Wenn die Ente ungehindert watschelt

Glosse20. Juli 2012, 18:07
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Politische Hinterbänkler, absurde Umfragen oder griechische Märchen? Was macht die perfekte Sommerloch-Geschichte aus?

Das Sommerloch hat etwa einen Durchmesser von zwei bis drei Monaten und ist so tief, wie die Boulevardmedien-Burleske es zulässt. Ähnlich wie ein Schwarzes Loch droht es, alles um sich herum zu fressen, ganze Redaktionen können hineinstürzen. Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass auch in der Nähe des Sommerlochs die Zeit langsamer zu vergehen scheint.

Die Politik, der Sport, die Kunst und ihre Beobachter sind auf Urlaub. Sich zu bewegen - geistig oder körperlich - ist eine schweißtreibende und also unbequem-unerwünschte Angelegenheit. Das Fernsehen zeigt Wiederholungen von Serien aus den 90ern, die keiner mehr sehen kann. In den Redaktionen wuseln die Praktikanten. In den Foren spotten die User: Schon wieder eine Sommerloch-Stopfung!

Doch was zeichnet sie aus, die perfekte Sommerloch-Geschichte? Prinzipiell gibt es drei Kategorien für Sommerloch-Geschichten: Jene aus erlesener Politiker-Produktion, irrelevante Chronik-Storys, die bei Abwesenheit dringenderer Nachrichten ins Sonnenlicht rücken, und die klassischen Zeitungsenten, die bei hitzebedingter Apathie ungehindert auf die Titelseite watscheln.

Aus der politischen Hinterbank

Das Sommerloch ist für Politiker aus den wenig beachteten hinteren Reihen eine ideale Gelegenheit, sich durch sogenannte "Sommerloch-Ideen" ins Gespräch zu bringen. Eine Sommerloch-Idee ist ein absurder Vorschlag weit fern der Realisierbarkeit und hat nur eine Aufgabe: die Hinterbänkler ins Gespräch zu bringen. So geschehen in Deutschland mit der Forderung, Griechenland-Urlaube staatlich zu fördern, um Deutsche aufzuheitern und gleichzeitig die griechische Wirtschaft anzukurbeln. Win-win für die Politiker Erwin Lotter und Jorgo Chatzimarkakis, die sich mit dieser Ouzo-Idee in die Schlagzeilen geschlichen haben.

Kuriositäten-Kabinett

Diese Art der Sommerloch-Geschichte ist am häufigsten anzutreffen. In Zeiten der großen Politik- und Wirtschaftsschlagzeilen lässt man die kleinen, vielleicht witzigen, absurden, einzigartigen, aber ohne Service- oder Newswert ausgestatteten Geschichtchen beiseite. Doch im Sommerloch können etwa "Der Mann, der verhaftet wurde, weil er einen zu langen Penis hat" oder die "Stripperin mit Achtlingen" nachrücken. Meinungsumfragen im Rundfunk à la "Was ist heute für Sie ins Wasser gefallen?" oder "Welches Kleidungsstück tragen Sie im Winter und Sommer?" zeugen von der neuronalen Ermüdung der Redakteure.

Ente auf griechische Art

Die Krönung der Sommerloch-Geschichten sind natürlich die komplett erfundenen. Praktisch hierbei: Man muss bei der Hitze nicht durch das Internet surfen oder die APA-Meldungen durchsuchen, sondern kann sich die Schlagzeile vom ereignislosen Tag so zurechtlegen, wie es einem gerade passt. So eine Geschichte wäre etwa die Legende von der griechischen Insel Ikaria, die - wohl im Zuge der Finanzkrise des Landes - lieber zu Österreich gehören möchte. Die sommerliche Zeitungsente des Boulevardblatts wurde dankend von vielen anderen deutschsprachigen Medien - unter anderem von derStandarad.at - übernommen.

Sommerliche Dreieinigkeit

Eine perfekte Sommerloch-Geschichte würde natürlich alle diese Merkmale in sich vereinen. Aber bei der Stärke der Boulevard-Dreifaltigkeit in Österreich ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie uns ereilt. Bis dahin können wir uns fragen: Warum haben so viele Sommerloch-Geschichten mit Griechenland zu tun? Und könnte es sein, dass es gar kein Sommerloch gibt, sondern dass nur unser Blick auf die Medienwelt temporär geschärft ist, der Boulevard besser ausgeleuchtet? (Olja Alvir, daStandard.at, 21.7.2012)

  • Wenn die Zeitungsente ungehindert durchs Sommerloch watschelt.
    foto: derstandard.at

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