Die Fackel ist da, der Funke springe über

20. Juli 2012, 17:56
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Am 27. Juli werden die Olympischen Spiele eröffnet - In London hält sich die Vorfreude in Grenzen. Verkehr und Sicherheit bereiten Probleme - Viele Bewohner suchen das Weite

Eines muss man den britischen Gewerkschaften lassen: Sie haben ausgeprägten Sinn für Humor. Kaum hatten sich Londons U-Bahn- sowie Busfahrer eine Olympia-Zulage von bis zu 742 Euro ertrotzt, kündigten die Bediensteten des Innenministeriums einen Warnstreik an für kommenden Donnerstag, den Tag vor Beginn der Olympischen Sommerspiele in der britischen Hauptstadt. Gefährdet ist damit die Passabfertigung am ohnehin stets überlasteten Flughafen Heathrow. "Beschämend" sei das Vorhaben, schäumt Ressortchefin Theresa May. Am Ende dürfte die Ministerin aber nachgeben, ebenso wie die Arbeitgeber jener Lokführer und Schaffner, die Anfang August die wichtige Bahnstrecke zwischen London und Sheffield bestreiken wollen. Schließlich steht das Image Großbritanniens als gut funktionierende Industrienation auf dem Spiel, da kämen TV-Bilder von gestrandeten Passagieren äußerst ungelegen.

Knapp eine Woche vor Beginn der 16-tägigen Sponsorenmesse mit angehängten Wettkämpfen ist nicht nur die olympische Fackel in London angekommen, wo sie nun tagelang die Runde durch die Stadtbezirke macht - allerorten sind im Straßenbild lila und rosa ("mauve") Zeichen aufgetaucht, die eigens aus dem Rest des Landes herbeigeschafften, ahnungslosen Busfahrern den Weg gen Osten weisen sollen, ins East End, wo viele Sportveranstaltungen steigen. Die eigens eingerichteten Olympia-Spuren werden zwar überwiegend erst kommende Woche eröffnet, von den verängstigten Autofahrern aber schon jetzt peinlich gemieden - was den Dauerstau in den engen Straßen der Metropole noch erhöht. Nicht zuletzt deshalb werden viele Familien pünktlich zum Beginn der Sommerferien die Stadt fluchtartig verlassen.

Geschäfte

Stattdessen machen sich Angehörige der "olympischen Familie" bemerkbar. Für solche mit Mandarin-Kenntnissen wirbt ein chinesisches Unternehmen auf städtischen Bussen, ohne Untertitel. Auf Englisch hingegen umwirbt der Handelsstaatssekretär Stephen Green in diesen Tagen vermögende Besucher in der Hoffnung auf lukrative Aufträge. Zu dumm fürs Image, dass sich der ordinierte Pfarrer der anglikanischen Staatskirche gerade kritischen Fragen der Opposition stellen muss: Während Greens Amtszeit als Leiter der globalen HSBC-Bank nutzten Rauschgifthändler die mexikanische HSBC-Dependance zur Geldwäsche.

Auch die ersten Enttäuschten gibt es schon. Dazu gehören die Besitzer des weltweit größten Sicherheitsunternehmens G4S. Dessen Aktie ist um knapp 17 Prozent gefallen, seit die Firma vergangene Woche ihr Versagen bei der Rekrutierung von Olympia-Ordnern einräumen musste. Prestigezuwachs habe man sich von dem prominenten Auftrag erhofft, erläuterte G4S-Chef Nick Buckles dem Unterhaus, "kaum Profit". Stattdessen sind echte Verluste von mindestens 50 Mio. Pfund entstanden, zusätzlich ist der Ruf des Unternehmens ruiniert.

London statt Afghanistan

Für Arbeitslose und Studenten, die G4S zum Stundenlohn von umgerechnet 10,80 Euro beschäftigen wollte, springen nun tausende von Polizisten und 17.000 Soldaten, darunter viele Afghanistan-Veteranen, kurzfristig ein. Deren Schlafquartier Tobacco Dock sei ein "denkmalgeschütztes Warenhaus" , schwärmt das Verteidigungsministerium. Aus dem vorigen Jahrhundert scheinen indes auch die Notliegen zu stammen, auf denen sich die Soldaten Ihrer Majestät erholen dürfen. "Schlimmer als in Afghanistan", gemaulte einer, "dort haben wir wenigstens Betten."

Bitter enttäuscht ist eine Gruppe jugendlicher Bike-Freaks, die bei der Eröffnungsfeier am Freitag das moderne Britannien repräsentieren sollte. Die 33,6 Mio. Euro teure Auftaktveranstaltung unter der Ägide des Filmregisseurs Danny Boyle (Slumdog Millionaire) muss um 30 Minuten verkürzt werden, die Biker wurden gestrichen. Zur Begründung gab Olympia-Staatssekretär Hugh Robertson an, die Besucher müssten " rechtzeitig zum Zug kommen". Und Fahrplanänderungen hätten wohl neuerliche Verhandlungen mit den Gewerkschaften bedeutet. (Sebastian Borger, DER STANDARD, 21./22.7.2012)

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    Mit mehr Skepsis als Vorfreude blickt London den Spielen entgegen, die auch die Tower Bridge in Beschlag nehmen.

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    Auch eine Londoner Angst: dass die Spiele samt der eigens eingerichteten " Olympic Lane" das Verkehrschaos in der Stadt noch erhöhen.

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