Darabos: "Das ist gefährlich, wenn der Häupl das liest"

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  • "Unser Problem ist: Man kann einen Rettungsschirm nicht so kommunizieren wie ,Ich bin gegen Ausländer'", räumt Darabos ein. Marold fordert von der Politik dennoch: "Seids einmal radikal!"
    foto: standard/fischer

    "Unser Problem ist: Man kann einen Rettungsschirm nicht so kommunizieren wie ,Ich bin gegen Ausländer'", räumt Darabos ein. Marold fordert von der Politik dennoch: "Seids einmal radikal!"

  • "Ich bin ja nicht der burgenländische Marketingbeauftragte, das ist schon der Landeshauptmann."
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    "Ich bin ja nicht der burgenländische Marketingbeauftragte, das ist schon der Landeshauptmann."

  • "Die großen Parteien sind immer so wischiwaschi. Die wollen sich's mit keinem verscherzen."
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    "Die großen Parteien sind immer so wischiwaschi. Die wollen sich's mit keinem verscherzen."

Verteidigungsminister Norbert Darabos und Schauspielerin Eva Maria Marold über gemeinsame kroatische Wurzeln und fehlende Radikalität in der Politik

STANDARD: Welcher ist Ihr liebster Burgenländerwitz?

Norbert Darabos: Das Burgenland hat sich relativ gut entwickelt, sodass diese Witze nicht mehr diese Aktualität haben. Jetzt gibt es eher Witze über andere Bundesländer.

Eva Maria Marold: Stimmt. Ich bin generell eine schlechte Witzemerkerin und -erzählerin. Einer fällt mir ein: Warum fährt im Burgenland bei einer Hochzeit ein Mistwagen vor der Braut? Damit sich die Fliegen nicht auf die Braut setzen.

Darabos: Der ist ein bissl gemein.

STANDARD: Was sagt denn diese Art von Witzen über die Burgenländer?

Darabos: Die stehen für eine Geringschätzung des Burgenlandes, das als jüngstes Bundesland noch in den 1950er-Jahren keine asphaltierten Straßen hatte. Mittlerweile ist man in vielen Bereichen vorne. Ich bin ja nicht der burgenländische Marketingbeauftragte, das ist schon der Herr Landeshauptmann persönlich, aber: Wir haben mittlerweile die meisten Maturanten.

Marold: Auch der Tourismus boomt. Wir haben zwar keine Berge, aber eine Thermenlinie. Das Burgenland hat schon eine enorme Lebensqualität.

Darabos: Wenn das Belächeln zu Neid wird, hat man's geschafft. In meiner Jugend war das anders. Ich bin ja in Wien aufgewachsen. Mein Vater war Maurer, und damals gab es im Burgenland keine Arbeitsplätze. Ich bin also als Pendlerkind in Wien in die Schule gegangen, war hier fünfeinhalb Tage pro Woche, habe mich aber immer als Burgenländer gefühlt. Und ich bin einer der wenigen, die nach dem Studium zurückgegangen sind. Damals, als die Burgenländer nach Wien gekommen sind zum Studieren, haben sie nicht gesagt, dass sie aus dem Burgenland sind. Heute sagen sie es stolz. Auch ein Indikator dafür, dass sich einiges in der Bewertung verschoben hat.

STANDARD: Wie war Ihre Kindheit in der Grenzregion?

Darabos: Ich bin 300 Meter vom Eisernen Vorhang entfernt aufgewachsen. Da war die Welt für uns aus. Wenn wir in Loipersbach oder Schattendorf Fußball gespielt haben, haben uns die ungarischen Grenzsoldaten mit ihren Kalaschnikows zugeschaut. Das war schon beängstigend.

STANDARD: Wie wichtig waren Ihre kroatischen Wurzeln?

Marold: Als Kind war ich zu unreif, es als großes Plus zu sehen, Kroatin zu sein. Ich habe mich nicht viel darum geschert, weil es einfach so normal war. Heute bin ich stolz darauf und pflege das sehr. Ich wünschte, ich hätte besser Kroatisch gelernt. Meine Oma und meine Eltern haben kroatisch mit mir gesprochen, und ich habe deutsch geantwortet. In der Schule wurde Deutsch gesprochen, Kroatisch hatten wir nur als Unterrichtsfach.

Darabos: Ich habe meine persönliche Geschichte in meiner Diplomarbeit aufgearbeitet ("Zum Selbstverständnis der burgenländischen Kroaten in der 2. Republik", Anm.). Das führte fast zu einer Parteiausschlussdebatte. Es hat mir in der damaligen SPÖ ziemlich geschadet, weil die dabei nicht besonders gut wegkommt. Meine Elterngeneration wurde indoktriniert von der Analyse, die führende kroatischsprachige Sozialdemokraten damals - durchaus aus Selbsterfahrung - hatten. Die wurden in Wien ein bissl diskriminiert, wurden depperte Krowotn oder Tschuschn genannt. Dann sind sie ins Burgenland zurückgekommen und haben gesagt: Du musst diese Sprache verleugnen, damit du den sozialen Aufstieg schaffst. Damit war es auch für unsere Generation schwierig, weil viele Eltern so gedacht haben.

STANDARD: Warum haben Sie mit 17 noch einmal Kroatisch gelernt?

Darabos: Ich habe es als Kind gelernt, bis zum siebenten Lebensjahr. Dann bin ich in Wien in die Schule gegangen, da ist das verdrängt worden. Und dann hab ich mir gesagt: Das kann es ja nicht sein. Man kann sich ja nicht selbst verleugnen. Umgekehrt muss es sein: Das ist ein Mehrwert, um dessen Anerkennung man kämpfen muss. Nicht Assimilation ist das Ziel, sondern Integration, aber mit Betonung der eigenen Wurzeln.

Marold: Das gilt auch für Dialekte. Ich finde das dermaßen deppert, wenn ich etwa von einem Kollegen weiß, der Bua is aus Murau oder wos was i, und dann spricht der so ein Burgtheaterdeutsch. Da denk ich mir: O Mann, was ist jetzt mit dir los? Klar, für die Arbeit brauchen wir eine verständliche Sprache. Aber ich habe meinen Dialekt, und der gehört gepflegt.

STANDARD: Haben Sie Ihre Kroatischkenntnisse noch gefestigt?

Marold: Ich lern es jetzt mit Langenscheidt und Hueber-CDs, beim Bügeln und Autofahren, als Hirntraining.

STANDARD: Wie reden Sie zu Hause?

Darabos: Deutsch und kroatisch. Meine Kinder reden mit meiner Frau nur kroatisch und mit mir gemischt. Aber es ist oft so: Wenn ich bei uns ins Wirtshaus gehe, werde ich auf Deutsch angesprochen, und ich antworte auf Kroatisch. Aber die reden trotzdem deutsch mit mir.

Marold: Mit meinen Kindern singen Oma, Opa und Uroma kroatische Volkslieder. Ich rede ein bisserl englisch mit ihnen. Ich finde es sehr wichtig, mehrsprachig aufzuwachsen, besonders wo wir Teil der EU sind.

STANDARD: Können Sie Kroatisch als Politiker nutzen?

Darabos: Ich war vor kurzem beim Croatian Summit, einem Treffen von 18 europäischen Staatschefs. Da gibt es schon einen anderen Zugang zum kroatischen, serbischen und bosnischen Vertreter, wenn man mit denen in deren Muttersprache reden kann. Nur, sie wundern sich ein bisschen über uns, denn dieses Kroatisch, das wir sprechen, ist ja ein archaisches Kroatisch, das heißt, es hat sich über 470 Jahre konserviert ...

Marold: ... Mittelhochdeutsch auf gut Deutsch ...

Darabos: ... und die wundern sich dann über gewisse Begriffe.

STANDARD: Max Frisch fragt in seinem "Fragebogen": Was bezeichnen Sie als Heimat?

Marold: Ich bin in mir selbst Heimat. Heimat ist für mich dort, wo ich bin. Ich weiß, ich bin burgenländische Kroatin. Das nimmt mir keiner, egal wo ich bin. Und ich habe wirklich schon in vielen Teilen dieser Welt gelebt. Und ich habe mich überall wohlgefühlt. Sei es Los Angeles, Ghana oder Sizilien. Ich bin überall zu Hause.

Darabos: Heimat ist für mich, wo ich zu Hause bin: In dem Fall ist das für mich das Mittelburgenland, konkret meine Heimatgemeinde Kroatisch-Minihof. Aber meine Verwandten in den USA ...

Marold: ... das sind wahrscheinlich eh dieselben wie meine. Weil: Meine Oma väterlicherseits ist aus Kroatisch-Minihof ...

Darabos: ...und die sagen, sie sind dort zu Hause. Aber daheim sind sie bei uns. Der Heimatbegriff beinhaltet für mich also schon mehr als Ihre Definition, Frau Marold. Ich als Wien-Pendler muss sagen: Das ist eine tolle Stadt, aber ich habe Wien nie als meine Heimat gesehen. Das ist vielleicht gefährlich, wenn der Häupl das liest.

STANDARD: Noch mal Frisch: Kann Ideologie zu einer Heimat werden?

Marold: Zu einem Gefängnis.

Darabos: Das mag jetzt vielleicht konservativ klingen, aber ich glaube, wenn man sich werteorientiert ein Korsett gibt, ist das okay. Engstirnigkeit ist der falsche Weg. Das haben die Ideologien gezeigt, die Gott sei Dank Vergangenheit sind, wie die kommunistische oder die auf der rechten Seite. Das Wort Ideologie gefällt mir nicht. Ein Wertesystem ist okay.

Marold: Ideologie ist ein patschertes Wort. Das ist so ein Korsett, in das man sich hineinzwängt. Mit Lebensphilosophie kann ich mehr anfangen. Ideologie hat so etwas Statisches: Auch wenn sich rund um mich die Welt verändert, darf ich von dem nicht abweichen.

Darabos: Im politischen Bereich ist es gut, wenn es ein Koordinatensystem gibt. Die Zugänge müssen sich aber ändern. Weil man nicht mit dem Parteiprogramm des Victor Adler die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bewältigen kann. Aber manche Leute brauchen eine Orientierung ...

Marold: ... da wird dann oft Religion zur Heimat. Oder zur Ideologie. Wenn es die Politik nicht mehr zusammenbringt, bekommen die Kirchen Zulauf.

STANDARD: Aber nicht die katholische.

Marold: Nein, weil die an einer Ideologie festhält, die nicht funktioniert im 21. Jahrhundert.

Darabos: Die katholische Kirche hält an überholten Formeln fest. Da kommt es automatisch zu einem Vertrauensverlust. Man muss sich ja nicht verbiegen. Aber wenn man nicht flexibel genug ist, zu adaptieren und auf die Interessen der Leute zu hören, führt das bei Parteien zum Wählerverlust, bei der Kirche zu Austritten.

STANDARD: Wo fehlt der SPÖ die notwendige Adaptionsfähigkeit?

Darabos: Ich glaube, dass wir uns schon einigermaßen bewegt haben. Aber wir haben sicherlich noch einen großen Aufholbedarf. Das Problem der Sozialdemokratie ist derzeit eher, dass die Leute das Gefühl haben, die Börse bestimmt und nicht die Politik.

Marold: Die Parteien trauen sich nicht, unpopuläre Maßnahmen zu setzen. Und die mit inkorrekten Parolen haben den großen Zulauf, weil sie sich einfach etwas trauen. Die großen Parteien sind immer so wischiwaschi. Die wollen sich's mit keinem verscherzen, damit sie keine Wähler verlieren. Damit verlieren sie aber die Glaubwürdigkeit. Meiner Meinung nach wird die Politik gänzlich von der Wirtschaft bestimmt. Da sind keine großen Ideologien mehr dahinter. Die Ideologie ist: nur ja nicht Unpopuläres machen, damit ich keine Wähler verliere.

Darabos: Da muss ich jetzt Einspruch erheben, weil: Die Geschichte mit dem Rettungsschirm ist ja keine populäre, aber eine notwendige Maßnahme, ist Verantwortung. Die anderen brauchen keine Verantwortung tragen, sie machen trotz besseren Wissens populistische Oppositionspolitik. Logisch. Unser Problem ist: Man kann einen Rettungsschirm nicht so kommunizieren wie "Ich bin gegen Ausländer".

Marold: Am Sonntag hab ich mir beim Bügeln die Pressestunde angeschaut. Da zieht's mir alles zam. Die reden und reden und reden, und ganz Europa läuft ins offene Messer. Nicht einmal, sondern wir nehmen noch dreimal Anlauf. Dann hab ich umgeschaltet und habe mir eine Schlagersendung mit Jürgen Drews angeschaut. Weil: Die Leute wollen sich unterhalten. Alles andere regt sie dermaßen auf. Immer dieses Diskutieren. Seids einmal radikal! Für meinen Job ist es gut. Weil: Die Leute wollen Leichtigkeit sehen, damit sie wieder gute Laune haben. Die wollen unterhalten werden. (Karin Riss, DER STANDARD, 21.7.2012)

NORBERT DARABOS (48) ist das Kind zweier Wien-Pendler aus dem burgenländischen Kroatisch-Minihof. Dorthin fährt er fast jeden Tag von der Rossauer Kaserne nach Hause. Darabos studierte Geschichte und Politikwissenschaften und wurde kurz nach seinem Zivildienst Landesleiter des Dr.-Karl-Renner-Instituts Burgenland. 2003 wechselte als SPÖ-Geschäftsführer in die Bundespolitik, 2007 machte ihn Alfred Gusenbauer zum Verteidigungsminister. Darabos ist verheiratet und hat zwei Kinder (17 und 19 Jahre).

EVA MARIA MAROLD (43) kommt aus Hornstein im Burgenland. Bevor die Schauspielerin (u. a. Soko Kitzbühel) und Kabarettistin (derzeit: Working Mom; immer freitags: Was gibt es Neues? im ORF)) mit kroatischen Wurzeln nach Wien zog, lebte sie mehrere Jahre in Los Angeles, Sizilien und Ghana. Dort adoptierte sie 2009 ihren heute siebenjährigen Sohn. Ein eigener Sohn folgte im selben Jahr. Im Oktober veröffentlicht die alleinerziehende Mutter ihren ersten Roman im Amalthea-Verlag: Zu wahr, um schön zu sein.

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