"Ich bin, wenn ich mich nicht gerade als Feingeist geriere, ein ruppiger Mensch"

Interview
20. Juli 2012, 18:44
  • Sven-Eric Bechtolf: Schauspieler, Regisseur, Direktor.
    foto: apa/fohringer

    Sven-Eric Bechtolf: Schauspieler, Regisseur, Direktor.

Erstmals verantwortet Sven-Eric Bechtolf das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele

Andrea Schurian sprach mit ihm über seine "Ariadne"-Inszenierung, Unterbeschäftigung und gelungenes Theater.

Standard: Mögen Sie Interviews?

Bechtolf: Nein. Über die Projekte zu sprechen macht Spaß. Aber über einen selbst - das geht einem dann schon wahnsinnig auf den Zeiger.

Standard: Ich frage das, weil Sie selbst so viele Festspiel-Künstler interviewt haben.

Bechtolf: Das klingt gemein, aber ich habe oft für Ihre Kollegen die Schularbeiten gemacht und schlecht zusammengestoppelte Interviews redigiert. Dabei habe ich gelernt, wie man Interviews machen sollte.

Standard: Die Festspiele siedeln heuer ihre Programmhefte im Billigsegment an. Für die Off-Schiene Young Directors Project (YDP) haben Sie mit "Close up" aber ein schönes Programmbuch gemacht.

Bechtolf: Weil ich das YDP in den Fokus des Festspielprogramms holen wollte! Was man hier heuer sehen wird, kann ganz leichtfüßig mit deutschen Staatstheaterproduktionen mithalten - und ist mitunter sogar interessanter. Gleichzeitig ist "Close up" ein Lesebuch für Theaterinteressierte, ein Theaterstatement von mir und Andreas Schett, der großen Anteil daran hat. Es war ein Wahnsinnsstück Arbeit. Eine Zeitung zu erfinden ist nicht ohne. Jetzt haben wir sie erfunden. Jetzt geht's weiter.

Standard: Es scheint, als wäre Ihnen als Schauspielintendant der Salzburger Festspiele fad ...

Bechtolf: Ich bin kein Intendant, Wir wollen meine Aufgabe hier mal völlig prosaisch richtig benennen: Ich bin Abteilungsleiter. Das hat man mir auch nicht an der Wiege gesungen, dass ich einmal Abteilungsleiter werden würde. In Ermangelung eines schöneren Titels nennt man es also Schauspieldirektor. Das ist auch schön, klingt wie Zirkusdirektor.

Standard: Also gut: Ist Ihnen als Zirkusdirektor fad? Sie machen unglaublich viel zusätzlich, unter anderem inszenieren Sie Richard Strauss' "Ariadne auf Naxos" in der Urfassung ...

Bechtolf: ... da muss ich in aller Bescheidenheit korrigieren: Diese Fassung ist von mir - natürlich unter Verwendung des Materials von Hofmannsthal. Aber es waren dramaturgische Großoperationen notwendig. Und: Ja, Sie haben recht, ich mache eine ganze Menge. Aber das ist ja das Schöne an dieser Beschäftigung, dass sie viele Berufe in einem vereint: Impresario, Semi-Jurist, ein bisschen Redakteur, ein bisschen Künstler und Grafiker. Ich verfüge über eine Mischbegabung, kann ein bisschen zeichnen, ein bisschen schreiben, ein bisschen singen, ein bisschen inszenieren und ein bisschen spielen. Alles zusammen bäckt man dann halt verzweifelt zu einem Theatertalent aus.

Standard: Was fasziniert Sie an der Opernregie?

Bechtolf: Das Ineinandergreifen von Musik und Spiel. Wenn das gelingt, dann ist Musiktheater etwas konkurrenzlos Schönes.

Standard: Wollten Sie selber je Sänger werden?

Bechtolf: Nein. Tänzer wäre ich gern geworden. Gott sei Dank wurde ich es nicht. Sonst säße ich seit dreißig Jahren an irgendeiner Theaterkasse und müsste Karten verkaufen, weil ich mit 34 pensioniert gewesen wäre. Tänzer führen ein hartes Leben, und ich bewundere sie sehr. Auch jetzt bei Ariadne sind fantastische Tänzer aus der Kompagnie und in der Choreografie von Heinz Spoerli zu sehen.

Standard: Warum die Ur-"Ariadne"? Es wird ja Gründe geben, warum sie selten gespielt wird.

Bechtolf: Die Idee hatte Alexander Pereira. Als Opern-Quereinsteiger wusste ich gar nicht, dass es eine andere als die üblicherweise gespielte Fassung von 1916 gibt. Ich sagte Pereira zuerst, dass ich die Urfassung logistisch nicht herstellbar fände, das Stück außerdem zu viele Rollen habe und vergleichsweise unkomisch sei, wenn es derart breitgewalzt wird. Doch es macht Spaß, diese komplexe Geschichte weiterzustricken, Oper, Ballett und Schauspiel sinnvoll ineinanderzufügen. Es ist vergnüglich und witzig und schräg. Man wird alle Musiken hören, die Strauss jemals für dieses Stück schrieb. Wann hat man das schon an einem Abend? Man kriegt Molières Der Bürger als Edelmann als Schauspiel mitgeliefert, den Hofmannsthal eingearbeitet hat. Plus ein bisschen Bechtolf. Aber der Bechtolf ist wirklich erträglich. (lacht) Und natürlich das Ballett.

Standard: Warum gehen Sie in Ihrer ersten Saison als Direktor dieses Zusatzrisiko ein?

Bechtolf: Das Risiko bezieht sich ja immer darauf, was man zu verlieren hat. Ich habe aber nichts zu verlieren. Ich bin zu alt, um hier eine Karriereplattform zu suchen. Hätte ich den Job mit 35 bekommen, würde ich vielleicht darauf schielen, was danach kommt. Bei mir kommt nichts danach. Dann spiele ich wieder.

Standard: Pereira hat mit Rücktritt gedroht, sollten seine Forderungen nicht erfüllt werden. Käme er Ihnen abhanden: Würden Sie bleiben?

Bechtolf: Nein! Er hat mich geholt. Er ist mon général. Wenn er geht, würde auch ich mein Köfferchen packen.

Standard: In Ihrem Köfferchen führen Sie kein Motto für die Festspiele. Warum nicht?

Bechtolf: Das Durchdeklinieren eines Themas ist ja auch eine Marketingmaßnahme. So gut ich auch verstehen kann, dass meine Vorgänger es mit großem Erfolg gemacht haben, so empfand ich es doch immer auch als etwas überambitioniert. Ich glaube, dass Theater ebenso vielfältig und bunt ist wie das Leben. Und das funktioniert nicht nach einem Motto - oder nur sehr kurzfristig. Aber es wird tatsächlich einmal ein Motto-Jahr geben. Welches und wann, verrate ich nicht.

Standard: Ihr Festspielprogramm klingt nach Brautausstattung: etwas Neues, etwas Altes, etwas Geborgtes, etwas Blaues, etwas Buntes - Uraufführung, Klassiker, internationales Gastspiel, Kindertheater, Figurentheater ...

Bechtolf: Ich möchte dem Programm auch ohne Motto eine Struktur verordnen: Kontinuität ist etwas Feines. Es wäre schön, wenn wir jedes Jahr einen Klassiker spielen, mit unterschiedlichsten Künstlern: solchen, die respektlos und sehr subjektiv damit umgehen, und solchen, die sie behutsam erkunden. Ich bin auch überzeugt, dass österreichische Autoren von dem wohl bedeutendsten österreichischen Festival gefördert werden sollten - und zwar kontinuierlich. Figurentheater ist eine ziemlich spannende Szene, wobei der Begriff sehr weit gefasst sein wird. Und auch das Kinderstück steht uns gut zu Gesicht. All das scheint mir ein gutes Gerippe für Muskelaufbau.

Standard: Was erachten Sie am Theater als gelungen?

Bechtolf: Die Bewertung einer Arbeit ist eine sehr subjektive Angelegenheit. Es gibt Arbeiten, die bei falscher Prämisse Aufregendes entwickeln. Und solche, die alles richtig machen und trostlos bieder sind. Richtig und falsch sind keine Kategorien im Theater. Es ist schwer, abstrakt über Theater zu reden, man kann nur über einzelne Aufführungen sprechen. Ich bin ein Feind der doktrinären und dogmatischen Diskussion über Theaterideologien. Für mich persönlich gibt es aber tatsächlich etwas wie eine künstlerische Rechtschaffenheit, auch gegenüber den Autoren.

Standard: Wie rechtschaffen sind Sie gegenüber den Texten Hofmannsthals?

Bechtolf: Na, da bin ich unrechtschaffen. Nein! Bin ich natürlich nicht. Wir bringen ja viel von ihm, stellen es nur in einen anderen Zusammenhang. Das ist viel weniger offensiv, als es mancher Umgang mit diesem Stück schon war. Aber grundsätzlich bin ich der Meinung, dass man sehr gut überlegen muss, ob und warum man die Autonomie eines Autors infrage stellt. Manchmal ist es die Sache wert, aber oft wird Schindluder damit getrieben.

Standard: Sie holen Marionettentheater ...

Bechtolf: ... Figurentheater! ...

Standard: ... nach Salzburg. Hat das, so man Ihrer Biografie glauben kann, damit zu tun, dass Ihr Großvater Marionetten- und Figurentheater machte?

Bechtolf: Ja! Ich lüge zwar gern, aber die Biografie stimmt. (lacht) Dieser animistische, geisterbeschwörerische Aspekt des Theaters hat mich immer fasziniert. Allein der Vorgang der Illusion und Desillusion am Theater wäre schon ein Nachweis seiner Größe. Die Tatsache, dass wir es emphatisch als Wirklichkeit annehmen und darüber weinen und lachen können, ist ja ein Verweis auf die Unterwirklichkeit dessen, was wir Realität nennen.

Standard: Sie sagen immer wieder, dass Sie keinen radikalen Anspruch an das Theater haben. Aber ist Theater nicht immer radikal in dem Sinne, dass es an die Wurzeln geht?

Bechtolf: Ja, ich bin wahrscheinlich ein Ausgründler von Stoffen, gleichzeitig aber ein Theaterpraktiker. Mir gefallen auch Dinge, die heute wenig beliebt sind. Ich kann mit Begriffen wie Schönheit und Anmut etwas anfangen. Ich habe gern, wenn Schauspieler an der Sprache vernünftig arbeiten. Und ich glaube, dass das Musizieren mit Sprache eine unterschätzte und zu Unrecht in Vergessenheit geratene Fähigkeit ist. Das ist womöglich sehr altbacken. Ich interessiere mich für Theater auch in ganz selbstbezüglicher Weise. Was kann dieses Ding alles? Ich habe als Skeptiker kein flammendes Mitteilungsbedürfnis politischer Ausprägung. Insofern bin ich kein Radikaler. Was die "Wurzeln" angeht - natürlich will ich berühren!

Standard: Sie treten zweimal mit der Musicbanda Franui auf. Franui machen auch die Musik zu Händl Klaus' Uraufführung "Meine Bienen. Eine Schneise" - womit sie neben den Wiener Philharmonikern zum meistbeschäftigten Orchester der Festspiele werden.

Bechtolf: Und wie die Wiener Philharmoniker haben auch sie es verdient. (lacht schallend) Wenn man so eine Gruppe vorstellen möchte, dann muss man auch ihre vielen Facetten präsentieren. Erst dann kriegt das Ganze, um ein schreckliches Wort zu verwenden, Nachhaltigkeit. Ich hatte außerdem einfach Lust, etwas, das ich seit vielen Jahren mache, hier zu präsentieren.

Standard: Steht eigentlich bei Gagen- und Budgetverhandlungen der Künstler Bechtolf dem Manager im Wege?

Bechtolf: Ich bin, wenn ich mich nicht gerade als Feingeist geriere, ein ziemlich ruppiger Mensch. Ich verhandle ganz gern. Das scheint genetisch zu sein, ich komme ja aus einer Kaufmannsfamilie.

Standard: Sie spielten die Doppelrolle "Guter Gesell / Teufel". Hätte Sie auch der "Jedermann" gereizt?

Bechtolf: Nein, ich fand den teuflischen Gesellen und den geselligen Teufel interessanter.

Standard: Wie sieht die Zukunft des "Jedermann" aus? Könnten Sie sich eine Pause vorstellen?

Bechtolf: Über die Zukunft des Jedermann werde ich sprechen, wenn seine Gegenwart beendet ist.
(Andrea Schurian, DER STANDARD, 21./22.7.2012)

Sven-Eric Bechtolf (54) spielt seit seiner Ausbildung am Salzburger Mozarteum an den wichtigsten deutschsprachigen Bühnen. Seit 1994 führt der in Darmstadt geborene Künstler auch Theater- und Opernregie. Festspielintendant Alexander Pereira holte Bechtolf als Leiter des Schauspiels nach Salzburg.

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15 Postings
salzenburger fetzenspiele.

mehr ist dazu nicht zu sagen.

Die Arroganz der Arroganzverächter

Diese Kommentare versteh ich nicht. Da kommt mal einer, der dezidierte Ansichten vertritt, die man ja nicht teilen muss, an denen man sich reiben kann, und schon wird ihm Arroganz vorgeworfen. Oder stört es, dass er, anders als viele Gesprächspartner, imstande ist, zwei Sätze in korrektem und sogar elegantem Deutsch in Folge zu formulieren? Arroganz gibt es in Salzburg genug, und meist versucht sie vergeblich, sich hinter allgemeinen, sich anbiedernden Floskeln zu verbergen. Da ist mir doch ein Bechtolf allemal lieber. Schon wahr: er ist ein begnadeter Schnöseldarsteller. Aber das macht ihn ebenso wenig zum Schnösel, wie ihn der Teufel zum Teufel macht. Wahrscheinlich geht das nicht in den Kopf von Leuten, die Charmeure für charmant halten.

Manche hier im Forum

beziehen sich aber auf persönliche Erfahrung.

Persöniiche Erfahrung - wohl wenige oder hat er Sie nicht als Komparse akzeptiert?

DAnn kann ich Ihren Frust verstehen.

und er hat eine eigene Handschrift!

seine Inszenierungen - man kann sie mögen oder nicht - sind eigenständig und ab vom Mainstream.

was für ein unsymapthischer und arroganter mensch

...konnte man eben im kulturmontag wieder erleben, welche plattheiten er mit überzeugung von sich gab -und auf die frage wie er sterben will, meinte er, dass er glaube, dass er nicht sterben wird - und das als kettenraucher - welch lächerlicher schnösel - und
die zukunft der mozartpflege liegt in den nächsten jahren in seinen und franz welser mösts händen...- da freut man sich ja direkt auf den endlich nach jahren der aussperrung von salzburg dort wieder auftretenden weltstar rudi buchbinder...

Arroganz

als Olympische Disziplin

"Sonst säße ich seit dreißig Jahren an irgendeiner Theaterkasse und müsste Karten verkaufen, weil ich mit 34 pensioniert gewesen wäre."

64 also?! hat sich aber gar nicht schlecht gehalten für das alter

In Deutschland scheint Rüpelhaftigkeit inzwischen zur Etikette zu gehören!?

Also dafür dass er es nervig findet über sich selbst zu sprechen ...

spricht er ziemlich viel über sich selbst.

Und das im Land von Fischer-Karwin...

Was kann er für die Fragen von Frau Schurian? Sollte er die Antwort verweigern? Nicht auszudenken, was man ihm (und gleich allen Deutschen dazu) dann erst vorgeworfen hätte.

Arrogantes, egozentrisches Gelaber eines eitlen Halbkünstlers. Die Theaterspielleiterzunft wird in Österreich notorisch überschätzt.

wien kann sich glücklich schätzen von all seinen begabungen momentan verschont zu werden

Nachhaltigkeit, ein schreckliches Wort? Also ich kenn schrecklichere...

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