"Künstlerstadt" Gmünd wirbt mit Wassertrompete und Liebeswehwalze

Elisabeth Steiner, Jutta Kalian
20. Juli 2012, 20:08
  • In der Kärntner Stadt Gmünd gibt es neben zahlreichen mittelalterlichen Gebäuden auch genügend Raum für moderne Kunst.
    foto: stadt gmünd

    In der Kärntner Stadt Gmünd gibt es neben zahlreichen mittelalterlichen Gebäuden auch genügend Raum für moderne Kunst.

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    grafik: der standard

Mit ihrem nachhaltigen Konzept hat sich Gmünd zu einem EU-weiten Modell für nachhaltige regionale Entwicklung gemausert

Gmünd/Völkermarkt - Obwohl die Lage zentraler nicht sein könnte, herrscht am Völkermarkter Hauptplatz hinter vielen Schaufenstern gähnende Leere. Ein paar Kilometer weiter stadtauswärts, vor dem Einkaufszentrum St. Ruprecht, fädeln sich im Minutentakt Autos in Parklücken ein, nebenan wird ein Fachmarkt gebaut. In der 5000-Einwohner-Stadt arbeitet der Wirtschaftsverein Zukunft Völkermarkt daran, die verlorene Kaufkraft mit Gutscheinaktionen und Veranstaltungen wieder ins Ortszentrum zu holen und die leeren Geschäftsflächen zu füllen. "Das ist schon schwierig, aber wir haben auch gutgehende Unternehmen bei uns, die beweisen, dass es sehr wohl funktioniert hier", sagt Sandra Pichler, Geschäftsführerin vom Wirtschaftsverein. Einkaufszentren sieht sie nicht als Konkurrenz, "die sprechen eine ganz andere Käuferschicht an". Außerdem werde dank der demografischen Entwicklung der Ortskern wieder attraktiver: "Ältere Leute haben es leichter in der Innenstadt, da sind alle Geschäfte in unmittelbarer Nähe, und es geht persönlicher zu als in Einkaufszentren", so Pichler.

So optimistisch sieht das Gerhard Genser von der Wirtschaftskammer Kärnten nicht: "Solange Unternehmen draußen billigeren und leichter erreichbaren Grund bekommen, werden sie nicht in die Innenstadt gehen." Es sei absurd, wenn man sich in kleineren Städten zum Einkaufen ins Auto setze.

Der Bürgermeister von Völkermarkt, Valentin Blaschitz (SPÖ), meint, auch die Menschen selbst müssten umdenken: "Einerseits bedauern sie, dass es den Greißler in der Innenstadt nicht mehr gibt, andererseits kaufen sie draußen in den Zentren ein."

Blühender Tourismus in Gmünd

Leere Geschäfte und Häuser gibt es in der Kärntner "Künstlerstadt" Gmünd nicht. Stattdessen blühen heimisches Gewerbe und Tourismus. In der 2600-Seelen-Stadt gibt es noch Bäcker, einen Schmied, einen Installateur, eine Schneiderei und vieles andere mehr. Man findet in der Kleinstadt eigentlich alles, was man zum täglichen Bedarf braucht. Nur der Schuster ist im Vorjahr zum Leidwesen der Gmünder mit 80 Jahren in Pension gegangen. Vor allem aber findet man in Gmünd jede Menge Galerien und Museen, die den mittelalterlichen Ortskern beleben. Mit Kunst und Kultur hat man vor zwanzig Jahren die einst reiche, später völlig verarmte Stadt am Kreuzungspunkt wichtiger Handelswege völlig neu positioniert - und sich damit 2011 die höchste EU-Tourismus-Auszeichnung, den "Eden Award" eingeheimst. "In den 70er-Jahren haben wir nicht wie andere Städte alles niedergerissen und neu gebaut, sondern unser mittelalterliches Ambiente bewahrt", erzählt Heidi Penker, SP-Vizebürgermeisterin und Obfrau des Kulturvereins, "dem die Stadt ihren erfolgreichen Weg in eine nachhaltige Zukunft verdankt." In die leeren ehrwürdigen Gebäude zogen damals die Künstler ein, private Galerien und städtische Museen folgten.

Heute ist Gmünd ein begehrter Ausstellungsort für heimische und internationale, zeitgenössische und alte Kunst. Ungewöhnliche Klänge und Räume erlebt man im Pankratium, dem "Haus des Staunens", so gibt es dort etwa Wassertrompete und Liebeswehwalze zu sehen. Im Sommer kann man die Künstler bei ihrer Arbeit beobachten. "Wir koordinieren alles über unser Kulturbüro", sagt Penker. Es habe gedauert, bis die Bevölkerung das neue Konzept annahm, "heute sind alle stolz drauf." Ein Einkaufszentrum habe die Stadtgemeinde nie interessiert. "Es wurde immer wieder angefragt, doch wir brauchen das nicht." (Elisabeth Steiner, Jutta Kalian, DER STANDARD, 21./22.7.2012)

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2 Postings
Fremde Federn

Hinzugefügt werden muss, dass der Ruf als Künstlerstadt nicht auf die Arbeit des Blauen Bürgermeisters zurückzuführen ist. Die Initiativen stammen in erste Linie von den KünsterInnen selbst. Man muss schon froh sein, wenn BGM Jury nicht allzuviele Steine in den Weg legt.

"Obwohl die Lage zentraler nicht sein könnte, herrscht am Völkermarkter Hauptplatz hinter vielen Schaufenstern gähnende Leere"

in villach übrigens auch.
hier könnte man sich am bsp der hamburger reeperbahn st.pauli (redlight-district) orientieren,
genug potential für die schaufenster wäre ja vorhanden

außerdem könnte man die reihe der "themenstädte"
damit fortsetzen

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