Die Überlegenheit des Untergewichtigen

20. Juli 2012, 16:43
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Bradley Wiggins ist sich schon vor dem Zeitfahren am Samstag sicher, dass er am Sonntag auf dem Pariser Prachtboulevard Champs-Elysees als erster Brite die Tour de France gewinnen wird. Großen Anteil daran hat auch Christopher Froome, sein Edelhelfer bei Sky.

Brive-la-Gaillarde - Zweifel an seinem Triumph lässt Bradley Wiggins gar keine mehr aufkommen. "Sie können Ihr Haus darauf wetten, dass ich einen solchen Vorsprung nicht mehr hergebe", sagte der 32-jährige hagere Brite. Dabei steht am Samstag noch das entscheidende Einzelzeitfahren über 53,5 km nach Chartres an.

Das überbordende Selbstbewusstsein des Dominators kommt nicht von ungefähr. Schon das erste Zeitfahren auf der 9. Etappe nach Besancon ist eine Beute des dreifachen Bahnrad-Olympiasiegers geworden. Kann Wiggins, wovon auszugehen ist, seine schärfsten Konkurrenten auf Distanz halten, ist am Sonntag die Krönungsetappe nach Paris der Lohn. Das gelbe Trikot wird nämlich bei der Tour d'Honneur in Richtung Champs-Elysees traditionell nicht mehr attackiert, der Gesamtführende kann sich schon während der Fahrt einen Schluck Schampus gönnen.

Seit der siebenten Etappe fährt Wiggins in Gelb. Die Berge der 99. Tour de France hat er auch dank seines bärenstarken Teams Sky, für das auch der einzige Österreicher Bernhard Eisel fährt, unbeschadet überstanden. Die relativ flache Überführungsetappe am Freitag über 222,5 km von Blagnac nach Brive-la-Gaillarde war erst recht kein Problem, der Tour-Favorit geht mit 2:05 Minuten Vorsprung auf seinen Teamkollegen Christopher Froome und 2:41 auf den Italiener Vincenzo Nibali (Liquigas) ins Finale. Den Etappensieg holte sich Wiggins Teamkollege Mark Cavendish im Sprint.

Das Gefühl, als erster Brite in der 109-jährigen Geschichte die Tour de France gewonnen zu haben, stellte sich bei Wiggins schon am Donnerstag nach der Bergankunft in Peyragudes ein. Nibali musste als letzter direkter Konkurrent des Sky-Duos Wiggins und Froome auf den letzten Kilometern abreißen lassen. "In dem Moment, als wir die Ziellinie überquerten, wusste ich, dass es das jetzt war", sagte Wiggins.

Für diesen Traum hat der Brite mit den rötlichen Koteletten hart gearbeitet. Für den Umstieg von der Bahn auf die Straße mutierte der muskulöse Athlet zum Asketen. Um die höchsten Pässe mit viel Kraft, aber auch möglichst wenig Gepäck zu schaffen, speckte der 1,90 Meter große, sechsfache Bahnradweltmeister ab. "Er hat acht bis neun Kilo im Vergleich zu seiner Zeit auf der Bahn abgenommen", schätzt sein ehemaliger deutscher Teamkollege Rolf Aldag, der 2008 mit Wiggins beim US-Team Highroad radelte. Der Brite aus Kilburn bei London hält sein Idealgewicht bei rund 69 kg - ein Wert, den der Body-Mass-Index (BMI) " untergewichtig" nennt.

Froome und der Job

Der Rundfahrtsieger hätte auch Christopher Froome heißen können. Der 27-jährige Brite stellte sich aber ganz in den Dienst des Sky-Kapitäns. Mehrmals musste er in den Bergen auf seinen Chef Wiggins warten. "Ich mache nur meinen Job", sagte er. 2013 erwartet Froome eine Revanche. " Wiggins ist ein Ehrenmann, er wird mich für meine jetzige Arbeit entlohnen." Vor 15 Jahren gab es eine ähnliche Konstellation: 1996 führte Jan Ulrich Kapitän Bjarne Riis zum Toursieg. Ein Jahr später ließ Riis seinen Helfer ziehen - Ulrich gewann seine einzige Tour. Beide Profis gaben nach ihrer Karriere Doping zu. (krud, sid, DER STANDARD, 21./22.7.2012)

18. Etappe: Blagnac - Brive-la-Gaillarde (222,5 km): 1. Mark Cavendish (GBR) Sky 4:54:12 Std. - 2. Matthew Goss (AUS) Orica GreenEdge - 3. Peter Sagan (SVK) Liquigas-Cannondale - 5. Luis-Leon Sanchez (ESP) Rabobank - 5. Nicolas Roche (IRL) Ag2r - 6. Tyler Farrar (USA) Garmin-Sharp - 7. Borut Bozic (SLO) Astana - 8. Sebastien Hinault (FRA) Ag2r - 9. Daryl Impey (RSA) Orica GreenEdge - 10. Samuel Dumoulin (FRA) Cofidis alle gleiche Zeit. Weiter: 19. Bradley Wiggins (GBR) Sky 4 Sek. zurück - 22. Chris Froome (GBR) Sky - 27. Vincenzo Nibali (ITA) Liquigas alle gl. Zeit - 141. Bernhard Eisel (AUT) Sky 8:54

Gesamtwertung: 1. Wiggins 83:22:18 Std. - 2. Froome 2:05 Min. zurück - 3. Nibali 2:41 - 4. Jurgen van den Broeck (BEL) Lotto 5:53 - 5. Tejay Van Garderen (USA) BMC 8:30 - 6. Cadel Evans (USA) BMC 9:57 - 7. Haimar Zubeldia (ESP) RadioShack 10:11 - 8. Pierre Rolland (FRA) Europcar 10:17 - 9. Janez Brajkovic (SLO) Astana 11:00 - 10. Thibaut Pinot (FRA) FDJ 11:46. Weiter: 145. Eisel 3:30:36 Std.

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    Dass Bradley Wiggins als Führender und Kapitän des Teams Sky bei dieser Tour im Vordergrund steht, daran hat sich Christopher Froome gewöhnt. Für 2013 hofft Froome, dass sich sein Chef revanchiert.

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    Turbo gezündet, Etappe abgestaubt: Mark Cavendish.

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