Von "Klein-Manchester" zur Handy-Hauptstadt

  • In Barcelona tut sich was in Sachen IT. Das diesbezüglich bekannteste Event ist der 3GSM Mobile World Congress, der jedes Jahr in der katalanischen Hauptstadt über die Bühne geht.
    foto: dapd/emilio morenatti

    In Barcelona tut sich was in Sachen IT. Das diesbezüglich bekannteste Event ist der 3GSM Mobile World Congress, der jedes Jahr in der katalanischen Hauptstadt über die Bühne geht.

Zur Jahrtausendwende errichtete Barcelona den Innovationsbezirk 22@ und eröffnete Entwicklern und Start-ups mit dem "Urban Lab" ein Testareal für Pilotprojekte.

Bis vor zwölf Jahren galt ein 200 Hektar großes Industriegelände in Poblenou im Norden Barcelonas als katalanisches "Klein-Manchester". Heute sieht es dort anders aus: Binnen einer Dekade haben sich rund um den 145 Meter hohen Torre Agbar 4500 IT-, Biotech- und Medienunternehmen angesiedelt. Kleine Start-ups findet man genauso wie Niederlassungen von Microsoft und Yahoo. 56.000 Arbeitsplätze entstanden.

Verkehrsanalyse in Echtzeit

Die Ruinen der Textilfabriken wichen dem IT-Bezirk 22@ mit Kongresszentrum, geekigen Low-Cost Hostels und Wohn- und Bürolofts. Intelligente Straßenlaternen sammeln Umweltdaten, zum Parkplatz leitet eine Handy-App, und das Universitäts-Spin-off bitcarrier analysiert den Verkehr in Echtzeit. Das Viertel ist ein "Urban Lab", in dem Entwicklungen vor der Marktreife unter Realbedingungen getestet werden.

Smarteste aller Smart Cities

"Neue Installationen müssen Verbesserungen für die Einwohner bringen", sagt Vizebürgermeisterin Sònia Recasens von der rechtsliberalen Partei CiU zum STANDARD. Es gilt, die smarteste aller Smart Cities zu schaffen. Die Stadtregierung fördert die Vernetzung von Gründern und Kapitalgebern. Einer der Wettbewerbe, apps4bcn, wendet sich an Entwickler, die in ihren Apps öffentliche Daten aufbereiten. Dabei entstand etwa "onthebus", das Menschen mit Behinderung Öffi-Fahrten erleichtert. "Systeme, die hier entwickelt werden, werden weltweit Einsatz finden", sagt Recasens. Seit 2006 beheimatet Barcelona mit dem 3GSM Mobile World Congress einen der großen Branchenevents. Ab 2013 soll die Stadt als "World Mobile Capital" zum Testareal für Mobilfunkprojekte werden. Investitionen von 3,5 Mrd. Euro werden erwartet.

Mehr Arbeitsplätze

"Der große Vorteil Barcelonas ist, dass es mehr Risikokapital gibt als in Madrid", sagt Iñigo Serrano. Sein Start-up Emtrics misst Kundenzufriedenheit über QR-Codes, die in Restaurants, Hotels und Shops angebracht sind. Mit ihrer Hilfe können Kunden "Likes" und "Don't Likes" verteilen. Serrano fordert mehr Anreize für Start-ups, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen.

Harte Arbeit und Ernsthaftigkeit

Ein weiteres Start-up, kantox.com, bietet eine günstige Abwicklung von Devisengeschäften zwischen den USA und Europa, indem es per "Peer-FX-Hedging" Kursschwankungen umgeht. "Innovatoren am Finanzmarkt werden schnell als Piraten abgestempelt", sagt Kantox-Gründer und Ex-Deloitte-Consulter Philippe Gelis. Im Juni feierte das Start-up, das mit Risikokapital des Förderinstituts Seedrocket unterstützt wurde, mit 1,6 Mio. Dollar die größte Transaktion, die bisher über die neue Technik abgewickelt wurde. Trotz allgegenwärtiger Krisenrhetorik ist Gelis' Partner, Antonio Rami, überzeugt: "Es gibt Möglichkeiten in Spanien. Mit Enthusiasmus, harter Arbeit und Ernsthaftigkeit kann man viel verändern." (Jan Marot, DER STANDARD, 21.7.2012)

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