London und das Streckenmaß für Lokomotiven

  • 1948 hat die tschechische " Lokomotive" Emil Zátopek über 10.000 Meter ihren späteren Triumphlauf gestartet.
    foto: apa

    1948 hat die tschechische " Lokomotive" Emil Zátopek über 10.000 Meter ihren späteren Triumphlauf gestartet.

  • 1908 fand der Marathonlauf sein Maß. In London kam man erstmals auf exakt 42,195 Kilometer.
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    1908 fand der Marathonlauf sein Maß. In London kam man erstmals auf exakt 42,195 Kilometer.

London darf als erste Stadt zum dritten Mal die Olympischen Spiele ausrichten. Tragödien und Heldengeschichten wird es auch diesmal geben. Und das Soso-lala: Österreich war ja auch 1908 und 1948 in London mit dabei

Wenn es ein Zufall war, dass gerade London die erste Stadt ist, die zum dritten Mal Olympische Spiele ausrichten darf, dann war es ein glücklicher. Oder, wenn schon kein glücklicher, so doch ein trefflicher. Die olympische Idee ist ja eine zutiefst britische. Der französische Baron Pierre de Coubertin hat das "citius, altius, fortius" zwar mit so manch salbaderndem Firlefanz versehen. Aber selbst der rührt im Wesentlichen vom philhellenischen Herzschmerz des Lord Byron her.

Erstmals gastierten hier die Spiele - die vierten - 1908. Da war die Stadt noch etwas wahrhaft Weltumspannendes. Entsprechend wurde geklotzt. Zentrale Austragungsstätte war das White City Stadium, in dem 70.000 Zuschauer Platz fanden, 20.000 davon unter Dach. Das Stadion beherbergte die Radrenn- und die Laufbahn. Hier wurden alle Ballspiele, alle Leichtathletikbewerbe, aber auch das Turmspringen (Bassin mit versenkbarem Turm) und Wasserball ausgetragen. Eiskunstlauf (ja, im Sommer) nicht, da gab es eine eigene Halle.

Runde Zahl

London brachte einige interessante Neuerungen. Die nachhaltigste war wohl die endgültige Festlegung der Marathondistanz. Man startete bei Schloss Windsor, Ziel war das Stadion. Das war mit den bisher üblichen 25 Meilen nicht zu machen. Mit 26 gelangte man grad und grad ins Stadion, bis zur königlichen Loge fehlten dann aber immer noch 358 Yards. Zusammen- und umgerechnet ergab das eben die runde Zahl von 42, 195 Kilometern.

Erster Olympionike über diese Distanz war der Italiener Dorando Pietri. Mit großem Vorsprung finalisierte er die 26 Meilen, um dann auf den verbleibenden 358 Yards für eines der ersten echten olympischen Dramen zu sorgen. Streckenposten verhinderten, dass er im Stadion in die falsche Richtung abbog. Insgesamt fünfmal brach er zusammen, bis ihn schließlich mitleidende Ärzte und Kampfrichter über die Ziellinie schoben. Zehn Minuten benötigte der halb bewusstlose Pietri vom Stadioneingang bis zur königlichen Loge.

Ein Wort noch zu Österreich - der Kaiser feierte 1908 sein 60. Thronjubiläum und die Mehrung des Reichs um Bosnien-Herzegowina. Über die 400 Meter Kraul holte man sich die einzige Medaille, die bronzene. Medaillengewinner Otto Scheff wurde zwei Jahre zuvor - bei den sogenannten Zwischenspielen in Athen - über die selbe Distanz vergoldet. Scheff saß nach dem Zweiten Weltkrieg für die ÖVP im Parlament.

1908 huldigten gleich drei Olympiateams dem Franz Joseph. Nicht nur Ungarn (drei Gold, vier Silber, zwei Bronze) trat an, sondern auch Böhmen, das mit zwei Bronzenen vor Österreich lag.

Im Fußball wurde die "böhmische Frage" (der tschechische Verband wollte eine britische Lösung, also die Eigenständigkeit, der ÖFB war dagegen) übrigens im selben Jahr beim Fifa-Kongress in Wien gegen die tschechische Absicht entschieden. (Augenzwinkernd ließe sich ergänzen, dass genau zehn Jahre später dann die Retourkutsche für die heutigen Verhältnisse sorgte.)

Frühe Entschuldung

Zwei Weltkriege und eine Verwüstung später, nachdem sich also gezeigt hatte, dass der Friedensgestus nur innerhalb des Stadions funktioniert, schickte man die Athleten wiederum nach London. Deutschland und Japan durften - 1948, da waren die Jahre '38 bis '45 noch zu frisch - nicht teilnehmen, Österreich schon.

Diesmal schnitt Österreich etwas besser ab: zwei Goldene, zwei Silberne, vier Bronzene. Nach neuerer Zählung stimmt das nicht ganz. Zwar wird immer noch über Ellen Müller-Preis (Florett, Olympiasiegerin 1936, Bronze 1948) oder Herma Bauma (Speer, Gold) gesprochen, aber kaum noch über Adolf Hoch. Der gewann Gold in der Architektur für seinen Entwurf " Skisprungschanze auf dem Kobenzl". Vier der acht österreichischen Medaillen holte man in den hier zum letzten Mal stattfindenden Kunstbewerben, die 1906 auf ausdrücklichen Wunsch von Pierre de Coubertin ins Programm gekommen waren.

Die böhmische Frage kam 1948 in anderer Form aufs Tapet. Sie trug den Namen "Lokomotive" und die wiederum den Namen Emil Zátopek, der hier über 10.000 Meter seinen ersten Titel holte. Vier Jahre später - die Londoner Distanz ist in Fleisch und Blut übergegangen - gewann er drei Goldene: 5000, 10.000, Marathon.

1948 begann mit dem kommunistischen Februarputsch die bis 1989 dauernde Tragödie. In der spielte auch Zátopek mit, phasenweise als Opfer. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 21./22.7.2012)

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