"Von mir aus auch das Image Kärntens verbessern"

Interview20. Juli 2012, 17:58
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WAC-Trainer Nenad Bjelica spricht über Tradition, Fußball, Kärnten und die Politik

Standard: Wie ist Ihre Gemütslage vor dem ersten Auftritt in der Bundesliga, der höchsten Spielklasse?

Bjelica: Ich bin angespannt. Wie vor jedem Match, das hat mit der Bundesliga überhaupt nichts zu tun. Für den Verein, die Mannschaft und auch für mich ist es wunderschön, dass die Gegner nun Salzburg, Rapid oder Austria heißen. Ich bin ganz normal aufgeregt, es ist alles im Rahmen.

Standard: Was ist von einem Klub, der den nicht gerade melodiösen Namen RZ Pellets WAC trägt, zu erwarten? Gibt es eine Vereinsphilosophie?

Bjelica: Es ist ein attraktiver, offensiver Fußball zu erwarten. Wir sind im Laufe der Zeit zusammengewachsen und haben uns punktuell verstärkt. Wir werden versuchen, auf Sieg zu spielen, egal wie der Gegner heißt. Das war schon in der Regionalliga so. Man wird sehen, ob das auch gegen die Austria funktioniert.

Standard: Worum geht es im Fußball?

Bjelica: Es geht darum, organisiert und diszipliniert zu spielen. Mit viel Einsatz und Leidenschaft. Bei mir ist die Mannschaft der Star. Jeder, der alles für die Gemeinschaft tun möchte, ist herzlich willkommen. Einzelgänger mit Starallüren sind bei mir zum Scheitern verurteilt, die sind ganz schnell weg. Ich war immer ein Teamplayer. Als Kicker und als Trainer.

Standard: Und worum geht es im Leben?

Bjelica: Du sollst jeden Tag genieße und versuchen, dich weiterzuentwickeln und anderen Leuten zu helfen. Es geht auch darum, dass deine Familie glücklich und gesund ist. Ich bin dankbar, dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte und durfte. Der Fußball ist meine große Liebe.

Standard: Es ist ein Phänomen, dass Aufsteiger im ersten Jahr ganz oben nur selten Probleme haben. Die Admira ist das jüngste Beispiel, sie wurde sogar Dritter. Beruhigt Sie das?

Bjelica: Mich beruhigt meine Mannschaft. Wie sie trainiert, wie sie sich präsentiert, das macht Hoffnung, schafft große Zuversicht. Ich bin überhaupt kein Freund von Statistiken.

Standard: Kärnten ist generell, aber auch fußballerisch schwer einzuordnen. In Klagenfurt verfällt das schönste Stadion in Österreich, Sie haben den Crash des FC Kärnten hautnah miterlebt. Welche Rolle spielt die Politik?

Bjelica: In Klagenfurt hat die Politik immer mitgeredet, das Ergebnis dieser Einmischung sieht man. Es ging nie um Qualität, sondern um Freundschaften. Das kann nicht funktionieren.

Standard: Wie ist der WAC politisch einzuordnen?

Bjelica: In Wolfsberg zählt die Leistung. Wir sind unabhängig, die Politik hat im Fußball auch gar nichts verloren.

Standard: Sie leben schon seit sechs Jahren in Kärnten. Als Kroate haben Sie aber doch auch eine Außensicht. Gegen die halbe Landesregierung ermittelt die Staatsanwaltschaft. Was läuft da schief?

Bjelica: Die Zustände sind äußerst unangenehm fürs ganze Land. Natürlich muss erst die Schuld bewiesen werden. Sind die Urteile aber gefallen, muss man die Moral haben, Konsequenzen zu ziehen. Verliert ein Trainer viermal hintereinander, ist er weg. Politiker versemmeln oder kassieren Geld und bleiben weitere 20 Jahre im Amt. Das geht gar nicht.

Standard: Kann Fußball das Image eines Landes verbessern?

Bjelica: Wir wollen das Image unseres Vereins, dann jenes des Lavanttals, danach von mir aus auch das Image Kärntens verbessern. Dass sich alle Kärntner mit uns identifizieren, ist nicht zu erwarten. In Wolfsberg wurde ja noch nie Bundesliga gespielt. Es freut sich nicht jeder über unseren Erfolg. Das ist menschlich. Neid ist eine menschliche Schwäche. Das hat nichts mit Kärnten zu tun.

Standard: Was ist eigentlich das Schöne, das Positive an Kärnten?

Bjelica: Es ist ein wunderschönes Land mit netten Menschen. Ich kenne Spanien, Kaiserslautern, Wien, natürlich Kroatien. Nach zwei Wochen habe ich mich entschieden, hier ein Haus zu bauen. Ich werde lange bleiben.

Standard: Fußball ist auch eine traditionelle Geschichte. Teams wie Rapid, Sturm oder die Austria haben diesbezüglich Vorteile. Red Bull Salzburg gilt als künstliches Produkt, wird nicht angenommen. Viele Leute freuen sich über Niederlagen. Der WAC hat zwar nicht die Millionen, ist aber auch kein Traditionsverein. Ein Nachteil?

Bjelica: Vielleicht. Wir haben aber von Tag zu Tag mehr Fans. Dass die Massen zu uns strömen, ist nicht zu erwarten. Wir waren ja das ganze Leben in der Unterliga. Jetzt sind wir oben, die Tradition muss wachsen. Wir sind mit Seele und Einsatz dabei. In Klagenfurt wurde alles mit Geld versucht.

Standard: Ist also Red Bull Salzburg zum Scheitern verurteilt?

Bjelica: Ja, sicher. Das große Problem ist, dass sie keine Identität haben. Sie machen alles übers Geld, nicht übers Herz. Trotzdem werden sie in Österreich wieder Meister. Dazu haben sie ausreichend Qualität. (Christian Hackl, DER STANDARD, 21./22.7.2012)

NENAD BJELICA (40) aus Osijek spielte neunmal im Mittelfeld des kroatischen Nationalteams (zwischen 2001 und 2004). Er kickte u. a. für NK Osijek, Betis Sevilla, Las Palmas, Kaiserslautern. 2004 wechselte er zur Admira, 2006 zum FC Kärnten. Dort war er erst Spieler, dann Spielertrainer und bis zur Insolvenz Trainer. 2009 betreute er den FC Lustenau. 2010 heuerte Bjelica beim WAC in Wolfsberg an. 2012 holte der Klub eher überraschend den Titel in der Ersten Liga, der erstmalige Aufstieg in die tipp3-Bundesliga war der Lohn.

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    Nenad Bjelica ist angespannt, das gehört zum Job eines Trainers dazu. Der Kroate setzt auf Herz und Leidenschaft. "Wir werden sehen, ob das gegen die Austria reicht." Das im Fußball eher unbekannte Wolfsberg möchte jedenfalls eine Tradition schaffen.

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