Enrico Macias - die Stimme Algeriens

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Der Abkömmling spanischer Juden und Sänger des französischen Algerien könnte in den nächsten Monaten erstmals - 50 Jahren nach der Unabhängigkeit - wieder in seiner Heimat reisen

Alle in Algerien kennen seine Lieder. Wenn die Stimme des 1938 im ostalgerischen Constantine geborene Enrico Macias erklingt, wird es den Algierfranzosen, die das Land nach der Unabhängigkeit verlassen haben, ebenso warm ums Herz wie den Algeriern selbst. Keiner besingt das Land, die Sonne und die Schönheit und Anmut seiner Frauen so wie er. Mit Melancholie träumt sich Macias zurück in das Land seiner Jugend, das auch er 1961 verließ. Es sind Lieder wie "Adieu mon pays" und "Les filles de mon pays", die auf beiden Seiten des Mittelmeers begeistern.

Während er in Frankreich große Säle füllt, war er im unabhängigen Algerien nie zu sehen. Macias ist den Machthabern gleich doppelt verdächtig: als Pied-noir - wie die ehemalige europäische Bevölkerung Algeriens genannt wird - und als Jude. Denn Macias stammt eigentlich aus einer sefardischen Familie. Es sind die Nachfahren der im 1492 aus Spanien vertrieben jüdischen Bevölkerung. Sie ließen sich überall im Mittelmeerraum nieder, von Marokko bis in die Türkei.

Diese Wurzeln alleine wären vielleicht kein unüberwindbares Problem. Aber Macias ist mehrmals in Israel aufgetreten und verteidigt das Land, in dem viele mit einem Hintergrund wie er eine neue Heimat gefunden haben.

2007 schien es so, als könne Macias seine algerische Heimat bereisen. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy hatte ihn in seine Delegation aufgenommen. In Algerien spekulierten die Menschen schon über ein Konzert, während die der ehemaligen Einheitspartei FLN nahestehende Presse den zionistischen Pied-noir verteufelte. Schließlich drohte der damalige algerische Premierminister und FLN-Chef Abdelaziz Belkhadem damit, den gesamten französischen Präsidentenbesuch platzen zu lassen. Sarkozy gab nach und strich Macias von der Liste seiner Begleiter.

In den vergangenen Wochen macht erneut das Gerücht über einen Algerienbesuch von Enrico Macias die Runde, nachdem Kommunikationsminister Naser Mehal in einem Radiointerview beteuert hatte: "Niemand verwehrt Macias die Einreise in das Land, in dem er geboren und aufgewachsen ist." "Enrico Macias bienvenue au bled!!!" (Enrico Macias, willkommen zu Hause), titelte die Internetnachrichtenseite algerie360.com erfreut, in dieser den Algeriern so eigenen Mischung aus Kolonialsprache und dialektalem Arabisch. (Reiner Wandler, derStandard.at, 31.7.2012)

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