Freiheit - wofür?

21. Juli 2012, 18:11
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Wie fühlt sich Freisein an? Ist Freiheit gleichbedeutend mit einem endlosen Urlaub von Verpflichtungen? - Von Lydia Mischkulnig

Was geschieht, wenn der Urlaub zu lange dauert und Depression erregt?

Wir müssen etwas ändern, sonst explodiert der Planet. Das ist nicht nur politisch gemeint. Der Funke bin ich. Ich bin die entscheidende Macht, wie ich den Ausgang für die Menschlichkeit bei aller Kontingenz plane. Meine Situation ist nicht ungünstig. Die Schlinge der supranationalen Instanzen zieht sich zwar weiter zu, aber nicht nur um mich, sondern um alle, wenn ich nicht losgehe und etwas unternehme.

Was rette ich, mich oder meine Haltung, das ist hier die Frage. Mit dem Planeten wird alles Notwendige für menschliches Leben im Universum zu allen kommenden Zeiten bezeichnet. Dauernd dieser Kampf um die Freiheit, und kaum gelingt ein frühlinglicher Aufbruch in Richtung Aufklärung und Autonomie des menschlichen Subjekts, ist der Planet schon wieder im Fangnetz uns sphärisch umspülender Kapitalflüsse. Das heißt, auch die Sintflut ist von Menschen gemacht, um schmutzige Hände in Unschuld zu waschen. So weit soll es nicht wieder kommen, dass der Mensch zum Geschöpf verkommt. Also, die Kapitalflüsse werden reguliert. Auch das werden wir bewältigen, aber was folgt dann? Eine Sinnflut?

Wofür würden Sie sich den frei machen, wenn die Demokratie durchgesetzt und ihre subjektiven Rechte weltumspannend geltend wirksam sind? Stellen Sie sich Freiheit als Verhältnis, als Gegend oder als Zustand vor? Ist Freiheit gleichbedeutend mit einem endlosen Urlaub von jedweder Verpflichtung? Totale Zwanglosigkeit? Was geschieht, wenn der Urlaub als Pause zu lange dauert und Depression erregt? Wie fühlt sich dagegen das Freisein an? Ist es vergleichbar mit einem bezahlten Aufenthalt auf den Malediven, in den Tropen? Ist das Freisein eine Jagd, eine Safari oder eine Bergtour mit einem Gipfel zur Belohnung? Und was dann? Ist Freisein das Gefühl, es verdient zu haben? Oder kommt die Satisfaktion aus dem Wissen, Freiheit erreicht zu haben?

Das Gefühl für Freisein kommt also von innen und auch von Ihnen. Wissen Sie eigentlich, wie frei ich bin? Ich wende mich an ein Publikum, das mir mit meinen Ohren lauscht, und ich sehe das Publikum mit meinen Augen im Theater meiner Kontrolle. Wenn ich eine Krise habe, ist das Theater aus, oder umgekehrt. Oft hängt dieser Moment mit den Heizungskosten zusammen und auf diese Weise mit allen Energiefragen, die uns an das universale Geschehen binden, an das Gestirn der menschlichen Erkenntniskraft, die sprudelt und so manche Ressource überdauert. Wie viele Kubikmeter beheizen Sie denn? Leben Sie auf zu großem oder zu kleinem Fuß, wie drückt sich das im Verhältnis zu Ihrer Raumhöhe aus? Schon mal überlegt, wie frei Sie wären, wenn Sie weniger Kubik behausen würden? Wie viel Raum braucht ein Mensch? Abgesehen von Heimatlichkeit pro Quadrat. An diesem Denkende kämen wir bei der Zelle an. Neun Quadratmeter reichen pro Nase für Gefangene, beispielsweise in Österreich.

Schließen Sie die Augen!

Wie viel umfasst ein Grab?

Im Urlaub am Strand genügen zwei Quadratmeter auf der Sonnenliege für Personen, die ihre Freiheit als Erholung erleben und zum Faulenzen gar nicht kommen.

Schließen Sie die Augen und lauschen Sie in sich hinein, treiben Sie auf dem ozeanischen Binnensee Ihrer Seele. Das Entspannen kommt ja auch von innen und findet in Ihnen statt. Die Entspannung buchen Sie nicht, die verfassen Sie selbst. Die unverfälschte Natur grüner Almwiesen liegt nicht im Norden Thailands, in den Ausläufern des Himalajas, wo die bunten Schirme hergestellt werden, die wir am Rand der Trockensavannen in Reih und Glied angeordnet wiederfinden, nur weil eine funktionierende Wirtschaft sie mit der Ursprünglichkeit eines farbigen Kontinents verschmolzen und die einfachen, aber freundlichen Bewohnern zu einer harmonischen Tier und Pflanzenwelt naturalisiert hat.

Spannen Sie selber ab. Ihre Arbeit kommt viel teurer. Sie bezahlen für den Stoff, auf dem Sie träumen, und dafür, dass Sie über den Wolken eine Geschmacksexplosion erleben durften. Das bioontologische Paradies gerät zum Kuraufenthalt, zu Hause wie am persischen Golf. Der Unterschied liegt in Ihrem Erleben. Ob per Flugzeug oder durch den Glauben an den Himmel ist dabei gleichgültig. Sie können abheben, partizipieren in jeder Position, verehelicht, geschieden, verwitwet als auch ledig. Paradiese haben ausschließliche Gewalt und sie sind nicht exklusiv, sondern totalitaristisch.

Das Freisein als Resultat und gefühlter Zustand von Freiheit ist kein Paradies. Denn das Freisein ist eine Forderung nach Erfüllung, und sie lautet: Befreie dich vom Missbrauch. Das ist kein Rat, sondern der Impuls, der die Menschheit ergriffen hat. Das Dictum "zolle Respekt" ist moralistisch, und alles was moralistisch ist, ist übergriffig. Der Satz "Befreie dich vom Missbrauch" dagegen ist ein Auftrag an sich und für andere.

Das gilt sogar für die Malediven, denn, sofern diese Trauminseln nicht untergegangen sein werden, kommt der Tag, an dem die schönen maledivische Frauen nicht mehr religiös begründet den Touristenaugen entzogen sind, verbannt an ihren trostlosen Einheimischen-Strand. Die zugeschriebene fernöstliche Sanftmut und der europäische Stress-Körper sind dann zumindest durchgegendert. Die sich durchsetzende Gleichwertigkeit wird es auch zur Gleichheit bringen, sodass im Alpenraum Niesel- und Schneeurlaub von Bürgern der Malediven ausgekostet werden wie auch das Salz der Berge in Hallstatt.

Also, ich frage, was machen wir dann, wenn wir endlich Egalité leben? Wie geht es dann mit der Freiheit weiter? Freiheit in einer endlosen freien Landschaft, befreit vom Bodenschatzraub, Grenzen und Kämpfen, was kommt danach? Die Angst vor der Weite und Zeit? Ist die Idee von Freiheit nur ein Köder, um wieder in der Falle zu landen, Käfige zu generieren? Der Speck lockt die Mäuse an. Ist Freiheit Speck? Hieß nicht in einer neoliberalen Werbung das Erfolgsrezept "weg mit dem Speck"? Und wie sieht Freisein in seinen verschiedenen Graden aus? Wie frei ist ein gelähmter Mensch? Wie viel Solidarität ist notwendig, um ein Gleichmaß an Freiheit für "disabled people" zu erwirken. Und wer ist "disabled" wodurch? Was wendet die Not? Nämlich die biedere, finanzielle.

Freiheit heißt Verlangen. Somit fordere ich Ihren Beitrag. Verwechseln Sie Beitrag nicht mit Worten, denn ich meine Münze. Ihre klingende. Dafür erspare ich Ihnen, das Leben einer Dichterrolle durchzuexerzieren. Sie müssen nicht ihr Fleisch opfern, aber einen Teil Ihrer Leistung. Hier ist der Hut. Er sitzt auf meinem Kopf und enthält mich, der als Text nicht von ungefähr ist, da Ihre Freiheit, in der Sie Ihre Kultur und Ihre Geschichte austauschen und erproben können, durch mich garantiert ist, wenn Sie mal nachdenken.

Also, fragen Sie!

Also, fragen Sie: Freiheit wofür? Und diese Frage beziehen Sie mal ganz persönlich nur auf sich. Diese Übung schärft das Werkzeug, um Ihre Schmerzgrenzen freizulegen, um Ihre Empathie zu erfahren, die zum Durchbruch ins Freie verhilft und Gestaltungsmöglichkeit öffnet. Sie dient dazu, vom Missbrauch zu befreien.

Wie schaffen wir es aber, uns aus der Abhängigkeit voneinander, ohne jetzt die Urlaubsmöglichkeiten zu verpatzen, zu befreien? Irgendwer muss halt putzen und die Flora und Fauna bewahren, mit einfach freundlich naturbelassenen Menschen. Natur ist Sklaverei. Ich will sie nicht bewahren, ich schmeiß den Hut drauf. Es wäre vergeudet, denn uns droht allen der Tod. Das ist natürlich. Dem entkommen nicht einmal Götter, weil sie Menschenwerk sind. Und doch, es gibt einen Weg. Freisein ist nichts Fixes, es ist ein Zustand, der wächst. Fangen wir bei den Kleinsten an, bei den Geringsten, bei den Ausgelieferten, die keine Rechte haben, weil sie ausgeliefert sind an den Mitmenschen.

Fangen wir bei uns an, in der Stunde unseres Todes, in diese Richtung ticken wir nun einmal für immer. Fangen Sie mit Ihrer Stimme an, setzen Sie sie nicht zu tief an, machen Sie sich nicht erwachsen, sondern fühlen Sie dem Kind nach, das in Ihnen drinsteckt und das Ihre Hilfe braucht, an den Tagen, an denen Sie zu alt sind, um es weiter durchs Leben zu führen. Sie verlassen es jetzt, was auch immer Sie getan haben. Dieses Kind bleibt in der Welt, die Sie geben.

Ich wünsche Ihnen eine gute Vorstellung!   (Lydia Mischkulnig, Album, DER STANDARD, 21./22.7.2012)

Lydia Mischkulnig, geboren in Klagenfurt, ist Autorin und lebt in Wien. Studien an der Universität für Musik und darstellende Kunst, Graz (Bühnenbild) und Wien (Filmakademie). 2007 Gründung von "tinternational textunternehmen" mit der Schriftstellerin Sabine Scholl. 2008 Gastprofessur in Nagoya und 2009/2010 Lehrauftrag am Institut für Sprachkunst (Universität für angewandte Kunst in Wien). Zuletzt erschien von ihr der Roman "Schwestern der Angst" im Haymon-Verlag (2010).

  • Schweben: Ist Freisein vergleichbar einem bezahlten Aufenthalt auf den Malediven, in den Tropen? Ist das Freisein eine Jagd, eine Safari, oder eine Bergtour mit einem Gipfel zur Belohnung? Und was dann?
    foto: standard / fischer

    Schweben: Ist Freisein vergleichbar einem bezahlten Aufenthalt auf den Malediven, in den Tropen? Ist das Freisein eine Jagd, eine Safari, oder eine Bergtour mit einem Gipfel zur Belohnung? Und was dann?

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