Die Wunden der Vergangenheit

  • Identitätsfragen, das Vergessen, eine in Schwebe gehaltene ewige 
Gegenwart und die eigene Biografie, die auf verschlungenen Wegen in die 
Werke hineinspielt: Patrick Modiano.
    foto: jaques sassier, éditions gallimard

    Identitätsfragen, das Vergessen, eine in Schwebe gehaltene ewige Gegenwart und die eigene Biografie, die auf verschlungenen Wegen in die Werke hineinspielt: Patrick Modiano.

Der großartige Erzähler Patrick Modiano erhält am 28. Juli den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur

Ah, Modiano, glänzen Augen und Worte der rührigen Betreiberin der kleinen Buchhandlung an der Loire. Alle seine Bücher hat sie gelesen, mittlerweile sind es über dreißig, meist schmale Prosawerke. Der Modiano-Ton berühre und beschäftige sie, diese Spiralen in die Vergangenheit hinab, nein, aus dem Vergangenen herauf, die Unwägbarkeiten der Abzweigungen der Existenz, das Obskure des früheren Lebens, dabei eine derartige Genauigkeit der Sprache und auch der Topografie. Wer durch Paris gehe, gehe durch seine Bücher. Gewiss sei er ein genialer Sprachkünstler, auf einer Stufe mit dem nobelgeehrten Le Clézio.

Immerhin wurde Patrick Modiano mit den großen französischen Preisen ausgezeichnet, 1972 mit jenem der Académie française für Les boulevards de ceinture, 1978 mit dem Goncourt für Rue des boutiques obscures (Die Gasse der dunklen Läden). Und letztens, sagt fast verschwörerisch die Buchhändlerin, habe sie das Radio zur Poesiestunde aufgedreht und - Stille gehört. Das müsse Modiano sein, habe sie gedacht.

Seine Sätze suchen sich zögerlich, oft unvollständig, wieder anders ansetzend den Weg aus seiner Tiefe. Eine legendäre Medienszene sei jene Sendung von Bernard Pivot, als dieser schließlich den damaligen TV-Neuling getröstet hatte, nächstes Mal werde er sicher geläufiger reden. Er glaube nicht, dass er das wolle, hatte Modiano bedächtig gesagt, denn dann werde er womöglich schlechter schreiben.

Groß, schlaksig und bedächtig bis zur ungewöhnlichen Zurückhaltung sind viele seiner Männerfiguren, wie er selbst, dessen Biografie auf verschlungenen Wegen in die Werke hineinspielt. Der Vater mit jüdischen Wurzeln war aus Italien zugewandert; nicht wenige Etappen seiner Vergangenheit, besonders zur Zeit der NS-Besatzung von Paris, sind im Dunkeln geblieben. Die Mutter, eine belgische Schauspielerin, hatte er bald verlassen. Ohne ihn war der 1945 geborene Patrick aufgewachsen. Raymond Queneau, dessen Zazie in der Metro den jungen Modiano faszinierte, war ein Freund der Mutter und führte ihn beim renommiertesten Literaturverlag, bei Gallimard, ein.

Dort kam 1968 sein erstes Buch heraus. Erst 2010 ist es in der kongenialen Übersetzung von Elisabeth Edl auf Deutsch erschienen - ihr erhellendes Nachwort sollte man zuerst lesen. Es führt aus, weshalb sich die Kritik zutiefst beeindruckt zeigte und weshalb Modiano 1995 eine korrigierte Fassung publizierte. Der Roman ist der unerhörte Grundstein für ein imposantes Gesamtwerk; er "wird dir ins Gesicht springen", hatte ein Pariser Journalist verheißen.

Der Protagonist und Erzähler von La Place de l'Étoile heißt Schlemilovitch. Er schildert sein Leben in einem Wechsel der Jahre und Identitäten, in einem wilden Reigen historischer und fiktiver Personen, " in einem Wirbel des Wortwahns, wo der Jude mal König, mal Märtyrer ist und sich die Tragödie hinter Narrenpossen verbirgt." Schlemilovitch ist erwachsener Milliardenerbe, dann Gymnasiast, Zulieferer eines Mädchenhändlers, Geliebter von Eva Braun, Gefangener im Strafkibbuz. Gegen die eindeutigen Zuschreibungen: die Verwandlungen.

In Frankreich bekommt es dieser Schlemihl, der unglückliche jüdische Wanderer zwischen den Zeiten, mit Antisemitismus und Verfolgung zu tun; er selbst spielt mit der Opfer-Täter-Umkehrung und macht sich "zu den Ursprüngen" auf, nach Wien und Israel. Eine gespenstische Szene führt in den Burggarten, wo ein "abscheulicher Krüppel" in der Uniform eines österreichischen Gefreiten den in einem Haken endenden Arm ausstreckt und "Sechs Millionen Juden!" brüllt.

Den Ich-Maskeraden entspricht der oftmalige, unbehagliche Wechsel des Duktus, von Präsens und Vergangenheit, von Ich- zu Er-Erzählung, vom Wir zum Du. Die zentrale Feststellung ist freilich in aller Klarheit ausgedrückt: "Ich war Jude. Sie waren Gallier. Sie verfolgten mich." Der Antisemitismus ist in jedem davon Gezeichneten konzentriert. 1942 will ein deutscher Offizier wissen, wo die Place de l'Étoile (wörtlich: der Sternplatz) sei - der gefragte "junge Mann zeigt auf die linke Seite seiner Brust".

Elisabeth Edl betont, dass es zu Zeiten des Sechstagekrieges und der " Wiedergutmachung" in Deutschland "geradezu unmöglich" gewesen sei, die Fiktion der Rollenwechsel mit ihren kurzen negativen Passagen über Israel verständlich zu machen. Entsprechende Stellen hat Modiano später gestrichen. Ungünstig für die Verbreitung war zudem das intensive Eintauchen in die wenig bekannte Literatur von Kollaborateuren.

Er habe, schrieb Modiano, allen antisemitischen Autoren der Vierzigerjahre "ein für alle Mal den Mund stopfen wollen". Dazu schuf er in La Place de l'Étoile eine Reihe von tollen Pastiches, die etwa Céline sowie Lucien Rebatet und die vernichtungstrunkenen Plumpheiten aufs Korn nehmen.

Einen Kollaborateur zeichnet Modiano dann in seinem Drehbuch für Lucien Lacombe, den Film von Louis Malle; ein jüdisches Schicksal bis zur Deportation rekonstruiert er im Roman Dora Bruder, in dem er - typisch für sein Vorgehen - einer Leere nachspürt. Vom stark autobiografisch grundierten Livret de famille (Familienstammbuch) über das von Handke übersetzte Buch La petite bijou bis zu seinen jüngsten Werken betreibt er eine Archäologie des Gedächtnisses, ausgehend von diffusen Wunden der Vergangenheit. In dieser Erzählweise ist es, wie die Begründung für den Staatspreis ausführt, tatsächlich "kein Widerspruch, wenn einer, dessen Erinnern immer Vergegenwärtigung ist, aus tiefstem Vergessen erzählt."

In deutscher Übersetzung jüngst im Roman Im Café der verlorenen Jugend. Da setzen vier unterschiedliche Stimmen "nach all den Jahren" ein Bild der geheimnisvollen jungen Louki zusammen: Den Vater hat sie nie gekannt, der Mutter ist sie weggelaufen, ihren gutsituierten Gatten hat sie nach einem Jahr verlassen, in Cafés und esoterischen Zirkeln taucht sie auf, mit Roland, dem künftigen Schriftsteller, streift sie durch Paris; ihr Mann schickt einen Detektiv hinterher.

All dies in der Modiano'schen Eindringlichkeit der Stimmung einer vergangenen Zeit. Man kehrt zurück in das Paris der Sechzigerjahre, aus dem Umrisse von Figuren, Gesten und Namen auftauchen. Gegen die Flüchtigkeit der Existenz notiert ein Café-Gast das Kommen und Gehen, um die "Routen der Menschen" zu bestimmen.

"Wenn alles schwarz auf weiß geschrieben stand, so hieß das, es war vorbei, gleich wie auf Grabsteinen", denkt Louki. Und auch die Beobachtungen und Mutmaßungen von Roland lassen vieles im Unklaren, entsprechend der geheimnisvollen Welt der Cafégäste, von denen man nichts Genaues weiß. Hingegen ersteht eine Pariser Topografie mit Metrostationen, Adressen, Firmen, Bars und Demarkationslinien - man könnte mit dem Stadtplan lesen.

Durch ganz Paris sei er früher flaniert, sagt Patrick Modiano, es sei ihm zur Seelenlandschaft geworden (eben die literarische Beseelung einer präzisen Topografie schätzt er so sehr in den Büchern von Julien Gracq). Auch in seinem jüngsten, noch nicht auf Deutsch vorliegenden Prosawerk L' horizon "stimmen" die Adressen in Paris und (am Ende) in Berlin. Wieder geht es um die Schwierigkeit, eine Identität im Durcheinander der Gesellschaft zu verstehen; der Protagonist sieht sich als Beobachter und sucht rückblickend einen Sinn in den Ereignissen zu finden. "Depuis quelque temps Bosmans pensait à certains épisodes de sa jeunesse, des épisodes sans suite", beginnt die Erzählung. Diese kurzen Episoden seien für immer in Schwebe gehalten, in einer ewigen Gegenwart.

Es ist Modianos obsessive Art, in die Zeiten zurückzublicken: wie der Mensch auf unsicheren, schwer durchschaubaren Fragmenten einer nebulos scheinenden Vergangenheit steht. Alle Lebensgeschichten haben Leerstellen, Figuren tauchen auf und verlieren sich im Unbekannten, je nachdem, welche Richtung bei einer Weggabelung der Existenz eingeschlagen wurde. Gratulieren wir Österreich zum Staatspreisträger Patrick Modiano.   (Klaus Zeyringer, Album, DER STANDARD, 21./22.7.2012)

Buchtipps zu Patrick Modiano:
- "Place de l'Étoile". Roman. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. € 18,40 / 192 Seiten. Hanser, München 2010
- "Im Café der verlorenen Jugend". Roman. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. € 17,40 / 60 Seiten. Hanser, München 2012
- "L'horizon." € 6,50 / 176 Seiten. Gallimard (Folio), Paris 2010

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