Keine Hoffnung für Neckermann Österreich

20. Juli 2012, 17:36
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Brief an Lieferanten: Versandhandel in Graz "auf Insolvenzgestion umgestellt"

Wien - Neckermann will kommenden Dienstag die Karten auf den Tisch legen. Österreichs Betriebsräte sollen über das Schicksal des Versandhändlers informiert werden. Nach der Insolvenz der deutschen Mutter stehen auch in Graz 300 Jobs auf dem Spiel. Dass diese zu retten sind, wird im Konzern wie im Marktumfeld bezweifelt.

Am Freitag teilte der Vorstand in Österreich den Lieferanten per Brief, der dem Standard vorliegt, mit, dass "die Unternehmensführung bis auf weiteres auf Insolvenzgestion" umgestellt wird. Das heißt für die Gläubiger, "dass Verbindlichkeiten zumindest vorläufig nicht mehr bedient werden".

Um den laufenden Betrieb aufrechtzuerhalten, würden die Geschäfte nun Zug um Zug abgewickelt oder bei neuen Bestellungen Eigentumsvorbehalte vereinbart. In anderen Worten: Neckermann Österreich agiert so, als wäre das Unternehmen schon zahlungsunfähig. Ware gibt nur gegen Bares, Schulden werden nicht beglichen und keine neuen gemacht.

Anschlusskonkurs

Konzernkenner rechnen mit einem formalen Anschlusskonkurs innerhalb der nächsten zwei bis sechs Wochen - der rascher passieren werde als einst beim Mitbewerber Quelle. Die Abhängigkeit von Deutschland sei immens. Österreich komme seit Jahren nicht aus der Verlustzone, die Umsätze seien allein heuer um 25 Prozent gesunken. Neckermann selbst will über das Wochenende noch mögliche Optionen prüfen, bis dahin gebe es keine Stellungnahme.

In Blütezeiten rund um die Jahrtausendwende setzte der Versender hierzulande inklusive seines Osteuropa-Geschäfts 200 Millionen Euro um, bei Gewinnen von zehn Millionen. Doch der Sprung ins Internet kam zu spät. Bei Textilien geriet man angesichts stationärer Billigkonkurrenz ins Hintertreffen. Die Bestellsysteme gelten als überaltert. Das defizitäre Ostgeschäft wurde 2011 aufgelassen. Heuer zeichnen sich Umsätze von weniger als 70 Millionen Euro ab.

Von den betroffenen 300 Mitarbeitern arbeiten 100 in der Logistik. Viele unter ihnen sind langgediente gering qualifizierte Hilfskräfte. Es könne schwierig werden, diese auf dem Grazer Arbeitsmarkt unterzubringen, warnt ein AMS-Sprecher. Die Arbeitslosigkeit in diesem Bereich sei heuer zum Teil um 14 Prozent gestiegen.

In der Gewerkschaft wird hinter den Kulissen bereits über eine Insolvenzstiftung gesprochen. Diese ließe sich eventuell mit einer Stiftung für steirische Schlecker-Beschäftigte zusammenlegen.

Für Kunden bleiben im Fall der Insolvenz Bestellungen und Verträge aufrecht. Etwaige Geldforderungen oder Mängel gehören beim Masseverwalter angemeldet. (Verena Kainrath, DER STANDARD, 21./22.7.2012)

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