Armenhaus Europas, seit den Erdölfunden ein Scheichtum des Nordens, ist das drittteuerste Land der Welt, vor allem wegen seiner ungeheuren Landschaft attraktiv. Besonders die Ränder, die unzähligen, mehr an geronnenes Eiklar denn an Knödel erinnernden Fjorde sind fantastisch, mythisch, die metallenen Himmel, der Silberglanz am Meer, das Feenlicht am changierenden Firmament. Man verinnerlicht. Nicht von ungefähr haben viele norwegische Maler (Munch ist nur der bekannteste, Christian Krohg vielleicht der empfehlenswerteste) das Nichts im Zentrum ihrer Bilder, seltsame, die Ränder betonende Kompositionen.

Und überall leuchten ochsenblutrote Häuser aus dem Nebel, riecht es nach Ibsen oder Hamsun, hört man Grieg. Alkohol ist derart teuer, dass Schmuggeln selbstverständlich ist, Norwegen, ein Volk ehemaliger Walfänger und Robbenschlächter - wahrscheinlich daher auch das Ochsenblutrot - hat sich gewandelt zu einem Eldorado der Sportverrückten. Wintersport, Trekking, Fußball. Der Langlauf wird so exzessiv betrieben, dass schon öfter mitgenommene Babys am Rücken erfroren sind.

Rosenborg Trondheim ist ein Champions-League-Gigant - und dabei ist der wunderschöne Ort mehr Nest denn Stadt. Aber warum produziert der hohe Norden serienweise Weltklassestürmer? Weil er finale Entscheidungen provoziert, Selbstmörder anzieht? Liegt es an den Trollen, diesen hässlichen Steinwesen, am norwegischen Hang zum Eigenbrötlerischen oder daran, dass die Norweger (frei nach Röggla) die 50-mal besseren Deutschen sind? Sigurd Rushfeldt von Austria Wien, Jan Sörensen oder Jan-Aane Fjörtoff sind noch die Unbekannteren, aber wer kennt nicht die Strafraumungeheuer John Carew (Valencia) und Ole Gunnar Solskjaer (Manchester). Und wer weiß, vielleicht sind ja sogar Jari Litmanen und Henrik Larsson heimliche Norweger?

Ob sich diese Vollstreckerqualität aus dem Kompensieren des Schweizer Knödellochs ergibt? Oder daher, weil im Sommer die Sonne nicht mehr untergeht, wie ein heller Knödel Tag und Nacht am Himmel steht, es nicht und nicht mehr finster wird, was alle Menschen etwas überdreht? Am besten jedenfalls ist diese Sonnenknödelzeit mit einer Fjordschifffahrt zu genießen, Hurtigruten-Reisen nennt sich das, Bergen-Trömsö etwa. Der einzige Nachteil dabei ist, man teilt die Wunder der Natur mit einer Hundertschaft anderer Touristen. Aber die hat man wohl überall. (Der Standard/rondo/28/06/2003)

Franzobel, geboren 1967, lebt als freier Schriftsteller in Wien und Buenos Aires. Zuletzt erschien "Lusthaus oder die Schule der Gemeinheit",Zsolnay, Februar 2002.
  • Fjord in Norwegen

    Fjord in Norwegen

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