Schlechtes Englisch in der Sauna

Kolumne20. Juli 2012, 20:44
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Ein Vorschlag für den Sprachunterricht

Selbsteinschätzung ist Glückssache. Es gibt Leute, die sind hässlich wie Quasimodo und glauben, sie seien schön wie Adonis. Und es gibt Leute, die sich gravierend in der Güte ihrer Fremdsprachenkenntnisse täuschen.

Vor ein paar Tagen kam ich in der Sauna zufällig neben dem Österreicher mit dem lausigsten Englisch aller Zeiten (nennen wir ihn: den Ölenglaz) zu sitzen. Der Ölenglaz war sehr redelustig. Und er war gerade dabei, einem Engländer auf der Sitzbank vis-à-vis des Langen und Breiten zu erklären, wie lange er diesen Fitnessclub schon aufsuche: "Aif allwess bien comming in siss pleiss tenn jiers." Dem Engländer hing das fade Aug bis auf die Knie hinunter, doch der Ölenglaz parlierte munter weiter. Die Kombi von Schweinsohren und Schwatzlust ist eine Mörderkombi, vor allem in der Sauna.

Menschen wie der Ölenglaz meinen es nicht böse. Sie können einfach nicht einschätzen, wie gut oder wie schlecht sie eine Fremdsprache sprechen. Der Mangel an Einschätzung entsteht aus einem Mangel an Feedback, und der Mangel an Feedback entsteht aus einem Übermaß an Höflichkeit. Als höfliche Person weist man seine Gesprächspartner schlicht nicht auf ihre Sprachdefizite hin ("Sie sollten an Ihrem grauenhaften Akzent arbeiten"). Aus Mangel an Feedback glauben die Leute, sie sprächen Englisch wie Sir Laurence Olivier bei seinem Hamlet-Monolog, während sie in Wahrheit Englisch sprechen wie Ernst Strasser bei seinem 100.000-Euro-Monolog im Brüsseler Lobbyisten-Restaurant.

Ohne Feedback-Kultur, die diesen Namen verdient, wird das Fremdsprachen-Elend weitergehen. Mit Vokabelarmut, scheußlicher Syntax und schlechter Aussprache. Was wir bräuchten, wäre eine neue Erfindung. Zum Beispiel ein iPad-artiges Brettchen, das bei Unterhaltungen zwischen Mutter- und Nichtmuttersprachlern dem Muttersprachler umgehängt wird.

Das Brettchen analysiert die sprachliche Performance des Nichtmuttersprachlers in Echtzeit und raunt diesem in wechselnden Leuchtbuchstaben sofort ein Feedback zu: "Nach 'sans que' gehört der Subjonctif!" "Die ing-Form war hier aber deplatziert!" "Das Partizip Perfekt von 'volver' heißt 'vuelto'." Unpeinlich und dezent. Falls zufällig ein Brettchen-Erfinder diese Zeilen lesen sollte: Bitte schnell an die Arbeit. Und: Saunatauglich sollte es auch sein. (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 21./22.7.2012)

 

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