Dumme Idee von der Dummheit der Roma

Norbert Mappes-Niediek
21. Juli 2012, 10:42

Was an den Vorurteilen über die Zuwanderer stimmt - und was nicht

Der langjährige Balkan-Berichterstatter Norbert Mappes-Niediek hat ein Buch über Roma in Osteuropa geschrieben. Was an den Vorurteilen über die Zuwanderer stimmt - und was nicht. Ein Auszug daraus.

Andere Minderheiten, wird ein gewandt, begreifen die widrigen Verhältnisse als Herausforderung und fordern vom Staat eine angemessene Ausbildung ein, wenn sie sie nicht gar selbst organisieren. Widrige Verhältnisse dienen dazu, die Spreu vom Weizen zu trennen. So wird neuerdings in einigen westlichen Ländern, zum Beispiel in Deutschland und den Niederlanden, gegenüber Migranten argumentiert: Türken und Araber, heißt es dann, nehmt euch ein Beispiel an den eingewanderten Vietnamesen und Chinesen! Die nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand! Die Roma aus Osteuropa gehören dabei selbstverständlich zur Spreu. Wer sich den toughen Lebensregeln der Zuwanderungsgesellschaft nicht unterwirft, hängt entweder einer rückständigen, irrationalen Kultur an, oder es mangelt ihm einfach an Intelligenz.

Westliche Gesellschaften geben, wenn sie sich auf diese Logik einlassen, ihren moralischen Vorsprung gegenüber den offen Diskriminierenden im Osten bereitwillig preis. Sogar die Abschiebung von Roma-Kindern in Sonderschulen, die in Rumänien gerade überwunden wurde, hält in einigen entwickelten Demokratien Westeuropas wieder Einkehr. Das schlichte Argument dafür ist, dass Roma eben dümmer seien als andere.

Minderbegabung an der Grenze zur Debilität?

Geistiger Vater dieser These ist der Leipziger Intelligenzforscher Volkmar Weiss. Er beruft sich wiederum auf zwei umstrittene Amerikaner, Richard Herrnstein und den schon zitierten Charles Murray, die 1994 zum Entzücken rechter Republikaner die mindere Intelligenz der Schwarzafrikaner meinten bewiesen zu haben. Der Deutsche Weiss errechnet für die Roma einen "mittleren Intelligenzquotienten" von 85 - Minderbegabung an der Grenze zur Debilität also. Der Mühe, auch nur ein Roma-Kind auf seine Intelligenz zu testen, hat Weiss sich gar nicht erst unterzogen. Auf die Zahl kommt er vielmehr indirekt. Viele Roma gehen auf Sonderschulen, wenige auf die Universität. Man nehme also den Durchschnitts-IQ von Sonderschülern und den von Studenten und lege ihn auf den Roma-Anteil in beiden Schulformen um. So kommt man auf 85 - ein Ge dankengang, der für einen Intelligenzforscher als ungewöhnlich gelten muss.

Dass Roma-Kindern eben ungeachtet ihrer wirklichen Intelligenz pauschal Dummheit unterstellt wird und dass ihre Eltern sich gegen die Klassifizierung vielleicht gar nicht wehren können oder dass man Kinder auch aus anderen Gründen als wegen ihrer niedrigen Intelligenz auf Sonderschulen schicken könnte, das alles kommt dem Forscher überhaupt nicht in den Sinn. Trotzdem erfreuen sich die Konstruktionen großer Beliebtheit. Ein noch etwas gröberes Muster hat der tschechische Forscher Petr Bakalár popularisiert: Obwohl von der "Rasse" her "europid", habe sich unter den Roma eine "negroide" Selektion der Gene entwickelt, die zu niedriger Intelligenz führe.

Pauschale Unterstellung

Manche Forscher geben sich zur Untermauerung ihrer These von der Dummheit der Roma mehr Mühe; wenn auch wohl nicht genug. Ein Team aus kanadischen und serbischen Wissenschaftern testete wirklich 323 Roma in drei verschiedenen Siedlungen in Serbien auf ihre Intelligenz und kam auf einen Durchschnitts-IQ von 70. Aussagekräftig im Sinne der Volkmar-Weiss-Anhänger wäre das Ergebnis allerdings nur, wenn die Forscher eine ethnisch-serbische Vergleichsgruppe mit ähnlicher Bildung, ähnlichem Einkommen und ähnlicher Wohnsituation gefunden hätten. Auch sonst ist ihre Studie nicht frei von Absurditäten: So werden die serbischen Roma aus genetischen Gründen zu den "Südasiaten" gerechnet, und die Autoren schreiben, die Roma hätten sich seit ihrer Ankunft in Europa "mit eingeborenen Europäern meistens nicht vermischt" - eine kühne Behauptung, die gerade von genetischen Studien widerlegt wird. Sie wollen auch sicher nur die reine Intelligenz getestet haben, sonst nichts: Auf "kulturelle Effekte" fanden sie "keinen Hinweis".

Dabei springen diese kulturellen Effekte schon dem Laien ins Auge. Drei von vier zitierten Fragekomplexen sind rein sprachlich: die Definition von Substantiven, die Suche nach gegensätzlichen Adjektiven, der Test auf das Sprachgedächtnis. Wie und wie viel die Getesteten überhaupt mit Sprache umgehen, und mit welcher Sprache, gibt den Forschern nicht zu denken. Beim Zeichentest bleibt unberücksichtigt, ob die Probanden mit Papier und Stift je zu tun hatten. Wer kulturelle oder soziale Besonderheiten von "reiner" Intelligenz unterscheiden will, muss schon etwas mehr Fantasie entwickeln. In einem slowakischen Test sollten Roma-Kinder zum Beispiel eine Vase zusammensetzen. Dass Kinder, die keine Vase im Haus und möglicherweise nie eine gesehen haben, dabei benachteiligt sein könnten, kam den Psychologen nicht in den Sinn. Dabei ist die Problematik solcher Tests der Wissenschaft sehr wohl bekannt. Sie produzieren sogenannte "scheinbar zurückgebliebene" (pseudo-retarded) Kinder, die außerhalb des Tests keinerlei Schwierigkeiten haben, ihren Alltag zu bewältigen.

Testsituationen

Natürlich bemühen sich Forscher, die ganzen Völkern und Bevölkerungsgruppen Dummheit nachweisen wollen, um kulturbereinigte Tests, die bei allen Menschen auf der Welt unabhängig von ihrer Lebenssituation gleich aussagekräftig sein sollen. Aber den wichtigsten kulturellen Effekt kann auch der beste Test nicht ausschalten: Wer Testsituationen kennt, zum Beispiel aus der Schule, geht anders mit ihnen um.

Wer so etwas nicht kennt, stellt sich nicht so gut darauf ein, zeigt weniger Interesse, ist ängstlicher, arbeitet weniger effizient und gibt schneller auf. Das ficht die interessierten Intelligenzforscher nicht an. Im Bestreben, das Einkommens- und Entwicklungsgefälle auf der weiten Welt auf angeblich ererbte Intelligenzunterschiede zurückzuführen, zeichnen sie inzwischen ganze "Weltkarten der Intelligenz", auf denen der Grips in Ostasien, die Dummheit dagegen in Afrika zu Hause ist. Westeuropa und die USA liegen danach nur deshalb nicht an der Weltspitze, weil sie so viele dumme Einwanderer ins Land gelassen haben.

Der Teufel steckt bei solchen verblüffenden Forschungsergebnissen allerdings im Detail. So wunderten sich Wissenschafter darüber, wie mühelos vierjährige Kinder in China mit dreistelligen Zahlen hantieren, während bei gleichaltrigen Europäern spätestens bei der Zahl Fünfzig Schluss ist - bis sie darauf kamen, dass Zahlwörter im Chinesischen viel leichter zu bilden sind als in den indoeuropäischen Sprachen.

Was Intelligenz eigentlich ist, gerät gar nicht ins Blickfeld der Forscher; sie tun so, als handele es sich um eine objektive Größe, die man wie die weißen Blutkörperchen unter dem Mikroskop zählen kann und die von Bildung, Stimulation und den Erfordernissen der Lebensumwelt ganz unabhängig wäre. Intelligenz ist aber die Fähigkeit, mit Problemen fertigzuwerden, und Probleme kann man sehr verschiedene haben, je nachdem, wie und wo man lebt. Würde man zehn Franzosen und zehn Mauretanier in die Wüste Wasser suchen schicken, sähen die Franzosen wahrscheinlich ziemlich dumm aus. Für die Mauretanier aber wäre es ein passabler Intelligenztest. (DER STANDARD, Album, 21./22.7.2012)

Norbert Mappes-Niediek, "Arme Roma, böse Zigeuner". 17,40 / 208 Seiten. Ch.-Links-Verlag, Berlin 2012. Erscheint Ende Juli

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D. h. natürlich nicht, dass es keine neutralen Studien und Forschungsergebnisse gibt, die unabhängig von den oben genannten Faktoren entstanden sind. Aber sie sind leider in der Minderheit.

mMn ist der ganze wissenschaftliche Laden von den Bakterien der Profitgier, der Ruhmsucht, des Selbsterhaltungstriebs von hinten bis vorne verfault.

Irgendwo und Irgendwann wird entschieden, dass diese oder jene Theorie eines Denkers/Pionier die richtig(st)e ist - nicht selten im Einklang mit dem jeweils vorherrschenden Weltbild.
Fortan geht es darum, diese zu untermauern (Parteilinie, Angst vor Ausgrenzung), aber gleichzeitig möglichst viele Unterschiede im Detail zu finden (Existenzberechtigung von Doktorarbeiten, persönliche Profilierung). Dazu kommt das undurchsichtige Sponsoring. Natürlich werde ich einem spendablen Mäzen, der das von meinem klammen Budget ausgehungerte Instutit ausrüstet oder Forschungsvorhaben finanziert, im Zweifelsfall nach dem Mund reden, wenn er es von mir verlangt.

Ich finde Intelligenztest sowie eine Katastrophe

weil ERSTENS nur ein bestimmte Muster der Intelligenz gemessen werden - es ist klar, dass Kinder, die in "intellektuelleren" Verhältnissen aufwachsen, Übungen, wo es um Kombinieren oder Transfer geht oder gar um Allgemeinwissen, allgemein besser beherrschen als andere -
ZWEITENS führt es bei den Betroffenen entweder zu Hybris oder Minderwertigkeitskomplexen.
DRITTENS werden die Menschen auf diese Weise in homogene Gruppen eingeteilt, bzw. die die Absicht ist ja von vorne herein nichts anderes. Dann wird eine "wissenschaftliche Studie" durchgeführt - wer weiß von wem (mit-)finanziert - und siehe da, die die selbst aufgestellte Prophezeihung erfüllt sich.

Über die Roma gibt es einiges zu sagen - aber

solche Studien im wissenschaftlichen Gewande brutaler Rassismus, moralisch für mich schlimmer als ein rassistischer Unterschichtenmob.

Ich durfte im Studium einmal Bekanntschaft mit der Theorie von der "Evolutionspädagogik" machen, wo Thesen wie diese ausgebreitet werden:

"Wenn sich Menschen verschiedener genetischer Ausstattung bzw. Phänotypen (d. h. Aussehen) stärker vermischen, können sie sich - natürlich physikalisch- biologisch gesehen - nicht mehr so leicht erkennen, was die Überlebenschancen der Gruppe schwächt ...

Ich glaubte mich trifft der Schlag. Und als ich in der Prüfung meinen Unmut über diese Evolutionspädagogik geäußert habe, stand meine "wissenschaftliche Neutralität" auf dem Prüfstand.

Wie oft wird denn hier noch diese [fragwürdige] Anekdote mit dem Vase-Aufnahmetests rezitiert?
Dieser Themenkreis "Eigene Schule für Romakinder" hat mit den IQ-Tests rein gar nichts zu tun.

Dass man sich aus ideologischen Gründen auf jeden Hinweis stürzt, um diesen Tests Eurozentrismus zu unterstellen, ist ja noch verständlich, aber man möge dann wenigstens den IQ-Test diskutieren - und nicht eine ganz andere Aufnahmeprüfung für eine Schule. Der Artikel ist einfach unrichtig.

Auf Evidenz, die das Dogma, dass alle Populationen die gleiche IQ-Verteilung haben, stützt, warten wir noch.

"Auf Evidenz, die das Dogma, dass alle Populationen die gleiche IQ-Verteilung haben, stützt, warten wir noch."

Und vor allem auf eine Erklärung für die Annahme, dass hier die evolutiven Mechanismen der Differenzierung außer Kraft gesetzt sein sollen.

Welche unsichtbare Hand sorgt dafür, dass die Erwartungswerte beim IQ (anders als bei allen anderen Merkmalen) quer durch alle Populationen konstant gehalten werden?

Interessant ist ja auch, dass hier in gewisser Weise Positionen der extremsten Rassisten "Rassen sind unterschiedlich und deswegen unterschiedlich viel wert" übernommen werden:
Es wird ja argumentiert: "Es gibt keine unterschiedlichen Populationen. Menschen sind alle gleich und deshalb(sic!) gleich viel wert". Diese Ableitung und Koppelung der Menschenwürde an/aus der Menschengleichheit ist mE eine impulsive Kurzschluss-Gegenreaktion, die sich immer dann rächen muss, wenn echte Differenzen gefunden werden.

Die einzig vertretbare Position ist doch, dass (bei allem unterbewussten Nepotismus) "Menschen - ob gleiche Eigenschaften oder nicht ist völlig irrelevant - immer als Menschen den größten Wert an sich haben".

Ähnlich mE auch zahlreich

Sehr richtig beobachtet:

Das offen rassistische Argument (A):

Prämisse 1: Empirische Unterschiede im IQ implizieren Wertunterschiede (Prinzip)
Prämisse 2: Empirische Unterschiede im IQ sind vorhanden (Befund)
Konklusion: Also sind Wertunterschiede vorhanden

Das versteckt rassistische Argument (B):

Prämisse 1: Empirische Unterschiede im IQ implizieren Wertunterschiede (Prinzip)
Prämisse 2: Empirische Unterschiede sind nicht vorhanden (Befund)
Konklusion: Also sind Wertunterschiede nicht vorhanden.

Indem beide Positionen das rassistische Prinzip teilen, sind sie beide prinzipiell rassisitisch. Position B versucht nur verzweifelt, mit Prämisse 2 gegezusteuern, um die Konklusion von A zu verhindern anstatt, wie es richtig wäre, das Prinzip aufzugeben.

Wie immer, schön auf den Punkt gebracht.

Auf das Gegenteil aber auch - daswird in der Diskussion nur leider gerne verschwiegen!

Die ganze "The Bell Curve" - Debatte haben Sie wohl verschlafen?

heißt das jetzt

die Roma werden von ihren sozialen Verhältnissen "dumm" gehalten?

Und der Vergleich mit dem Wasser in der Wüste zwischen Franzosen und Mauretaniern ist im Fall der Roma, die immerhin im selben Gebiet leben wie die restliche Bevölkerung, nun bestenfalls polemisch

Tja das Personal ist noch da.

Der Richter und Staatsanwalt Gnadenlos, der Polizist, der strange Wissenschafter, der Mob.

Alles noch da. Man wartet halt auf einen Regisseur und dann heists "keine Details bitte wie heisst das Stück".

...

na sowas es gibt verdecktes wissen...

Ich finde es immer wieder amüsant, wenn fachfremde Publizisten den einschlägigen Wissenschaftlern erklären wollen, warum diese nichts von ihrer Arbeit verstehen.

Zur freundlichen Kenntnisnahme:

http://www.udel.edu/educ/gott... stream.pdf

Aber das sind sicher alles alte N*zis, gell?

Nein, das ist sehr unwahrscheinlich.

Aber in welcher Weise wiederspricht diese Erklärung jetzt den Kritikpunkten der APA (American Psychological Association) und der Kritik an der Methodik der Bell Curve?

Und zu den Vorwürfen gegenüber Volkmar Weiss fällt Ihnen nichts ein?

Am besten wäre wohl, das Peer-review-Vefahren bei allen Studien, die Intelligenzunterschiede betreffen, würde auf Journalisten wie den Hernn Mappes-Niediek oder Irene Brickner übertragen. Kompetenz und Fachkenntnis werden heute ohnehin massiv überbewertet. Dann wäre wenigstens sichergestellt, dass wissenschaftliche Publikationen immer mit den ideologischen Vorgaben der Policital Correctness übereinstimmen. Und nur das zählt ja letzten Endes.

"Peer review"

"Wissenschaftlich" heißt doch nur, dass man die Entwicklung seiner Gedanken einer bestimmten Methodik unterwirft. Vorurteile und falsche Schlüsse kann man auch dann aufspüren, wenn sie sich mit einem Anmerkungsapparat und Zitaten aus der Forschung gegen kritische Beurteilung gewappnet haben. Und was sich Volkmar Weiss mit seinem Roma-IQ von 85 geleistet hat, ist ein klassischer Zirkelschluss.

...

schade ich will es gar nicht nachweisen, treffe aber unter den akademikern eine uebersignifikante iq 85 gruppe... ich mag das nicht, wenn man schmiert auf die eine oder andere art steigt aber die iq automagisch auf 130 - es duerfte hier eine gewisse flexibilisierung des begriffes validitaet vorherrschen, der der wertentwicklung eines bioapferls bei einem grenzlandbauern bis zu der in einem wiener biogeschaefts aehnlich ist...

Forscherinnen dürfen nicht an solchen Studien teilnehmen, weil im Zuge der Gleichberechtigung die allgemeine Intelligenz gesunken ist:).

Ich bin nun wahrlich niemand, der mit dem Wort "Rassismus" leichtfertig umgeht, im Gegenteil, mich stört der inflationäre Gebrauch hiervon massiv. Aber in diesem Fall sehe ich eigentlich wirklich PUREN Rassismus und finde, dass diese "Studien" nun wirklich den Weg ebnen für eine neue (die eigentlich eine alte Form ist, denn auch die Nazis haben ihre Rassenideologie u.a. auf diese Art und Weise begründet) Form des Rassismus. Abgesehen von den vielen (im Artikel angeführten) unkontrollierbaren Parametern finde ich den Schluss von der Gesamtheit auf dein Individuum einfach als grundliegend falsch. Dazu sind wir Menschen einfach zu unterschiedlich, samt Begabungen, Intelligenz und Charakterstärken- und Schwächen.

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