Ein Fest für Boris

20. Juli 2012, 19:11
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Es war einer jener Momente, in denen Boris Johnson ganz bei sich war. Die Olympischen Spiele 2008 waren eben zu Ende gegangen, die Übergabeparty in Peking nahm langsam Fahrt auf. Da trat der Londoner Bürgermeister vor und hielt eine flammende Rede, in der er steif und fest behauptete, die Briten hätten das Pingpong-Spiel erfunden: "Ping Pong is coming home!", rief Johnson damals ins Tränen lachende Publikum - und stellte so quasi nebenher klar, dass die Spiele von 2012 nicht nur jene für London sein würden, sondern vor allem auch ein Fest für ihn, den flamboyanten Bürgermeister selbst.

"BoJo", so nennen ihn die Boulevardblätter, sticht selbst auf der an Exzentrikern nicht eben armen Insel heraus. Mit seinem wirren, weißblonden Haar und unablässigem Witze-Feuerwerk wirkt der 48-Jährige wie einer jener hochbegabten Sonderlinge, die nur das britische Establishment hervorbringen kann. Auf den zweiten Blick entpuppt er sich aber auch als ambitionierte Ich-AG, die skrupellos an einer Karriere baut, die sich an Vorbildern wie Churchill und Disraeli orientiert. Schon lange gilt Johnson als beste Personalreserve der Tories - "falls Premier David Cameron vom Bus überfahren wird" (The Economist).

Alexander Boris de Pfeffel Johnson stammt aus großbürgerlicher Familie mit französischen, deutschen und auch türkischen Wurzeln. Er durchlief das klassische Curriculum: Schule in Eton, Studium in Oxford (Altphilologie). Danach verdingte er sich als Journalist bei der Times, wurde Brüssel-Korrespondent des Daily Telegraph und Herausgeber des konservativen Magazins The Spectator. Die nächsten logischen Stationen waren ein Roman (der 700-Seiter 72 Jungfrauen), Parlamentsabgeordneter und das Schattenkabinett.

Gelitten hat Johnsons Karriere ein wenig wegen seiner unzähligen Frauengeschichten - mit einer Geliebten soll er sich in einem durch London fahrenden Taxi vergnügt und dabei von ihr gesungene Puccini-Arien gehört haben. Geschadet haben solche Eskapaden dem seit 1993 mit einer harten, aber offenbar auch geduldigen Anwältin Verheirateten nicht. Das Paar hat vier Kinder.

2007 eroberte Johnson das Bürgermeisteramt im eher linksdrehenden London. Seither macht der fanatische Fahrradfahrer dort, weil er um jeden Penny bei Cameron betteln muss, vor allem Symbolpolitik. Im Mai wurde er wiedergewählt. Nun warten die Spiele auf den Mann, für den der Olymp nicht genug ist. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 21./22.7.2012)

  • Clown und Supertalent: Boris Johnson, Londons Bürgermeister.
    foto: epa

    Clown und Supertalent: Boris Johnson, Londons Bürgermeister.

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