Frei erfundener "Flüchtlingsstrom"

Blog | Irene Brickner
21. Juli 2012, 18:10
  •  In der Kronen Zeitung kommen Flüchtlingsthemen anders als in einem Bedrohungsszenario nicht vor.
    foto: hans punz/dapd

    In der Kronen Zeitung kommen Flüchtlingsthemen anders als in einem Bedrohungsszenario nicht vor.

Die "Kronen Zeitung" exerzierte vor wenigen Tagen von Neuem vor, wie man ohne Faktenbezug Anti-Asylwerber-Stimmung schürt

In Österreich ist das Thema Flüchtlinge und "Asylanten" ein Aufreger. Besser gesagt, es wird zum Aufreger gemacht. Wie das von statten geht, zeigte dieser Tage wieder einmal das meistgekaufte - und daher einflussreiche - Medium des Landes vor, die Kronen Zeitung. Am Freitag prangte auf deren Seite eins ein Titel, der geeignet war, sämtliche Anti-Asylwerber-Instinkte der LeserInnen zu mobilisieren, von der Drohung mit Horden fremder Schutzsuchender zur Angst, von diesen hochwassergleich überflutet zu werden.

Nur, dass der Aufmacher überhaupt nichts mit der im Blatt befindlichen Geschichte zu tun hatte, auf den er sich bezog. 

"Innenministerin schlägt Alarm: Jetzt droht neuer Flüchtlingsstrom" lautete der Titel. Der dazugehörige Artikel auf Seite vier schien in Überschrift und Vorspann noch zu halten, was angekündigt wurde: Dass aufgrund des um sich greifenden Bürgerkriegs in Syrien derzeit Abertausende den bewaffneten Auseinandersetzungen in Nachbarstaaten zu entkommen versuchen und dass Innenministerin Johanna Mikl-Leitner es für möglich halte, dass manche dieser Vertriebenen es bis nach Europa - und hier bis nach Österreich - schaffen.

Am Thema vorbei getitelt

Doch dann kam - im Lauftext - die Ministerin auf das zu sprechen, was sie Krone-Redakteur Peter Gnam "im Interview" wirklich zu sagen hatte. Nämlich Kritisches zu einem österreichinternen Problem: Im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen herrscht seit Monaten Überbelag - im Vergleich mit der dort vereinbarten Höchstzahl von 480 untergebrachten Asylwerbern. 

Stattdessen, so Mikl-Leitner, lebten im Traiskirchner Lager derzeit 800 bis 1000 Menschen. Und zwar nicht, weil akut besonders starker Flüchtlingsandrang existiere. Sondern weil die Bundesländer, die sich im Rahmen der Bund-Länder-Grundversorgungsvereinbarung im Jahr 2004 vertraglich verpflichtet haben, Quartiere für AsylwerberInnen zur Verfügung zu stellen, schwer säumig sind. Alle, außer Wien und Niederösterreich. In den Tagen darauf zeigten sich sieben Länderverantwortliche schuldbewusst. Sie versprachen Abhilfe - wieder einmal. 

Warum nun, kann man sich fragen, entschlossen sich die Kronen-Zeitung-Macher angesichts einer solchen ärgerlichen, aber wenig saftigen Thematik zum Anti-Flüchtlings-Angstmachertitel? Vielleicht aus Verkaufsgründen - und, weil man es jetzt schon seit Jahrzehnten so tut: In der Kronen Zeitung kommen Flüchtlingsthemen anders als in einem Bedrohungsszenario nicht vor.

Image im Keller

Doch damit tut dieses Medium nichts anderes als die meisten österreichischen PolitikerInnen, wenn sie sich zu Asylthemen äußern. Von "Ankerkindern" (unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, denen pauschal unterstellt wird, vorausgeschickt worden zu sein, um die Familie nachzuholen) über "Taschengeldmissbrauch" (Asylwerber, die ihre 40 Euro Taschengeld pro Person und Monat nach Hause überweisen statt sie auszugeben, womit offenbar transportiert werden soll, dass sie über andere Geldquellen verfügen müssen) zu einem ganz allgemein diagnostizierten "Asylmissbrauch" wird von InnenministerInnen und anderen VerantwortungsträgerInnen seit Jahren nichts ausgelassen, um das Image von Flüchtlingen im Keller zu halten.

Und wenn eine Innenministerin einmal auf ein Unterbringungsproblem hinweist, so schreibt die meistverkaufte Zeitung des Landes von Flüchtlings-"Fluten". Das ist schlicht Realitätsverweigerung.
Kein Wunder, dass es in Deutschland und nicht in Österreich war, wo das Verfassungsgericht vor wenigen Tagen feststellte, dass auch Asylbewerber das Recht auf "ein Mindestmaß an Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben" haben - und daher monatlich statt bisher knapp 40 nun 130 Euro Taschengeld bekommen müssen. Und, dass die Versorgungssätze überhaupt erhöht werden müssen, auf ein menschenwürdiges Existenzminimum.

Triste Wahrheiten

Dieses nämlich wird ihnen auch in Österreich keineswegs gewährt. 17 Euro Tagsatz pro Person für den/die UnterbringerIn, mit denen diese/r Miet-, Energie- und Essenskosten decken muss - die jetzt auf 19 Euro aufgestockt werden sollen - reichen nicht. Die Gasthofzimmer und Heime, in denen Asylwerber in Österreich leben müssen, sind vielerorts desolat und zu dicht belegt, die Verpflegung oft mangelhaft, vor allem für Kinder, die noch wachsen und für schwangere Frauen. 

Und die gewährten 40 Euro Taschengeld pro Monat sind nicht einmal genug, um sich - sagen wir - in Wien, wo die meisten AsylswerberInnen leben, eine Monatskarte für die Öffis zu kaufen. Daher werden AsylwerberInnen in der Bundeshauptstadt besonders häufig beim Schwarzfahren erwischt. Doch wer weiß, vielleicht schaffen es findige Aufmacherschreiber sogar, von diesem produzierten Problem ausgehend Schutzsuchenden gezielten Gesetzesbruch vorzuwerfen und ein weiteres Flüchtlings-Bedrohungsszenario zu konstruieren. (Irene Brickner, derStandard.at, 21.7.2012)

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Werden besonders häufig beim schwarzfahren erwischt---
Und veranstalten dann ein Theater und Geschrei und unter wilden Flüchen und Beleidigungen wird zur Flucht vor den Kontrolloren angesetzt. Einfach schrecklich dieses Benehmen. Aber Manieren und Anstand darf man ungschaut aus seinem Heimatland importieren - am besten dann wenn dort sowieso keine notwendig sind.

der standard schürt anti-sozialleistungsbezieher-stimmung

ohne faktenbezug

wer krone kauft/liest ist wirklich selber schuld.

Welche Zeitung bitte ...

... berichtet denn wirklich noch SACHLICH?
Ernsthafte Antworten erwünscht ;)

(wobei die Krone für mich ja ohnehin das Schlusslicht jeglichen Journalismus darstellt.)

FAZ und SZ sind größtenteils sachlich, wenn auch aus unterschiedlichen ideologischen Perspektiven.

"Die Zeit" versucht es redlich und schafft es auch meist.

Ich finde die NZZ ganz ok. Und das ohne der (schweizerischen) FDP irgendwie nahe zu stehen.

najo, die krone manipuliert in die eine richtung, der standard in die andere.

haltens uns wirklich für so deppert, dass wir das net überzuckern, frau brickner?

nu, einzig, bei der frau brickner ist es als blog gekennzeichnet. und im gegensatz zur krone schießt sie jedenfalls keine falschmeldungen. sondern, eben dem genre entsprechend, subjektive blogartikel.

kein kleiner unterschied, würde ich meinen.

Richtig. Im Standard sind redaktioneller Teil und Meinungsteil klar gekennzeichnet.

In der Krone auch. Nur beginnen redaktionelle Artikel dann zB mit "Neuer Beweis, wie die grünen [sic] dafür sind, dass die Bürger kuschen:".

"Europa bereitet sich auf Flüchtlingsstrom aus Syrien vor"

.

Welche Tageszeitung Titelt einen Bericht zu Syrien am 23.07.2012 so:

1) Österreich
2) Vorarlberger Nachrichten
3) Die Presse
4) der Standard

Richtig! Eben diese Zeitung in der man sich über einen fast identischen Titel in der Kronen Zeitung wortreich aufregt!

Was soll man dazu eigentlich noch sagen?

Will man hier auch "sämtliche Anti-Asylwerber-Instinkte der LeserInnen zu mobilisieren"?

http://derstandard.at/134294736... Syrien-vor

Aber da ist es ja ganz was anderes!

Oder?

Ich habe Ihre offenbar ironische Anmerkung, die man berechtigter Weise auch ernsthaft stellen kann, ernsthaft beantwortet (wird vielleicht eh nicht veröffentlicht).
Wollte nur sagen, dass ich Sie (jetzt) eh richtig verstanden H´habe:-)

"Der dazugehörige Artikel auf Seite vier schien in Überschrift und Vorspann noch zu halten, was angekündigt wurde:

Dass aufgrund des um sich greifenden Bürgerkriegs in Syrien derzeit Abertausende den bewaffneten Auseinandersetzungen in Nachbarstaaten zu entkommen versuchen und dass Innenministerin Johanna Mikl-Leitner es für möglich halte, dass manche dieser Vertriebenen es bis nach Europa - und hier bis nach Österreich - schaffen"

Ich will die Krone nicht übertrieben verteidigen, wirklich nicht, aber es ging offenbar dort auch um dieses Thema und gänzlich ohne Zusammenhang war der Titel offenbar nicht. Laut Frau B. gab es nur wichtigeres und "frei erfunden", wie behauptet ist da gar nichts, wenn sogar hier eingestanden wird, dass die Flüchtlinge aus Syrien Thema des Interviews waren!

Dass der Krone die Wahrheit recht egal ist, ist nichts Neues.
Bemerkenswert ist hingegen, dass sich ausgerechnet Frau B. darüber aufregt.

Sowie die Brickner schreibt, kann sie nur ein D'agent provocateur der Krone sein! :-))

scheint fast so.

aber was soll das D' ?

und sie merkts nicht einmal.

Ich hatte dieses Semester die "Ehre" innerhalb meines Studiums bei einer Redaktionssitzung der Krone teilzunehmen. Der Chefredakteur, Christoph Biro (Steiermark) hat uns ganz offen gesagt, dass er durchaus für bestimmtes Geld auch das druckt, was derjenige will. Er hat es uns anvertraut und uns um die Vertraulichkeit gebeten, es nicht weiter zu sagen!
Hallo? Es ist kein Geheimnis, dass die Krone die korrupteste und niveauloseste Zeitung ist die es gibt. Ich würde mich schämen, dieses Papier in den Händen zu halten.

erstaunlich, dass ein chefredakteur ein paar studenten ein so großes betriebsgeheimnis anvertraut.

Ist nur die Frage, was un-journalistischer ist.

Gegen Geld wissentlich Falsches drucken, wissentlich Falsches drucken, nur weil es so toll ins Weltbild der Stammleser passt, was die Auflage sichert, oder wissentlich Falsches drucken, weil es NLP-mäßig falsche Bilder in den Köpfen festigt, mit denen man dann seine eigene Ideologie weiterbringt.

Jedenfalls braucht sich Frau B. da nicht über die Krone aufregen.

Abseits der Grauslichkeit, für Bares zu drucken, ein wesentlicher Grund, Praktikanten nicht an Redaktionssitzungen teilnehmen zu lassen.

btw, was haben Sie gemacht, als Sie das gehört haben?
Zumindest lautstark protestiert und wütend hinausgegangen?

Na, immerhin sind Sie so mutig, uns allen Kenntnis zu geben von den Interna einer Redaktionssitzung - anonym wohlgemerkt.

aha. vertrauliches ausplaudern...

da schreibens her:

Name:_____________________
Adresse:____________________

interessant auch

Fr. Brickner titelt "Frei erfundener Flüchtlingsstrom"

jetzt habe ich auf ihren Beweis, den Krone-Artikel, geklickt und da steht:
http://www.krone.at/Oesterrei... ory-328352
Mikl-Leitner bittet die Länder und Darabos um Hilfe.

Soviel zur Wahrheit.

LOL

Brickners Aussage: Die Krone titelt anders, als es im Blattinneren steht.

Hier haben Sie die entsprechende Krone-Headline:
http://www.atmedia.at/red/datei... 11_400.jpg

Und den zugehörigen Artikel haben Sie eh gepostet (dessen Titel wurde offenbar von der Online-Redaktion auf "Mikl-Leitner bittet die Länder und Darabos um Hilfe" geändert).

Noch einmal Brickners Aussage: Krone titelt anders, als es im Blattinneren steht.

Preisfrage: Hat Brickner recht?

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