"Der Steuerzahler zahlt dabei natürlich drauf"

Interview20. Juli 2012, 18:06
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Für unbefristete Angestellte hat die Globalisierung zu einem Abbau an Rechten geführt. Leiharbeiter und befristete Mitarbeiter profitierten

STANDARD: Sie haben sich mit den Auswirkungen der Globalisierung auf Arbeitnehmerrechte beschäftigt. Ihre Erkenntnisse? Kommt es zum oft befürchteten Abbau?

Fischer: Man muss unterscheiden zwischen dem regulären und dem irregulären Arbeitsmarkt. Regulär sind die unbefristet Angestellten, irregulär die Befristeten und Leiharbeiter. Bei der ersten Gruppe ist es auf alle Fälle zu einer Abnahme von Arbeitnehmerrechten gekommen. Der internationale Wettbewerbsdruck nimmt zu. Die Öffnung hin zu den Weltmärkten zwingt die Firmen dazu, die Arbeitskosten zu senken, was wiederum dazu führt, dass die Industrie für die Deregulierung heftig lobbyiert.

STANDARD: Im irregulären Bereich trifft das aber nicht zu? Befristete Arbeitskräfte und Leiharbeiter haben also von der Globalisierung profitiert?

Fischer: Ja. Ein Grund dafür ist die politische Dimension der Globalisierung. Also die Einbindung der Staaten in internationale Vertragswerke, aber auch in die EU. Dazu kommt die soziale Dimension der Globalisierung. Der Informationsaustausch, die Vernetzung, das Kennenlernen der Situation in anderen Ländern - das alles führt dazu, dass der Schutz der Arbeitnehmer im irregulären Sektor gestärkt wird. Hier gibt es also einen gegenläufigen Trend.

STANDARD: Ihre Erklärung dafür?

Fischer: Mein Ko-Autor Frank Somogyi und ich sprechen von "linkage politics". Die Bevölkerung, die mehrheitlich aus Arbeitnehmern besteht, ist eigentlich gegen Deregulierung. Der Politiker erkauft sich aber die Akzeptanz der Deregulierung im einen Segment durch die Stärkung der Arbeitnehmerrechte im anderen, ökonomisch weniger wichtigen Segment.

STANDARD: Anhand welcher Kriterien machen Sie das fest?

Fischer: Dem Index für Arbeitnehmerrechte der OECD und der Internationalen Arbeitsorganisation ILO liegen diverse Kriterien zugrunde: Wie stark ist der Kündigungsschutz? Sind Massenentlassungen grundsätzlich erlaubt? Besonders im irregulären Arbeitsmarktsegment wird zusätzlich gefragt: Dürfen Kurzzeitverträge nur in bestimmten Sektoren eingesetzt werden? Gibt es eine maximale Anzahl für deren Verlängerung? Gibt es Bestimmungen, dass Leiharbeiter bei der Entlohnung gleich behandelt werden müssen wie die Stammbelegschaft?

STANDARD: Kann man wirklich von Verbesserungen sprechen? Schließlich wären Phänomene wie Leiharbeit und Kurzzeitverträge vielleicht ohne Druck der Globalisierung gar nicht aufgekommen?

Fischer: Den Einwand verstehe ich. Man muss aber überlegen, was mit den Leuten wäre, wenn es dieses Segment nicht gäbe. Da gibt es zwei Sichtweisen. Die eine: Die würden gar keine Arbeit finden, weil sie nur die Auftragsspitzen abdecken. Die zweite: Wegen Missbrauch von Kurzzeitverträgen werden die regulären Arbeitskräfte verdrängt. Es gibt zwar empirische Evidenz, dass ein gewisser Prozentsatz tatsächlich verdrängt wird. Aber: Leiharbeiter werden nur selten fix übernommen. Das ist ein Indiz dafür, dass sie tatsächlich nur Spitzen abdecken.

STANDARD: Für Ihre Studie hatten Sie nur Daten bis 2008. Glauben Sie, dass sich der Trend in den vergangenen Jahren geändert hat?

Fischer: Nein, eher im Gegenteil - wie auch das neueste EuGH-Urteil zu Kettenarbeitsverträgen zeigt. Die Staaten versuchen verzweifelt, die schlecht Ausgebildeten durch indirekte Lohnsubventionen in Beschäftigung zu bringen. Dabei entsteht durch diese staatlichen Sozialtransfers ein Working-Poor-Phänomen - der Steuerzahler zahlt dabei aber natürlich drauf. Das ist langfristig keine vernünftige Politik.

STANDARD: Die Frage ist, ob es eine Alternative gibt.

Fischer: Es wird mittlerweile - auch von konservativen Regierungen, etwa in der Schweiz und in Deutschland - immer heftiger diskutiert, ob sich in Europa nicht eine Mehrheit für Mindestlöhne findet. Die Angst war immer, dass die Arbeitslosigkeit bei schlecht Ausgebildeten durch Mindestlöhne steigen würde. Die Wissenschaft geht heute aber eher davon aus, dass das nicht der Fall ist. In Österreich gibt es in über 90 Prozent der Branchen kollektivvertraglich abgesicherte Mindestlöhne, was vorbildlich ist. Aber in Deutschland haben wir in den modernen, neuen Industrien oft gar keine Kollektivverträge mehr. (Günther Oswald, DER STANDARD, 21./22.7.2012)

Justina Fischer (41) ist Senior Research Fellow am World Trade Institute der Uni Bern und Gastprofessorin an der Universität von Oradea.

  • In Deutschland gibt es in vielen Bereichen keine Kollektivverträge. Dabei 
seien Mindestlöhne besser als Lohnsubventionen an die Firmen, sagt die Ökonomin 
Justina Fischer.
    foto: privat

    In Deutschland gibt es in vielen Bereichen keine Kollektivverträge. Dabei seien Mindestlöhne besser als Lohnsubventionen an die Firmen, sagt die Ökonomin Justina Fischer.

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