Reportage: Am Stammtisch mit Piraten

20. Juli 2012, 20:11
  • Beschäftigungsfeld Informatik? Die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich hoch. Aber das soll sich bald ändern. Foto: Piraten
    foto: piraten

    Beschäftigungsfeld Informatik? Die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich hoch. Aber das soll sich bald ändern. Foto: Piraten

Interessenten sollen so die Partei kennenlernen - blöd nur, wenn die zwar eine neue Form der Politik suchen, mit dem Computer aber nicht so viel anfangen können

Es ist der erste warme Sommerabend seit vielen Tagen. Während die Gastgärten am Naschmarkt aus allen Nähten platzen, sitzen ein paar Gassen weiter rund 30 Interessierte und Mitglieder beim Stammtisch der Wiener Piraten. Im Laufe des Abends wagen sich auch drei Frauen ins Café Dani, doch die eindeutige Mehrheit sind Männer zwischen 25 bis 70 Jahren. Von Hawaii-Shorts mit Tennissocken bis Batikkleidern ist alles vertreten.

"Mir reicht es ganz einfach, Österreich wird immer mehr zum Polizeistaat."

"Zu schön. Zu jung. Zu intelligent", prangt auf dem T-Shirt von W. Darüber trägt der etwa 60-Jährige eine Lederjacke, Modell Metal-Fan, und eine dicke Silberkette. W. ist zum ersten Mal dabei, aber schon sehr angetan von den Piraten: "Mir reicht es ganz einfach, Österreich wird immer mehr zum Polizeistaat."

Die Grünen seien eine "Kampflesbenpartei", die ausschließlich die Interessen der "saturierten Bobos" vertrete. Sollte W. tatsächlich den Piraten beitreten, hat er ein Problem: Er arbeitet beim Presse- und Informationsdienst (PID), der das Werbebudget der Stadt verwaltet - und über dessen tatsächliche Höhe mehr spekuliert als informiert wird. Dabei ist gerade Transparenz ein Steckenpferd der Piraten. Dienstgeheimnisse dürfe er aber nicht verbreiten, räumt W. ein. Dafür will er zu den Bereichen Medienrecht oder Datenschutz etwas beitragen.

Zwei dieser Stammtischtreffen gibt es bereits jede Woche in Wien, auch in den Bundesländern wird massiv geworben. Auf zwei Tischen sitzen die Arbeitskreise Direkte Demokratie und Wirtschaft, Neuzugänge können sich einklinken oder einfach nur zuhören. Doch die Neuen haben sich erstmal an einen eigenen Tisch verzogen und blicken sich schüchtern um. Helmut, Informatiker und 26 Jahre alt, hat sich in den Internetforen der Piraten bereits eingelesen. Parlamentarier hätten oft keine Ahnung, über was sie abstimmen, sei es beim ESM-Rettungsschirm oder dem Sicherheitspolizeigesetz.

Entsetzt

"Ich bin entsetzt über die Grünen und Roten", pflichtet ihm die 55-Jährige mit dem Nickname Milagro bei. Sie war Mitglied in beiden Parteien, jetzt sucht sie ihr Heil bei den Piraten. Die seien mit Forderungen wie dem bedingungslosen Grundeinkommen oder den kostenlosen Öffis ein "Update von den Grünen", findet sie. Conny wiederum hat sich bis jetzt erst die Homepage angesehen und ist mit Helmut gekommen. Sie war auf allen Demonstrationen zu Acta und zur Vorratsdatenspeicherung, sie fühlt sich vom Staat überwacht.
Technikschulung im Keller

Interesse

Es sind eine Handvoll Interessierte da, die im Keller des Dani zu einer Technikschulung vorbeischauen. Hier treffen zwei Welten aufeinander: die Gründer, meist Programmierer oder IT-Berater, und die Wutbürger, die sich anschließen wollen. Milagro ist auch darunter. Eifrig schreibt sie mit, was der Pirat mit Mikro ihr über Chatforen erzählt.

"Silberpiraten" heißen diejenigen, die "eher nicht online sind", flüstert ein Mitglied. Weil die Partei mit Nerds alleine nicht in den Nationalrat einziehen wird, werden Lösungen gesucht. Mentoren sollen den weniger Technikaffinen helfen, ihre Anträge ins Netz zu stellen. So richtig funktioniert das noch nicht.

"Offline-Piraten"

"Wir haben ein Problem mit den Offline-Piraten", räumt Bundesvorstand Stephan Raab ein. Die Hauptzielgruppe seien dennoch diejenigen, die Mails schreiben. Der Zulauf sei enorm, "den Leuten brennt es unter den Nägeln". (Julia Herrnböck, Der Standard, 20.07. 2012)

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13 Postings
saturierte Bobos

Warum muss dieser W. auch das B-Wort verwenden ?
Damit hat er sich jegliche Symphatien verspielt ,
zumindest hier im Forum. Vielleicht auch nur eine Reaktion auf diese herabwürdigende Reportage und auf die aus allen Nähten platzenden Bobo-Gehege am benachbarten Naschmarkt.
Ich muss meinem Vorposter wiedersprechen,denn
die Piraten haben eine klare politische Ausrichtung sie mögen keine B-Grünen bzw. wollen nicht so enden.

Piraten-Horizont im Ursuppen-Chaos

So wie sich hier (einige) Piraten präsentieren, erscheint mir, dass deren Horizont bloß bis zum nächsten Fenster reicht, weiter nicht.
Empörung allein ist zuwenig; der gestalterische Wille nach Veränderung ist zwar spürbar, jedoch ohne jegliche politische Ausrichtung und Ziel - sie schwimmen quasi im Ursuppen-Chaos.

Die Partei ist noch jung, da kann es noch keine Parteilinie geben.
Das ist neu im österreichischen Politikjungle, weil in den letzten Jahrzehnten jede Partei nur aus Abspaltungen entstanden ist.
Also ein bisschen Zeit geben, ich erwarte mir noch viel von ihnen.

aha...

"Kampflesbenpartei" sind die Grünen also... der Herr hat sicher noch nie eine Grüne/einen Grünen kennengelernt....

K(r)ampfemanzen würde es wohl eher treffen (zumindest auf Bundes und teilweise Landesebene).
Als halbwegs politikinteressierter Bürger bekomme ich leider auf diesen Ebenen sonst nichts von ihnen mit.

Lieber "Kampflesbe" als einer der "Lesben" als Schimpfwort verwendet.

Mit "Kampflesbenpartei" bin ich auch nicht wirklich einverstanden aber: "die ausschließlich die Interessen der "saturierten Bobos" vertrete" triffts dafür exakt ;)

Hast du dir schon einmal die Mühe gemacht, das Parteiprogramm der Grünen zu lesen?

Mach das mal. Du wirst staunen, wie wenig das mit deinen Vorurteilen zu tun hat, und wie teuer die Umsetzung dieses Programms deinem Feindbild, den sturierten Bobos, kommen würde.

Diese wählen aber trotzdem grün. Weil sie Veränderung in diesem Sinne wollen, weil sie erkennen, dass es ihnen selbst gut geht und vielen anderen nicht.

Das ist ja das witzigste am Wahlverhalten der Menschen: Dass sie genau die wählen, unter deren Herrschaft muss man schon sagen Schluss mit lustig wäre (Blau) und diejenigen, die eine echte Veränderung in ihrem Sinne herbei führen wollen (Grüne) als linkslinke Gutmenschen verleumdet werden.

Absurd.

die grünen stimmten für den esm.

http://www.youtube.com/watch?v=d6JKlbbvcu0

damit haben sie für mich den anspruch einer demokratischen partei nicht erfüllt.

Im Parteiprogramm kann vieles stehen, an ihren Taten messe ich sie ;)

Keine Panik, ich halte die Grünen zZ. eh für die "wählbarste" Partei - was in Österreich aber nicht unbedingt viel zu bedeuten hat.

Parteiprogramm...

Keine österreichische Partei richtet ihre Arbeit und Politik nach ihrem Parteiprogramm. Was da drin steht ist so aussagekräftig Packungsbeilage beim Aspirin.

Keine Atomkraft - aber auch keine Wasser und Windkraftwerke das diese denn Anblick der Umwelt schädigen

weniger Co2 verbrauch - aber keine Abkürzung welche 5km Umweg erspart wegen 300 meter Walt.

der Begriff "Kampflesbenpartei" geht also in Ordnung

Mag sein.

Aber das ist in etwa das Bild das die Grünen von sich selbst unter anderem vermitteln. Zumindest finden das einige.

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